Sportmedizin

Druck auf die Kammer

Von Nicola von Lutterotti
04.02.2012
, 06:00
New York City-Marathon im Jahr 2011
Auch bei leistungsstarken Sportlern leidet das Herz. Das zeigt jetzt eine belgisch-australische Studie an Athleten, die intensiv Ausdauersport betreiben.
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Sportliche Extrembelastung scheint selbst bei guttrainierten Personen zu einer vorübergehenden Schwächung des Herzens zu führen. Zwar meist ohne erkennbare Folgen, hinterlässt sie im Herzgewebe einer Minderheit der Athleten offenbar tiefere Spuren. Nicht ausgeschlossen ist daher, dass sie der Entstehung von Herzrhythmusstörungen teilweise Vorschub leistet. Anlass zu einer solchen Vermutung geben zumindest die Ergebnisse einer australisch-belgischen Studie, an der vierzig größtenteils männliche Athleten beteiligt waren. Alle Probanden hatten ein gesundes Herz, waren durchschnittlich zwischen dreißig und vierzig Jahre alt und betrieben wöchentlich mehr als zehn Stunden intensiv Ausdauersport. Zu Beginn der Studie befanden sie sich gerade in der Vorbereitung für einen Marathon, ein alpines Radrennen, einen Triathlon oder einen Ultra-Triathlon. Bei früheren Wettkämpfen dieser Art hatten die Teilnehmer jeweils unter den besten 25 Prozent abgeschnitten - ein Zeichen dafür, dass sie über ein hohes Leistungsniveau verfügten. Zwei bis drei Wochen vor dem Startschuss unterzogen sich alle Athleten einer umfassenden medizinischen Untersuchung, die unmittelbar nach dem Rennen und eine Woche darauf wiederholt wurde.

Wie André La Gerche vom St. Vincent's Hospital der University of Melbourne und die anderen Studienautoren im "European Heart Journal" (doi: 10.1093/eurheart/ehr397) berichten, wirkte sich die mehrstündige Extrembelastung auf die linke Herzhälfte der Athleten anders aus als auf die rechte. So blieb die Leistungsfähigkeit der linken Herzkammer, die den Blutkreislauf in Gang hält, zu allen Messzeitpunkten gleich. Im Gegensatz hierzu ließ die rechte Herzkammer, die das sauerstoffarme Venenblut in die Lungen befördert, nach dem Rennen merkliche Schwächezeichen erkennen. Diese bestanden in einer Überdehnung der Herzwände und einer verminderten Pumpkraft. Je anstrengender zudem die Sportart, desto ausgeprägter waren diese auf einen Kräfteschwund deutenden Veränderungen. Mit dem Ausmaß der körperlichen Beanspruchung stieg zugleich auch der Gehalt eines Troponin genannten Herzeiweißes im Blut, das bei Schädigungen des Herzmuskels freigesetzt wird. Die gute Nachricht: Innerhalb einer Woche bildeten sich die erwähnten Störungen bei den meisten Sportlern vollständig zurück. Die schlechte: Bei fünf Athleten fand man Anzeichen für bleibende Herzmuskelschäden. Diese Probanden hatten schon viel länger an Wettkämpfen teilgenommen als jene Sportler gleichen Alters, bei denen keine Veränderungen im Herzmuskel nachweisbar waren.

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Unzureichend erforscht

Wie Sanjay Sharma und Abbas Zaidi von der Abteilung für Kardiologie der St.- Georgs-Universität in London in einem Editorial feststellen, sind die Auswirkungen von Ausdauersport auf die rechte Herzkammer erst unzureichend erforscht. Starke körperliche Belastung setze indes auch die der Lunge vorgeschaltete rechte Herzhälfte erheblich unter (Blut-)Druck. Ob die hierdurch hervorgerufene, vorübergehende Funktionsstörung der rechten Herzkammer langfristige Folgen habe, könne die vorliegende Studie zwar nicht klären. Denkbar sei gleichwohl, dass so die Entstehung von Herzrhythmusstörungen begünstigt wird. Denn ehemalige Ausdauerleistungssportler tragen ein fünfmal höheres Risiko für Vorhofflimmern, eine vor allem im Alter verbreitete Entgleisung des Herztakts, als die Allgemeinbevölkerung. Wie Sharma und seine Kollegen andererseits klarstellen, übt in Maßen betriebener Sport ausgesprochen günstige Einflüsse auf Herz und Kreislauf aus. Was die Verhütung von Herzinfarkten und anderen arteriosklerotischen Krankheiten angeht, sei moderate körperliche Aktivität nicht nur sehr viel effektiver als die einschlägigen Medikamente, sondern besitze obendrein keine unerwünschten Nebenwirkungen.

Quelle: F.A.Z.
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