Infektionen

Mehr Tuberkulose-Kranke in Deutschland

Von Christina Hucklenbroich
15.12.2015
, 16:00
Im Berliner Tuberkulose-Zentrum: Hier werden Flüchtlinge und Obdachlose  vor der Aufnahme in eine öffentliche Unterkunft routinemäßig auf Tuberkulose untersucht.
Das Robert Koch-Institut meldet steigende Tuberkulose-Fallzahlen. Die Mehrzahl der Patienten ist im Ausland geboren. Aber auch ältere Deutsche erkranken – offenbar Jahrzehnte, nachdem sie sich in der Kindheit angesteckt haben.
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Die Zahl der an Tuberkulose Erkrankten steigt in Deutschland – das zeigt der neue „Bericht zur Epidemiologie der Tuberkulose in Deutschland für 2014“ des Robert Koch-Instituts. Betroffen sind vor allem Menschen aus Ländern, in denen die Tuberkulose noch verbreiteter ist als hier. Insgesamt 4488 Tuberkulosefälle wurden im Jahr 2014 registriert, heißt es im Bericht des Berliner Instituts. Die Fallzahlen stiegen damit seit dem Vorjahr um knapp vier Prozent. Die Tuberkulose, die durch den Erreger Mycobacterium tuberculosis, ein Bakterium, ausgelöst wird und sowohl die Lunge („Lungenform“) als auch alle anderen Organsysteme und das Gehirn befallen kann, ist damit immer noch eine seltene Krankheit in Deutschland. Die Wissenschaftler sind allerdings alarmiert, weil nun ein Ende des langjährigen Abwärtstrends bei den Fallzahlen erreicht ist – so das klare Fazit des Berichts. Auch die vorläufigen Meldedaten für das laufende Jahr 2015 zeigen, dass die Fallzahlen weiter ansteigen.

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Zunächst war die Zahl der diagnostizierten Tuberkulosekranken in den Nachkriegsjahrzehnten kontinuierlich rückläufig gewesen, nachdem Deutschland während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im europäischen Vergleich besonders hohe Tuberkuloseraten hatte. „Von den Jahren 2008 und 2009 an wurde dann ein Plateau erreicht“, sagt Walter Haas, Leiter des Fachgebiets für respiratorisch übertragbare Erkrankungen am RKI. Die Linie im Tuberkulose-Schaubild zeigte nicht weiter nach unten, sondern bog ab und bildete eine gerade Linie. „Und seit 2013 steigen die Fallzahlen sogar wieder.“ Der Abwärtstrend sei also schon vor den großen Flüchtlingsströmen in der jüngeren Vergangenheit zum Stillstand gekommen, so Haas. Der Wiederanstieg sei auch nicht nur durch die zunehmende Mobilität zu erklären. „Auch bei den Übertragungen im Land sehen wir keinen Rückgang mehr“, erklärt der Kinderarzt und Epidemiologe.

In der Kindheit infiziert

Um den Ursprung der Ansteckungen zu klären, erfassen die Wissenschaftler am RKI das Geburtsland, nicht allein die Staatsangehörigkeit. Die Häufigkeit der Krankheit ist bei Menschen mit ausländischen Wurzeln mehr als 13-mal so hoch wie in der deutschstämmigen Bevölkerung (33,6 beziehungsweise 2,5 Erkrankte pro 100.000 Einwohner). Der Anteil der im Ausland geborenen Patienten liegt in Deutschland inzwischen bei 62 Prozent. Zu den 2014 am häufigsten angegebenen Geburtsländern gehören Somalia, die Türkei und Rumänien. „Wer in einem Land aufwächst, in dem 100 oder 200 Tuberkulosefälle unter 100.000 Einwohnern die Regel sind, hat zeitlebens ein höheres Risiko, an Tuberkulose zu erkranken“, sagt Haas. Der Erreger kann unter Umständen Jahrzehnte im Körper überdauern, bevor die Krankheit ausbricht. Deshalb sind die deutschen Patienten im Mittel deutlich älter als aus dem Ausland stammende Erkrankte (59 beziehungsweise 32 Jahre). Viele der deutschen Betroffenen haben sich als Kinder infiziert, als die Krankheit auch hier noch verbreitet war. „Bei den Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit sehen wir dagegen mehrere Gipfel hinsichtlich des Alters“, sagt Haas: Betroffen sind vor allem 20- bis 40-Jährige und die besonders empfindlichen Kinder; aber auch Personen über siebzig aus dem Ausland sind eine stark betroffene Gruppe.

