Diät gegen Diabetes?

Fragwürdige Geschäfte mit Zuckerkranken

Von Felicitas Witte
31.05.2019
, 07:26
Abnehmen hilft - und senkt womöglich die HbcA1-Werte.
Hilft abnehmen, um seinen Diabetes wieder loszuwerden? Bei einigen Patienten kann das klappen. Aber auch mit niedrigeren Werten kann man in die Fänge einer Gesundheitsindustrie geraten.
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Einmal Diabetes, immer Diabetes, lebenslang Medikamente: Das ist die landläufige Meinung zur „Zuckerkrankheit“. Beim Typ 1 stimmt das auch. Die Bauchspeicheldrüse stellt kein Insulin mehr her, und die Patienten müssen sich das Hormon lebenslang spritzen. Anders beim Typ 2. Es ist zwar eigentlich genügend Insulin da, aber es wirkt nicht mehr richtig an den Körperzellen – am häufigsten, weil die Betroffenen übergewichtig und erblich vorbelastet sind. Eine Weile produziert die Bauchspeicheldrüse einfach mehr Insulin, aber irgendwann kommt das Organ an seine Grenzen, der Blutzucker steigt an, und flugs hat der Patient seine lebenslange Diagnose. Reflexartig verschreibt dann so manch ein Arzt sofort Medikamente.

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Doch das muss nicht sein. Ein Typ-2-Diabetes lässt sich so unterdrücken, dass die Blutzuckerwerte auch noch nach Jahren im normalen Bereich sind – und zwar durch eine radikale Abnehmkur. Jedem Dritten gelingt es damit, die Blutzuckerwerte zu normalisieren, und er kann auf Medikamente verzichten, so das Ergebnis der „Direct“-Studie unter Federführung von Roy Taylor von der Universität in Newcastle und Michael Lean von der Universität in Glasgow. Schon vor zwei Jahren hatten die Stoffwechselexperten die Ein-Jahres-Zahlen vorgestellt, jetzt berichteten sie über die Daten nach zwei Jahren.

Auch deutschen Diabetologen, die auf Kongressen gerne über die vielen neuen Diabetesmedikamente diskutieren, scheint das Thema nun offenbar wichtig zu sein. Sie haben Roy Taylor zum Kongresses der Deutschen Diabetesgesellschaft nach Berlin eingeladen, um sein Abnehmprogramm vorzustellen. Und das ist nicht ohne. In seiner Studie nahmen 149 übergewichtige Diabetiker drei bis fünf Monate lang eine Flüssigdiät mit 825 bis 835 Kalorien pro Tag zu sich und stoppten ihre Diabetesmedikamente. Nach der Flüssigkur wurde über sechs bis acht Wochen die Kalorienzufuhr wieder gesteigert, anschließend wurden die Teilnehmer mit monatlichen Ernährungsberatungen unterstützt. Die 149 Teilnehmer der Vergleichsgruppe änderten ihre Ernährung nicht und nahmen weiterhin ihre Medikamente. Die Radikalkur zahlte sich aus: Nach einem Jahr war bei knapp jedem zweiten Patienten der HbA1c-Wert unter 6,5 Prozent gesunken, und nach zwei Jahren lag der Wert immerhin noch bei jedem dritten darunter, Ärzte nennen das Remission. Je mehr jemand abnahm, desto größer die Chance dafür. Der HbA1c spiegelt den Blutzuckerspiegel der vergangenen Monate wider, ab einem Wert von 6,5 spricht man von Diabetes.

Keine gute Idee, wenn man abnehmen möchte.
Keine gute Idee, wenn man abnehmen möchte. Bild: dpa

„So eine Abnehmkur kann klappen“, sagt Hans Hauner, Chef-Ernährungsmediziner an der Technischen Universität in München. „Man braucht aber sehr viel Durchhaltevermögen und sollte die Diät unbedingt mit einem Arzt besprechen.“ In seiner Sprechstunde sehe er immer wieder übergewichtige Diabetiker, die es schaffen, dauerhaft abzunehmen. „Bei anderen klappt es aber trotz intensiver Versuche nicht. Oftmals stecken hinter Übergewicht Ursachen, die bei der Behandlung vergessen werden.“ Zum Beispiel psychische: „Für manche ist das Übergewicht ein Schutz, etwa weil sie in der Kindheit vernachlässigt wurden oder etwas Traumatisches erlebt haben. Oft klappt das Abnehmen dann besser, wenn die Betroffenen parallel mit einem Psychologen oder Psychiater sprechen.“

