Omikrons Turboviren

Wie viel Vertrauen verdienen die Covid-19-Impfstoffe noch?

Von Joachim Müller-Jung
24.05.2022
, 20:12
Impfspritzen - ein Auslaufmodell?
Im dritten Pandemie-Sommer braucht es eine weitere Wende: Mit Fortschrittsoffensiven gegen die Risiken des Omikron-Turbos.
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Die ungewöhnliche Häufung von Infektionen mit Affenpocken-Viren haben in den vergangenen Tagen vor allem die Öffentlichkeit alarmiert, weniger die Virologen. Genau umgekehrt sind die Vorzeichen mit der Sars-CoV-2-Variante Omikron. Große Teile der Bevölkerung haben mit ihrer eigenen – sofern harmlos verlaufenden – Omikron-Infektion das Pandemierisiko auf nahe null heruntergestuft, während bei vielen schon der Begriff Pocken die schlimmsten Seuchenängste weckt.

Nicht einmal die auffällige Häufung von Impfdurchbrüchen bei geboosterten Covid-19-Opfern wird als schlechtes Omen gedeutet. Motto: Corona kann mir nichts mehr. Zumindest im Hinblick auf die komplett Geimpften und mit Omikron Infizierten wird die Hoffnung durch Studien gedeckt. Die Immunantwort nach Impfung und Infektion ist mit Blick auf Antikörper und T-Zell-Antwort nach wie vor beeindruckend, jedenfalls lässt sich das bisher für das erste halbe Jahr nach Beginn der ersten Omikron-Welle sagen. Die Impfungen reduzieren außerdem das Long-Covid-Risiko um mindestens die Hälfte, wie im „British Medical Journal“ zuletzt nachzulesen war. Insbesondere ist auch der Schutz vor schwerer Krankheit und Tod nach den ersten drei und erst recht vier Impfdosen nach wie vor hoch – um die achtzig Prozent sind für einige Monate geschützt –, allerdings bröckelt auch diese Immunwand, seitdem Omikron eine selbst für Virologen erstaunliche Anpassungsfähigkeit an den Tag legt.

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Diese einmalige Evolutionsgeschwindigkeit von Omikron ist es, gefördert durch hohe Fallzahlen und Immunitätslücken, die das Corona-Risiko derzeit nicht etwa kleiner werden lässt. Dazu kommt die sukzessiv nachlassende Immunität der Menschen. Und all das lässt die Experten fürchten, dass die in vieler Hinsicht leichter ausrechenbaren und weniger wandlungsfähigen Affenpocken-Viren über kurz oder lang wieder in den Hintergrund treten.

Omikron ist Meister der Immunflucht

Statt die Pandemie abzuhaken oder die Covid-19-Impfstoffe wegen der Impfdurchbrüche fälschlich für nutzlos zu halten, geht es jetzt deshalb darum, weiter aufzurüsten gegen das Virus. Seitdem die erste Omikronwelle mit dem Subtyp BA.1 durch ist und insbesondere in Südafrika, Asien und Nordamerika von anders mutierten Subtypen wie BA.4, BA.5 und dem zurzeit in den USA wütenden BA.2.12.1 (aktueller Preprint) abgelöst wurde, gibt es keinen Zweifel mehr: Omikron ist der Meister der Immunflucht. Zwei der Subvarianten sind in einigen Ländern – in Großbritannien etwa – als eigenständige „Variants of Concern“ eingestuft worden. Keine der ersten als kritisch eingestuften Varianten – von Alpha bis Delta – hat sich als so anpassungsfähig erwiesen. Somit erweist sich die vermeintliche Harmlosigkeit von Omikron zusehends als eine fatale Fehleinschätzung. Wohl können immunologisch einigermaßen gesunde Menschen, statistisch gesehen, tatsächlich mit einem milderen Covid-19-Verlauf rechnen , vollständig Geimpfte sowieso. Aber das hat seinen Preis. Denn die milderen Verläufe sorgen für eine oft schwächelnde, unbefriedigende Immunantwort. Der Immunschutz von mit BA.1 Infizierten ist mehr als dürftig, wie eine „Cell“-Studie, ein Preprint auf „Research Square“ sowie eine „Nature“-Publikation und eine Auswertung des US-Seuchenzen­trums jüngst zeigten. Wer sich von einer Omikron-Infektion einen längeren Immunschutz für die neuen – und möglichen weiteren Varianten – erhofft, wird enttäuscht werden. Sogar die T-Zell-Immunität, die wichtig ist im Kampf gegen schwere Krankheitsverläufe, ist nach einer früheren Omi­kron-Ansteckung (ohne Impfung) extrem brüchig.

Die inzwischen vielfach dokumentierten Immunflucht-Künste des Virus (weitere, aktuelle Preprint-Publikationen dazu hier und hier) und die Risiken mehrfacher Infektionen haben die amerikanischen Gesundheitsbehörden dazu veranlasst, über Fünfzigjährigen inzwischen eine vierte Impfdosis „dringend“ zu empfehlen. Eine Entwicklung, die angesichts von angeblich 77 Millionen Impfdosen, die derzeit in Deutschland ungenutzt lagern und zu verfallen drohen, auch hierzulande denkbar ist. Denn noch sind die bisherigen Vakzine in der laufenden Omikron-Welle brauchbar. Aber Immunologen ebenso wie die Impfstoffhersteller zweifeln nach den jüngsten Neutralisationsstudien mit den neuesten Omikron-Subvarianten, ob die derzeit entwickelten Impfstoffe im Herbst noch Wirksamkeitsnachweise jenseits der neunzig Prozent erreichen können.

Möglich deshalb, dass vor allem für die Millionen von vulnerablen Menschen eine passive Impfung mit künstlich erzeugten monoklonalen – idealerweise breit wirkenden – Antikörpern schnell weiterentwickelt werden muss, um schnell reagieren zu können. In der Zeitschrift „Cell“ haben David Veesler und sein Team von der University of Washington erfolgreiche Labortests mit solchen biologisch produzierten, aber pro Dose bisher noch über tausend Dollar teuren Antikörpern präsentiert. Und auch Mund- oder Nasenspray-Impfstoffe, wie sie in den großen Berliner virologischen Instituten entwickelt und ausweislich einer Preprint-Studie in „bioRxiv“ mit Erfolg an Hamstern getestet worden sind, lassen hoffen – sofern die Entwicklung rasch voranschreitet und weiter finanziert wird. Anders gesagt: Die Gesellschaft muss die Entwicklungsdynamik dringend der Evolutionsgeschwindigkeit von Omi­kron anpassen.

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Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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