Videokonferenzen

Der Terror des eigenen Bildschirmgesichts

EIN KOMMENTAR Von Sibylle Anderl
18.11.2020
, 10:22
Nie gab es mehr Videokonferenzen als 2020. Das heißt aber auch: Wir sehen uns ständig selbst auf dem Bildschirm. Was das für Folgen haben kann, wissen Schönheitschirurgen zu berichten.

Das Gesicht der Krise, das werden viele im Homeoffice Arbeitende bestätigen können, gehört weder Christian Drosten noch Angela Merkel. Das Gesicht, das uns in diesem Jahr am intensivsten verfolgt, ist vielmehr unser eigenes. In praktisch jeder Videokonferenz starrt es uns befremdlich entgegen, ungünstig ausgeleuchtet, seltsam verzerrt, mit Flecken, Augenringen und zu seltsamen Grimassen neigend.

Dass dies für viele eine echte Belastung sein kann, mit der sich die gebeutelte Pandemiepsyche zusätzlich zu all den anderen Problemen auch noch herumschlagen muss, haben Mediziner in der Zeitschrift „Facial Plastic Surgery & Aesthetic Medicine“ beschrieben. Demnach habe im Zuge der Pandemie die Zahl der Patienten deutlich zugenommen, die ihr Bild auf Zoom als Grund nennen, sich eine medizinische Verschönerung des eigenen Gesichts zu wünschen. Dies spiegele sich auch in der Entwicklung von Google-Anfragen wider, denen gemäß sich in den vergangenen Monaten außergewöhnlich viele Nutzer um „Akne“ und „Haarausfall“ sorgten.

Dabei könnte den Autoren zufolge sogar ein tückischer Rückkopplungseffekt eine Rolle spielen: Wenn wir in ungekannter Deutlichkeit unsere optischen Unzulänglichkeiten bemerken, deprimiert uns das, wodurch unserer Erscheinung noch mehr positive Frische verlorengeht. Aus diesem unbewusst ablaufenden Teufelskreis kann uns selbst das theoretische Wissen um die verzerrende Wirkung der eingesetzten Übertragungstechnologie nicht wirklich retten – auch wenn die von den Medizinern zitierte Tatsache, dass eine Nase aus 30 Zentimeter Entfernung 30 Prozent größer erscheint als aus eineinhalb Meter Distanz, durchaus etwas Tröstliches hat.

Klar ist aber: Je länger wir uns selbst anstarren, desto mehr Unerfreuliches gibt es potentiell zu entdecken. Nun könnte man hoffen, dass die Videoplattformen schnell reagieren und – wie bereits in den sozialen Medien oft üblich – hilfreiche Filterfunktionen zum Standard machen. Die Hoffnung, dass das an unserer Tendenz zur gestörten Selbstwahrnehmung etwas ändern könnte, dämpfen die Mediziner aber. Vor der Pandemie sei die vorherrschende Motivation für ästhetische Eingriffe gerade die Unzufriedenheit über das Abweichen des Spiegelbildes vom filteroptimierten Selfie gewesen.

Die technologisch vermittelte Selbstsicht bleibt also schwierig. Ein Gutes hat die Pandemie dann aber doch: Wer das Hadern mit seinem Äußeren gar nicht anders in den Griff bekommt, kann sich immerhin so einfach wie nie zuvor hinter einer hübschen Maske verstecken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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