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Peter Sawicki, Diabetologe in Duisburg, warnt vor falschen Hoffnungen: „Sinkt der HbA1c unter die Diabetesschwelle, ist das zwar sehr gut, aber es bedeutet keine Heilung.“ Durch die Gewichtsreduktion braucht der Körper weniger Insulin, und es ist wieder genügend vorhanden, um den Zucker aus dem Blut zu entfernen. „Nimmt der Betroffene wieder zu, steigen die Blutzuckerwerte aber erneut an.“ Der Patient sei dann oftmals ziemlich frustriert, erzählt Hauner. „Ich erkläre ihm, dass sich der Diabetes auch wieder unterdrücken lässt, wenn er nochmals ein paar Kilo verliert, und wir überlegen gemeinsam Strategien, wie er das schaffen könnte.“ Bei dem einen ist das zum Beispiel eine Flüssigdiät, ein anderer macht Intervallfasten, ein Dritter mehr Sport, ein Vierter sucht einen Psychologen auf. Das Problem sei aber oft nicht das mangelnde Engagement des Patienten, sagt Sawicki. „Viele Kollegen denken leider nicht daran, Diabetikern von der Wirksamkeit einer Abnehmkur zu erzählen“, sagt er. „Es ist halt viel einfacher und zeitsparender, ein Rezept für ein Diabetesmittel auszustellen, als mit dem Patienten gezielte nichtmedikamentöse Behandlungsstrategien zu entwickeln.“

Geschäfte mit Prädiabetes

In den Vereinigten Staaten boomt indes das „Geschäft“ mit Prädiabetes, also HbAc-Werten zwischen 5,7 und 6,4 Prozent. Weil dort die HbA1c-Schwelle für die Definition Prädiabetes heruntergesetzt wurde, bekamen dort Millionen mehr Menschen die Diagnose Prädiabetes. Amerikas oberste Gesundheitsbehörde, die Centres of Disease Control, übernahm 2005 die Definition und empfahl bei Prädiabetes gesünderes Essen und mehr Sport. Verschiedene Studien, etwa das Amerikanische Diabetes Prevention Program (DPP), haben gezeigt, dass sich mit einer Änderung des Lebensstils das Fortschreiten eines Prädiabetes oft verhindern lässt. Am besten ist eine Kombination aus körperlicher Bewegung und Abnehmen.

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Weil das aber oft nicht fruchtet, verschreiben in den Vereinigten Staaten offenbar immer mehr Ärzte Diabetesmittel schon vor Ausbruch des Diabetes. 44 Milliarden Dollar kostete die Behandlung des Prädiabetes das amerikanische Gesundheitssystem im Jahr 2012 – das sind rund 1,6 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben und 74 Prozent mehr als 2007. Der Grund: vermutlich Interessenkonflikte. Die ADA soll massiv von Firmen unterstützt werden, die mit ihren Medikamenten und Geräten finanziell enorm von den Prädiabetikern profitieren. Auch Ärzte sollen gesponsert worden sein. Viele Wissenschaftler kritisieren jedoch die Definition Prädiabetes. In einer Metaanalyse aus 103 Studien mit mehr als 250 000 Teilnehmern hatten diejenigen mit Prädiabetes zwar ein höheres Risiko für einen Diabetes, aber bei vielen sanken die Zuckerwerte dann wieder auf Normalwerte, selbst noch nach Jahren.

„Was Prädiabetes für den Einzelnen bedeutet, ist unbekannt, und wir haben noch keinen wissenschaftlichen Beleg, dass es nützt, wenn wir den Wert manipulieren“, sagt Ingrid Mühlhauser, Gesundheitwissenschaftlerin an der Universität Hamburg. „Trotzdem werden vermutlich auch hierzulande viele Menschen sicherheitshalber behandelt.“ Und selbst wenn es „nur“ Tipps zur Lebensstiländerung seien: „Keiner hat jemals untersucht, wie sich ein Diät- oder Abnehmprogramm auf das Eheleben und den Familienfrieden auswirken kann.“ Andreas Fritsche vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung an der Universität Tübingen hofft, Prädiabetikern gezieltere Präventionsmaßnahmen anzubieten. In der Prädiabetes-Lebensstil-Interventionsstudie „Plis“ mit 1160 Teilnehmern fand er heraus, dass nur rund jeder Zweite auf eine Änderung des Lebensstils anspricht. In früheren Untersuchungen identifizierte er zwei Gruppen: Bei Hochrisiko-Patienten mit verringerter Insulinproduktion, deren Körperzellen nicht mehr gut auf Insulin ansprechen und die zu viel Fett in der Leber haben, senkte die Lebensstiländerung den Blutzucker deutlich. Bei Niedrigrisiko-Patienten mit normaler Leber und gesundem Insulinstoffwechsel war das nicht der Fall. „Diese Prädiabetiker brauchen sich nicht mit einer Änderung des Lebensstils zu quälen – sie bekommen vermutlich nie einen Diabetes“, sagt Fritsche.

Quelle: F.A.Z.
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