Vogelgrippe

Molekulares Basteln an einem Impfstoff

Von Barbara Hobom
24.08.2005
, 01:00
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An einem Impfstoff, der den Menschen vor dem Vogelgrippevirus schützen kann, arbeiten derzeit zahlreiche Forscher. Die Weltgesundheitsorganisation hat einen Prototyp zur Verfügung gestellt, der schon an Freiwilligen getestet wurde.
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Der beste Schutz vor einer Influenzagrippe ist die Schutzimpfung. In Vietnam, China und anderen Gebieten Südostasiens, wo derzeit das Vogelgrippevirus H5N1 unter Haus- und Wildgeflügel tobt, werden daher Millionen von Tieren geimpft.

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Dadurch will man die weitere Ausbreitung des Erregers eindämmen. Die dazu verwendeten Impfstoffe sind für den Menschen indessen nicht geeignet. Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen ist das derzeit grassierende H5N1-Virus kaum auf den Menschen übertragbar, und es ist damit zu rechnen, daß sich der Erreger weiter verändert, bis er die Fähigkeit erlangt, den Menschen zu infizieren. Zum anderen geht aus verschiedenen Untersuchungen hervor, daß der Geflügelimpfstoff beim Menschen vermutlich keinen ausreichenden Schutz aufzubauen vermag. Die Wissenschaftler versuchen daher, mit modernen gentechnischen Tricks bereits im Vorfeld einer möglich erscheinenden Grippe-Pandemie einen passenden Impfstoff maßzuschneidern.

Angst vor Vermischung der Viren

Der aktuelle Grippeimpfstoff, mit dem sich demnächst vor allem ältere und geschwächte Menschen vor der nächsten Grippewelle in Herbst und Winter wappnen, vermag nicht vor einer Vogelgrippe zu schützen. Dennoch wäre es nach dem Rat der Weltgesundheitsorganisation im Fall einer anrollenden Grippe-Pandemie sinnvoll, daß sich auch andere Risikopersonen, das heißt vor allem Menschen, die wie die Geflügelschlächter engen Kontakt zu Geflügel haben, mit diesem Impfstoff immunisieren lassen. Denn das würde das Risiko reduzieren, daß der Mensch zum "Mischgefäß" wird, in dem sich ein humanpathogenes Grippevirus mit einem Vogelvirus mischt. Dabei könnte ein neues Virus entstehen, das auch den Menschen leicht zu infizieren vermag.

Besondere Aufmerksamkeit richtet die Weltgesundheitsorganisation aber auf die Entwicklung eines Impfstoffes, der den Menschen vor dem gefürchteten H5N1-Vogelvirus gezielt zu schützen vermag. Sie hat einen Impfstoff-Prototyp zur Verfügung gestellt, der bereits an verschiedene Institutionen und Hersteller ausgegeben wurde, damit ein Impfstoff produziert und erprobt werden kann. Der Impfstoff setzt sich aus drei Varianten des Influenzavirus H5N1 zusammen. Es handelt sich dabei um den im Jahr 2003 in Hongkong aufgetauchten Stamm sowie die beiden seit 2004 in Vietnam umlaufenden Virusstämme. Erste Versuche mit dem trivalenten Impfstoff bei einer kleinen Zahl gesunder Freiwilliger ergaben, daß der Impfstoff gut verträglich ist und beim Menschen eine Immunantwort auslöst.

Damit ist aber noch nicht gesagt, daß er tatsächlich vor dem gefürchteten Virus schützt. So hat sich beispielsweise gezeigt, daß die Antikörper im Blut von Personen, die mit dem ungefährlichen und zudem inaktivierten Entenvirus H5N3 immunisiert worden waren, gegen die neuen H5N1-Viren fast wirkungslos waren. Erich Hoffmann und andere Wissenschaftler aus der Arbeitsgruppe um Robert Webster vom St. Jude Children's Research Hospital in Memphis (Tennessee) haben sich daher an eine systematische Analyse der als Hämagglutinin (HA beziehungsweise H) bezeichneten Struktur des Virus gemacht. Das HA-Protein ist die Kontakt-Struktur, mit der sich das Virus an Wirtszellen anlagert. Wie die Forscher in der Early Edition der "Proceedings" der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, unterscheidet sich der Virusstamm aus Hongkong von 1997 in seiner H5-Struktur in zehn Aminosäuren von dem zweiten, in Vietnam 2004 aufgetauchten Virusstamm.

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Austausch einzelner Aminosäuren

Die Forscher versuchen nun herauszufinden, wie die HA-Struktur molekular auszusehen hat, damit sie einen starken Immunschutz gegen H5N1-Viren auszulösen vermag. Auch sie beobachteten, daß man in Immunisierungsversuchen mit verschiedenen H5-Strukturen zwar die Bildung von Antikörpern anregen kann, daß diese die entscheidende Kontaktstruktur des Erregers aber kaum blockierten. Die amerikanischen Wissenschaftler haben mit Hilfe einer als Reverse Genetik bezeichneten Technik durch den Austausch jeweils einer einzelnen Aminosäure in der HA-Struktur eine H5-Variante gefunden, die bei Frettchen eine deutlich bessere Immunantwort gegen die HA-Struktur eines Vietnam-Virusstammes auslöste als alle anderen H5-Strukturen.

Damit ist ein Anfang gemacht, die sich beim Kontakt mit einer Wirtszelle ändernde Architektur und das Verhalten dieser Struktur bei der Begegnung mit Abwehrzellen besser zu verstehen. Die Erkenntnisse dürften nicht nur für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes wichtig sein. Sie könnten auch helfen, beim Auftauchen neuer H5N1-Varianten bereits abzuschätzen, wie gefährlich eine solche Variante für den Menschen vermutlich ist.

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Quelle: F.A.Z., 24.08.2005
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