FAZ plus ArtikelPsychologie der Zeit

Warum uns der Lockdown so lang vorkam

Von Sibylle Anderl
08.06.2022
, 15:02
Wenig Begegnungen, keine besonderen Freizeitaktivitäten: Nicht nur für Kinder ließen die Lockdowns während der Pandemie die Zeit schleichen.
Die Pandemie hat unsere Zeitwahrnehmung auf den Kopf gestellt. Die Forschung hat das genutzt um besser zu verstehen, welche Faktoren den subjektiven Verlauf der Zeit bestimmen.
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Im Frühjahr 2020, als sich Deutschland im ersten Lockdown befand und die meisten Menschen ihren Alltag plötzlich völlig neu organisieren mussten, ereignete sich etwas Eigenartiges. „Es war damals so, dass einfach jeder gemerkt hat: Irgendwas ist komisch und anders mit der Zeit“, erinnert sich Marc Wittmann, Psychologe am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene. Damals hätten sich bei ihm sofort Journalisten gemeldet, um von ihm als Zeitforscher mehr darüber zu erfahren, warum die Pandemie unsere Zeitwahrnehmung dermaßen auf den Kopf stellte. Tatsächlich war es damals vielen Menschen schwergefallen, ohne die üblichen Routinen den Verlauf der Zeit wie gewohnt zu verfolgen, etwa zu bestimmen, welchen Wochentag sie gerade erlebten oder wie viele Tage schon seit Beginn des Lockdowns vergangen waren. Die Zeit verstrich für viele quälend langsam, für andere rasten die Tage ungewohnt schnell – fast niemand empfand den Verlauf der Zeit als ganz normal.

Forscher weltweit reagierten auf diese Beobachtungen sehr schnell. Schon im Mai 2020 erschien die erste Studie aus Italien, in der 1310 Teilnehmer von einer ungewöhnlichen Dehnung der Zeit berichteten. Wenig später folgten Studien aus Frankreich und England, Brasilien und Uruguay. Überall zeigte sich: Die Pandemie hatte die subjektive Zeitwahrnehmung massiv gestört. In welche Richtung diese Störung ging, war dabei tatsächlich uneindeutig. Diejenigen, die während der Lockdowns unter sozialer Isolation, Langeweile, negativen Emotionen und Stress litten, empfanden die Zeit als verlangsamt. Für diejenigen, die sich mit der neuen Situation gut zurechtfanden, beschleunigte sich die Zeit dagegen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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