FAZ plus ArtikelCovid-19 genauer betrachtet

Nicht „nur“ eine Grippe

Von Joachim Müller-Jung
30.06.2021
, 12:25
Beide gefährlich und doch sehr verschieden, doch eine verbreitet mehr Angst und Schrecken: Das Coronavirus SARS-CoV-2 (links) unterscheidet sich nicht nur im Elektronenmikroskop  deutlich vom Influenza
Alpha, Delta und kein Ende: Die Pandemie bringt immer noch bedrohlichere Coronaviren ­hervor. Trotzdem hält sich ein ­gefährlicher Mythos: Ist doch „nur“ eine „kleine“ Grippe. Was falsch daran ist.
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Die nächste Grippewelle rückt unweigerlich näher. Zweifach gewissermaßen. Zuerst droht die „Nur eine“-Grippe, das ist die, die in bestimmten Kreisen auch als „kleine“ oder „harmlose“ Grippe kursiert. Bei ihr handelt es sich allerdings gar nicht um eine Influenza-Epidemie, vielmehr ist damit Covid-19 gemeint. Seit die Inzidenzen runter- und die Angst vor der Delta-Variante hochgeht, seitdem also über die vierte Corona-Welle und die mögliche Wiederkehr von Eindämmungsmaßnahmen inklusive Lockdowns nach dem Sommer diskutiert wird, muss man mit solchen suggestiven Vergleichen wieder verstärkt rechnen. Später, im Winter, wenn die Masken womöglich gefallen sind, könnte Influenza dann wirklich zurückkehren. Im Schlepptau von Covid-19.

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Weltweit sterben an den Folgen einer Influenza-Infektion im Schnitt jährlich an die vierhunderttausend Menschen. Tausende allein in Deutschland. Wer eine Influenza durchmacht und deswegen lange liegt, kann sie kaum als harmlos abtun. Eine Grippe ist auch nie klein, wie ein „grippaler“ Infekt, der von Erkältungsviren verursacht wird. Influenzaviren bedrohen die Gesundheit viel massiver. Und selten ist nach einer Grippesaison in der Bevölkerung die Restimmunität so groß, dass die nächste Grippesaison ausfällt. Die vergangene Grippesaison 2020/21 ist allerdings praktisch ausgefallen, im ganzen Land wurden nur ein paar Hundert Grippefälle gemeldet – nicht wegen einer Restimmunität, sondern wegen der Corona-Maßnahmen: Masken, Distanz, Hygieneregeln. Der Kampf gegen Covid-19 hat gewirkt. Allerdings gegen die Grippe – lange nicht genug gegen Corona.

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Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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