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Spätabtreibungen

Schwangere und Ärzte spüren den Druck

Von Christina Hucklenbroich
 - 06:00
Die häufigsten Gründe für Abbrüche mit medizinischer Indikation, unabhängig vom Zeitpunkt, sind diagnostizierte Herzfehler.

Seit fast zehn Jahren hat Kirsten Wassermann einen Raum im Uniklinikum Bonn. Wassermann ist Psychologin und Mitarbeiterin der evangelischen Beratungsstelle "Eva" für Schwangere. Ihr Raum ist eine Außenstelle von "Eva". Die Frauen, die in ihre Sprechstunde kommen, haben kurz zuvor erfahren, dass das Kind, das sie erwarten, niemals leben wird, niemals laufen oder sprechen oder in anderer Weise so sein wird wie andere Kinder. Manche Frauen kommen noch am Tag der Diagnose, dann gehe es um Krisenintervention, sagt Wassermann. Manche kommen etwas später, wenn sie sich schon erschreckende Bilder im Internet angesehen haben: Bilder von Kleinkindern im Rollstuhl, von Neugeborenen mit Darmschlingen, die außerhalb des Bauches liegen, oder von Babys, die ihre Gelenke nicht bewegen können. Um Angst, Abschiednehmen und um Schuldgefühle drehen sich die Gespräche oft - und auch um die Frage, ob jemand ein behindertes Kind bekommen will oder nicht.

Seit Anfang dieses Jahres, sagt Wassermann, sei unter ihren Klientinnen eine Verunsicherung zu spüren, die vorher nicht da war: "Jetzt liegt mehr Druck auf Ärzten und Patientinnen." Seit Januar ist das "Gesetz zur Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes" in Kraft. Zwar dürfen Schwangerschaften aus medizinischen Gründen weiterhin zu jedem Zeitpunkt abgebrochen werden. Ärzte haben aber nun eine Beratungspflicht, wenn Fehlbildungen beim Ungeborenen festgestellt werden; die Schwangere muss eine dreitägige Bedenkzeit einhalten, bevor ein Abbruch aus medizinischen Gründen möglich ist - außer es besteht Gefahr für das Leben der Frau. Der Arzt muss sie auf psychosoziale Beratungsstellen wie die von Kirsten Wassermann hinweisen.

Die Zahlen lassen Raum für Mutmaßungen

Der Bundestag hat die neuen Bestimmungen im vergangenen Mai endgültig verabschiedet. Viele Mediziner kritisierten schon damals, durch die Gesetzesänderung werde lediglich der Druck auf Schwangere und Ärzte in einer ohnehin extrem schwierigen Situation erhöht, in der auch zuvor keine Entscheidung übereilt oder unüberlegt getroffen worden sei. Die Politiker, die den Antrag in den Bundestag einbrachten, hofften hingegen darauf, dass es in Zukunft weniger Spätabtreibungen geben würde - also in ethischer Hinsicht besonders umstrittene Abbrüche nach der 23. Schwangerschaftswoche, wenn der Fötus schon außerhalb der Gebärmutter lebensfähig wäre.

Bei 3200 Schwangerschaftsabbrüchen, die im vergangenen Jahr in Deutschland vorgenommen wurden, lag eine medizinische Indikation vor. 240 davon waren Spätabbrüche nach Ablauf der 23. Woche. Das Statistische Bundesamt liefert allerdings nur die nackten Zahlen - welche Diagnosen dahinterstanden, von denen einige den Ärzten und den Eltern schwerwiegend genug erschienen sind, um eine Schwangerschaft nach Eintritt der Lebensfähigkeit des Fötus abzubrechen, ist daraus noch nicht ersichtlich. Die dürftigen Angaben ließen in der öffentlichen Debatte bisher viel Raum für Mutmaßungen, Halbwahrheiten und Irritationen.

Eine Studie, die in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "International Journal of Obstetrics and Gynaecology" erschienen ist, bringt nun Licht in die Grauzone: Ein Autorenteam aus Dänemark, Frankreich und Großbritannien hat erstmals für weite Teile Europas Zahlen, Ursachen und Begleitumstände von späten Abbrüchen in der Schwangerschaft erhoben. Die dänische Kinderärztin und Epidemiologin Ester Garne und ihre Kollegen werteten Datenbanken aus zwölf europäischen Ländern (darunter auch Deutschland) aus, in denen zwischen den Jahren 2000 und 2005 Abbrüche registriert wurden, die man aufgrund von Fehlbildungen des Fötus vorgenommen hat - sowohl vor als auch nach Ablauf der 23. Woche.

Vorwiegende Störungsbilder

Die häufigsten Gründe für Abbrüche mit medizinischer Indikation, unabhängig vom Zeitpunkt, waren demnach Herzfehler, gefolgt von Anencephalus und ähnlichen Fehlbildungen im Kopfbereich, also dem Fehlen von Schädel- und Gehirnanteilen. An dritter Stelle steht der Studie zufolge die Spina bifida, der "offene Rücken". Weitere Gründe waren beispielsweise das Fehlen beider Nieren, Zwerchfell- und Bauchwanddefekte. Die Forscher betrachteten die Abbrüche bei strukturellen Fehlbildungen getrennt von denen bei Chromosomenanomalien. Unter Letzteren ist das Down-Syndrom der häufigste Grund, eine Schwangerschaft abzubrechen. Zwar wurden die Schwangerschaften in mehr als 90 Prozent aller Fälle, die in den Datenbanken aufgelistet waren, vor der 24. Woche abgebrochen. Spätabbrüche häuften sich aber bei bestimmten Störungsbildern. In erster Linie ist hier zu nennen das univentrikuläre Herz: Nur eine Herzkammer ist ausgebildet. Fast ein Viertel aller Abbrüche, die aus Anlass dieser Fehlbildung vorgenommen wurden, fanden in der 24. Woche oder später statt.

