Covid-19-Maßnahmen

Preiswerte Werkzeuge der Pandemiebekämpfung

EIN KOMMENTAR Von Sibylle Anderl
08.12.2020
, 16:10
Die Wichtigkeit des individuellen Verhaltens für die Eindämmung des Infektionsgeschehens ist unbestritten. Eine Studie rekonstruiert nun, wie groß der Einfluss einer Maskenpflicht ist.

Zumindest in den Vereinigten Staaten wurde es schon nachgewiesen: Sars-CoV-2 ist ein Virus, dessen Verbreitung auf politische Präferenzen zu reagieren scheint. So hielten sich dort bereits im Frühjahr Republikaner und Nutzer konservativer Medienkanäle deutlich weniger an Abstandsregeln, was sich in erhöhten Infektions- und Verstorbenenzahlen in Trump-dominierten Regionen niederschlug – das legt jedenfalls eine Anfang November in „Nature Human Behaviour“ erschienene Studie nahe.

Ob Ähnliches auch für andere Länder gelte, sei aber unklar, so die Forscher damals. Spekuliert wird nun auch in Deutschland über einen möglichen Zusammenhang von Inzidenzen und regionaler politischer Ausrichtung. In den sozialen Medien verbreitete sich eine vorläufige Regressionsanalyse des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ), bei der nach einem Zusammenhang zwischen dem AfD-Wahlergebnis bei der Bundestagswahl 2017 und der vom RKI am 4. Dezember gemeldeten Corona-Inzidenz in 400 Landkreisen und kreisfreien Städten Ausschau gehalten wurde.

Ein politisches Virus?

Ergebnis: So eine Korrelation gibt es tatsächlich, und zwar überaus deutlich, im Osten wie im Westen, nur Bremen und Niedersachsen stellen Ausnahmen dar. Dass man daraus aber nicht schließen kann, dass AfD-Begeisterung zur Virusverbreitung führt, sollte klar sein: Korrelation und Kausalität sind bekanntlich völlig verschiedene Dinge. Es könnte auch einen dritten, beispielsweise infrastrukturellen Faktor geben, der die Wähler sowohl zur AfD treibt als auch – auf welche Weise auch immer – Ansteckungen fördert. Ohne weitere statistische Analysen ist die Korrelation zwar überraschend, aber wenig aussagekräftig. Das gibt auch das IDZ selbst zu bedenken.

Dass es allerdings kaum bei der Eindämmung des Infektionsgeschehens helfen dürfte, wenn die AfD ihren Anhängern vom Einhalten der Abstandsregeln und dem Tragen von Masken abrät, ist unabhängig davon unstrittig. Insbesondere die Wirkung von Gesichtsmasken auf die Entwicklung der Fallzahlen wurde jüngst in einer Studie deutscher und dänischer Ökonomen mit hoher statistischer Gründlichkeit anhand deutscher Daten aus dem Frühjahr geprüft.

Jena und die Maskenpflicht

Für die „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften untersuchten die Wissenschaftler zunächst die Stadt Jena als Testfall. Jena war Anfang April eine der ersten Städte, die in Deutschland eine Maskenpflicht in Läden und dem Nahverkehr einführte. Der dort sichtbare Erfolg dieser Maßnahme habe in Deutschland die Wahrnehmung der Nützlichkeit von Masken stark geprägt. Die Analyse bestätigt dies. Im Vergleich mit einer statistisch konstruierten, strukturell ähnlichen Kontrollregion ohne Maskenpflicht sei in Jena 20 Tage nach der Einführung der Pflicht die Zahl der Neuinfektionen um 75 Prozent gesenkt worden.

Auch in Bezug auf andere deutsche Regionen, die bis zum 22. April eine Maskenpflicht eingeführt hatten, zeigte sich dieser Effekt. Im Durchschnitt betrug die Reduktion rund 45 Prozent. Demnach wären Masken ein ökonomisch höchst kosteneffizientes Werkzeug der Pandemiebekämpfung. Dies nicht nutzen zu wollen bräuchte äußerst gute Argumente – und zwar für alle Maskenverweigerer, egal aus welchem politischen Lager.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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