Der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis unter dem Elektronenmikroskop
Der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis unter dem Elektronenmikroskop Bild: dpa

Um eine Übertragung – ausgehend von unerkannten Erkrankungen – zu verhindern, verlangt Paragraph 36 des Infektionsschutzgesetzes, dass vor der Aufnahme in eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge erfasst wird, ob jemand an ansteckender Tuberkulose leidet. Dafür wird bei Jugendlichen ab 15 Jahren und Erwachsenen eine Röntgenaufnahme der Lunge angefertigt. Fällt jemand hierbei mit einer Tuberkulose auf, bezeichnet man das als „aktive Fallfindung“ – im Gegensatz zur passiven Fallfindung: Das bedeutet, dass jemand sich mit Symptomen einem Arzt vorstellt. Der Anteil von Erkrankungen, die durch die aktive Fallfindung entdeckt werden, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Im Jahr 2014 lag der Anteil bei 19 Prozent. „Aktiv gefunden“ werden Infizierte aber nicht nur bei den Untersuchungen nach Paragraph 36, sondern auch durch die Überprüfungen des Umfelds von Tuberkulosekranken. Diese Untersuchungen werden durchgeführt, weil vor allem enge Kontaktpersonen gefährdet sind. „Studien belegen diese stärkere Gefährdung für enge Kontaktpersonen, insbesondere nach längerem oder wiederholtem Kontakt“, sagt Haas. Je nach Infektiosität des Erkrankten und der Empfänglichkeit der Kontaktperson könnten Ansteckungen auch nach einmaligem, kurzem Kontakt erfolgen, hätten jedoch einen eher kleinen Anteil, erklärt der Epidemiologe.

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Häufig ist die Lunge betroffen

Der Bericht des RKI zeigt auch, dass in der Mehrzahl der Fälle – 76 Prozent – die Lunge das Organ ist, das am meisten betroffen ist. Bei 46 Prozent der Lungentuberkulosen lag sogar eine besonders ansteckende Form vor, die sogenannte „mikroskopisch positive Form“. Bei 24 Prozent aller Patienten waren andere Organe betroffen. Lungentuberkulose fällt meist durch Husten, Abgeschlagenheit und Gewichtsverlust auf. Der Erreger kann aber auch in andere Organe streuen, etwa dieNieren, Lymphknoten, den Magen-Darm-Trakt und das Gehirn. Die Symptome sind deshalb vielfältig und werden oft nicht sofort einer Tuberkulose zugeordnet. 97 Todesfälle durch Tuberkulose hat das RKI im Jahr 2014 registriert. Bei Kindern und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren wurde kein Todesfall verzeichnet.

Immerhin ist der Anteil multiresistenter Erregerstämme von 2013 bis 2014 leicht gesunken, zeigt der neue Bericht – von 3,2 auf 3,0 Prozent. Generell sind die multiresistenten Tuberkulosestämme weltweit aber ein zunehmendes Problem. „Im Moment haben wir 80 bis 100 Erkrankte in Deutschland, die von multiresistenten Tuberkuloseerregern betroffen sind“, so Haas. Bei diesen Mykobakterien helfen mindestens zwei der am besten wirksamen Medikamente nicht mehr. In solchen Fällen muss die Therapie oft über zwei volle Jahre erfolgen. Bei einem sensiblen Erregertyp reicht dagegen eine Kurzzeittherapie von einem halben Jahr mit einer erprobten Kombinationstherapie aus vier Wirkstoffen – immer noch recht lang, was auch viele Therapieabbrüche erklärt. In 16 Prozent der Fälle war die Behandlung nicht erfolgreich, heißt es im Bericht des RKI. Die Gründe dafür sind unterschiedlich – die Resistenz der Erreger kann verantwortlich sein, aber auch der Abbruch der Behandlung. „Die lange Therapiedauer ist eins der großen Handicaps bei der Tuberkulosebekämpfung“, bilanziert Haas. „Es ist nach wie vor schwierig, alle Betroffenen zum langfristigen ,Dabeibleiben‘ zu motivieren.“

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Recht genaues Bild

Wissenschaftler erhoffen sich von den neuen Daten, in Zukunft noch zielgerichteter gegen die Tuberkulose vorgehen zu können. „Ein positives Fazit ist, dass wir basierend auf den Meldedaten bereits ein recht genaues Bild haben und so auch sehen können, wo sich Änderungen ergeben“, sagt Haas. Der Mediziner räumt aber auch ein: „Es ist schon seit 2008 klar, dass ein ,Weiter so‘ in der Tuberkulosebekämpfung nicht mehr reicht. Das Umfeld von Patienten muss gezielt überwacht und geschützt werden, auch durch schnelle, präventive Therapien bei denjenigen, die sich angesteckt haben, aber noch nicht erkrankt sind.“

Bei Kindern unter fünf Jahren, die zum Umfeld eines infektiösen Erkrankten gehören, sei auch empfohlen, prophylaktisch Medikamente zu verabreichen, selbst wenn man noch nicht genau weiß, ob sie sich infiziert haben. Außerdem setzt Haas darauf, die molekulare Typisierung der Erreger zukünftig verstärkt in die epidemiologischen Daten zu integrieren: „So lässt sich das Bild, das wir von der Situation haben, verfeinern.“

Quelle: FAZ.net
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