Häufig waren Spätabbrüche auch bei einem anderen Herzfehler, der Transposition der großen Gefäße, bei der die Hauptschlagader aus der rechten und die Lungenarterie aus der linken Herzkammer entspringt, die Ursprungsorte beider Arterien also vertauscht sind. Bei dieser Fehlbildung wurden 16 Prozent aller Abbrüche erst nach 24 Wochen durchgeführt. Auch nach den Diagnosen Hydrocephalus, dem "Wasserkopf", und Arthrogryposis multiplex congenita, einer Gelenksteife, wurden auffallend viele Schwangerschaften erst spät abgebrochen.

Veränderungen der Prognose im Lauf der Schwangerschaft

Die Autoren der Studie vermuten, dass es vor allem bei Fehlbildungen, die im Ultraschallbild besonders schwer zu erkennen sind, zu späten Abbrüchen kommt. So seien etwa ein Hydrocephalus oder ein Herzfehler schwerer zu diagnostizieren als ein Anencephalus oder ein großer Bauchwanddefekt. Außerdem, so die Wissenschaftler, seien einige Störungsbilder fortschreitend, so dass die Prognose sich im Verlauf der Schwangerschaft verschlechtere. Bei der Gelenksteife Arthrogryposis multiplex congenita etwa gehe man von einer besonders schweren Behinderung aus, wenn der Fötus seine Bewegungen weitgehend einstelle. Dadurch könne dann längere Zeit nach der Diagnose doch noch die Entscheidung für einen Abbruch fallen.

Ärzte unterscheiden in erster Linie zwischen Fällen, in denen das Neugeborene ohnehin nicht oder nur wenige Stunden leben würde, und Fällen mit hohem Konfliktpotential, in denen Eltern sich für oder gegen ein Leben mit einem behinderten

Kind entscheiden müssen. Bei einem Hydrocephalus, einer Spina bifida oder bestimmten Organfehlbildungen etwa kann niemand vorhersagen, wie stark das Kind beeinträchtigt sein wird. „Wenn die Ärzte entscheiden, ob sie einem Abbruch zustimmen, orientieren sie sich in erster Linie daran, welche Fehlbildungen das Ungeborene hat“, sagt Annegret Geipel, Leiterin der Pränatalmedizin am Uniklinikum Bonn. Allerdings gebe es auch Fälle, in denen der Fötus ein vergleichsweise leichtes Störungsbild zeige - etwa eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder Extremitätenfehlbildungen - und die Frauen so belastet seien, dass eine psychiatrische Indikation für den Abbruch gestellt wird. Diese Indikation sei auch ausreichend für einen Spätabbruch in besonderen Fällen, in denen der Fötus überhaupt keine Fehlbildungen aufweist - etwa bei über lange Zeit verdrängten Schwangerschaften oder Schwangerschaften nach Vergewaltigungen von Kriegsflüchtlingen.

Im europäischen Vergleich

Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Ländern Europas; allerdings sind diese eher als Tendenzen zu interpretieren, denn der Studie lag nicht die jeweilige Gesamtzahl an Abbrüchen in den Ländern zugrunde. Stattdessen wurden Register einzelner Regionen ausgewertet. Deshalb sind die Daten über nationale Besonderheiten hinaus auch von den Unterschieden zwischen städtischen und ländlichen Gegenden beeinflusst - zum Beispiel dem höheren Alter der Schwangeren in Großstädten.

Auf tausend Geburten gerechnet, gibt es die meisten Abbrüche nach Fehlbildungsdiagnosen in Frankreich (9,5) und der Schweiz (7,4); die wenigsten in den Niederlanden (1,4). Ähnlich sieht es bei den Spätabbrüchen aus: Während in den Niederlanden, Dänemark und Norwegen nur 0,1 Spätabbrüche auf tausend Geburten kamen, waren es in Frankreich 2,65. Deutschland lag mit 0,2 am unteren Ende der Skala; kein Land außer Frankreich hatte eine höhere Rate als 0,6. Die Autoren sehen hier zum einen eine technische Ursache: In Frankreich wird die im zweiten Trimenon übliche Ultraschalluntersuchung in der 22. Woche und somit etwa drei Wochen später vorgenommen als in den meisten anderen Ländern. Die durchschnittliche Zeitspanne zwischen Diagnose und Abbruch beträgt der Studie zufolge nur zwei Wochen; so kommt es in Frankreich zu vermehrten Abbrüchen ab der 24. Woche. Allerdings verzeichnen die Franzosen auch vierzehnmal so viele Abbrüche nach der 26. Woche wie die anderen Länder im Durchschnitt. In Italien dagegen sind Abbrüche wegen fötaler Fehlbildungen überhaupt nur vor der 24. Woche erlaubt; in Irland sind sie ganz verboten.

Quelle: F.A.Z.
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