Stanley Prusiner wird 80

Vom Ketzer zum Visionär

Von Sonja Kastilan
28.05.2022
, 07:00
Biochemiker und Neurologe Stanley B. Prusiner im Jahr 2015
Er entdeckte infektiöse Proteine als Ursache für die Tierseuchen Scrapie und BSE sowie für die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Heute wird der Biochemiker und Nobelpreisträger Stanley Prusiner achtzig Jahre alt.
ANZEIGE

Der Gedanke, dass Proteine tödliche Gehirnkrankheiten auslösen und noch dazu infektiös sein können, klingt heute nicht weniger verrückt als vor vierzig Jahren. Obwohl die Hochphase des Rinderwahnsinns die größten Zweifel ausgeräumt haben dürfte, dokumentiert in Bildern von taumelnden Kühen oder Kadaverbergen nach Massenschlachtungen, und ein Nobelpreis die abwegige Idee eines amerikanischen Neurologen 1997 als „Entdeckung eines neuen biologischen Prinzips der Infektion“ würdigte, so bleibt die Vorstellung für manche trotzdem unvorstellbar.

Stanley B. Prusiner veröffentlichte im Jahr 1982 mehrere Studien, in denen er seine Versuche zu Scrapie beschrieb, einer seit dem 18. Jahrhundert bekannten Schafkrankheit, deren rätselhaften Ursache er finden wollte. Mit revolutionären Ergebnissen, die unter Experten heftige Kontroversen auslösten: Für diese „spongiforme Enzephalitis“ sei kein kleines „slow virus“ verantwortlich, wie bis dahin vermutet wurde, sondern etwas ganz anderes Ansteckendes, das Prusiner nun „Prionen“ nannte. Nicht Viren, Bakterien, Pilze oder Parasiten waren demnach die Erreger, sondern infektiöse Proteine, mit Langzeitwirkung.

ANZEIGE

Stanley Prusiner war vierzig Jahre alt, als er dieser Entdeckung einen einprägsamen Namen gab. 1942 in Des Moines, Iowa, geboren und in Cincinnati, Ohio, aufgewachsen, studierte er, der sich in der Schule eher gelangweilt und keinen großen Ehrgeiz an den Tag gelegt hatte, in Philadelphia an der Universität von Pennsylvania zunächst Chemie, um dann doch zur Medizin zu finden. Seinen Militärdienst leistete er anschließend an den National Insti­tutes of Health. Nach diesen drei Jahren fühlte er sich bereit, sein eigenes Labor aufzubauen, wie er in seinen Memoiren „Madness and Memory“ aus dem Jahr 2014 beschreibt. Nur in welche Richtung er gehen wollte, das wusste er noch nicht genau. Also kehrte Prusiner zurück an die Universität von Kalifornien in San Francisco, wo er zuvor hospitiert hatte, und übernahm eine Stelle auf Zeit in der Neurologie.

Zu einem unbrauchbaren „Gewebeschwamm“ verkommen

Der Fall einer Patientin wurde dort für ihn zum Schlüsselerlebnis: Eine attraktive Sechzigjährige mit leuchtenden blauen Augen, voller Enthusiasmus, wie er sich an die erste Begegnung erinnert, zugleich wirkte sie seltsam abwesend. Die Frau litt unter Gedächtnisstörungen, konnte die eigenen Symptome nicht benennen und hatte Schwierigkeiten mit der Feinmotorik ihrer Hände; ein paar Monate später starb sie an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Damit begann 1972 seine Odyssee, die man als Obsession bezeichnen könnte. Prusiner wollte herausfinden, was das Gehirn von Menschen oder auch Tieren zu einem unbrauchbaren „Gewebeschwamm“ verkommen lässt. Zehn Jahre später war er sich der Prionen sicher.

Seine Studien erschienen in renommierten Fachjournalen, und doch ließ sich die Forschungszunft nur schwer überzeugen. Wie sollten sich Proteine, noch dazu körpereigene, denn ohne Erbinformation, weder auf Basis von DNA noch RNA, vermehren können? Inzwischen wird das Konzept von misslich gefalteten Eiweißmolekülen, die ihre Fehlstruktur wohlgeformten Versionen aufzwingen, sie umklappen lassen, nicht nur für Tierseuchen wie Scrapie oder BSE und seltene bei Menschen auftretende Krankheiten wie Creutzfeldt-Jakob oder Kuru akzeptiert. Auch bei anderen neurodegenerativen Krankheiten, etwa Alzheimer und Parkinson, spielt das von Stanley Prusiner entdeckte Prinzip eine Rolle. Jetzt wird er als Visionär gepriesen und nicht mehr als Ketzer geächtet oder gar mit einem „Teppichhändler“ verglichen. Der Entdecker der Prionen widmet sich nach wie vor deren Erforschung und feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag.

ANZEIGE
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Zertifikate
Weiterbildung in der Organisationspsychologie
Sprachkurse
Lernen Sie Italienisch
Englisch
Verbessern Sie Ihr Englisch
ANZEIGE