Fragebogen an Covid-19-Opfer

„Ich fühle mich zu jung zum Sterben“

Von Juliette Irmer
17.11.2020
, 18:29
Die zweite, große Welle der Corona-Pandemie rollt, das Ansteckungsrisiko steigt. Und damit auch die Sorge der Mehrheit, was passieren könnte. Fünf Opfer der ersten Welle schildern ihren Umgang mit Covid-19.

Dr. Dr. Saskia Biskup, 48 Jahre

Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?

Ich habe mich bei meinem Mann angesteckt. Wo er sich angesteckt hat, weiß er nicht. Wahrscheinlich auf einer Großveranstaltung Anfang März, die wurden ja erst später verboten.

Wie hat sich Covid-19 bei Ihnen manifestiert, welche Symptome hatten Sie?

Bei mir ging es an einem Abend schlagartig los, und ich hatte wahnsinnige Kopf- und Gliederschmerzen, wie noch nie in meinem Leben. Ich habe keine Medikamente genommen, weil ich wissen wollte, wie sich das entwickelt. Das hat dann vier, fünf Stunden angedauert, und am nächsten Morgen war alles vorbei. Andere Symptome wie Fieber oder Husten hatte ich nicht, aber ich habe mich trotzdem sehr geschont, weil ich großen Respekt vor dem Virus habe. Wir haben im engsten Freundeskreis mitbekommen, wie tragisch die Erkrankung verlaufen kann.

Wie lange haben Sie gebraucht, um wieder gesund zu werden, und verspüren Sie heute noch Langzeitfolgen?

Ich war drei Wochen in Quarantäne, weil es so lange gedauert hat, bis ich im PCR-Test negativ war. Wir haben ein Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern und wollten sicher sein, niemanden anzustecken. Langzeitfolgen hatte ich keine.

Wie empfinden Sie die ergriffenen Anti-Corona-Maßnahmen in Deutschland?

Mir fehlt an vielen Stellen eine klare Strategie, etwa beim Testen. Während unserer Quarantäne haben mein Mann und ich beschlossen, uns aktiv an der Pandemiebewältigung zu beteiligen und unser Labor um die Corona-Akutdiagnostik zu erweitern. Wir sind jetzt verantwortlich für das Testzentrum am Stuttgarter Flughafen, und wir testen in Tübingen die Altenpflegeheime und Unternehmen. Wir haben auch noch mehr Testkapazität, dürfen aber Privatpersonen mit Symptomen nicht über die Krankenkassen abrechnen. Und anderswo sind Labore völlig überlastet, und die Leute bekommen keinen Test. Das kann einfach nicht sein. Es ist absehbar, dass sich die Situation wieder verschlimmert, und ich würde mir wünschen, dass die vorhandenen Ressourcen besser genutzt werden. Ich verstehe auch nicht, dass die Gesundheitsämter nicht mehr Unterstützung bekommen, dass die App nicht korrekt funktioniert, und grundsätzlich würde ich mir einheitliche Regeln wünschen.

Karl-Eugen Dorner, 72 Jahre

1. Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?

Wahrscheinlich im Skiurlaub Ende Februar in den Dolomiten.

2. Wie hat sich Covid-19 bei Ihnen manifestiert, welche Symptome hatten Sie?

Ich hatte hohes Fieber und starken Husten. Nach ein paar Tagen hat meine Frau einen Termin in der Klinik organisiert, wo ich positiv auf das Virus getestet und sofort isoliert wurde. Subjektiv ging es mir dann besser, aber die Ärzte sagten mir, dass meine Werte schlecht seien und meine Überlebenschance schwinden würde, ich müsse beatmet werden. Ich habe mich trotzdem dagegen entschieden. Ich hatte einerseits das Gefühl, noch zwei Tage, und dann habe ich es überstanden, und, das war beeindruckend für mich, ich habe gemerkt, ich bin einverstanden, wenn ich gehen muss, ich hatte ein schönes Leben und hinterlasse kein Chaos. Ich habe dann ein paar Vollmachten ausgestellt, damit es in der Firma gut weiterläuft, und für meine Frau einen schönen Abschiedsbrief zum Verteilen geschrieben. Dann wurde mir vorgeschlagen, dass ich in ein Krankenhaus nach Freiburg wechseln könne, das ein alternatives Beatmungsprogramm biete. Dort angekommen, ist wohl etwas schiefgelaufen, und ich wurde überrumpelt: Der Zuständige in der Notaufnahme war knallhart und sagte, er hätte keine Zeit zu diskutieren, ich solle mich entscheiden: Friedhof oder Intubation. So vor die Wahl gestellt, habe ich mich dann doch für die Beatmung entschieden und bin sieben Tage später wieder zu mir gekommen. Ich erinnere mich noch an die warme, freundliche Stimme der Pflegekraft, die sagte: „Herr Dorner, ich habe es Ihnen ja gesagt, wir retten Sie.“ Es war dann einer der schönsten Tage in meinem Leben.

3. Wie lange haben Sie gebraucht, um wieder gesund zu werden, und verspüren Sie heute noch Langzeitfolgen?

Ich war dann noch etwa eine Woche im Krankenhaus. Als ich zum ersten Mal ein paar Meter alleine gelaufen bin, habe ich ein Video von mir gemacht und war schockiert: ein Alterssprung von 70 auf 90. Statt 80 wog ich nur noch 62,5 Kilogramm. Danach war ich etwa eine Woche zu Hause, noch immer mit Sauerstoffzufuhr, und nach zwei negativen Tests bin ich für vier Wochen in eine Rehaklinik. Anfangs war ich bei der kleinsten Steigung außer Atem, am Ende konnte ich 20 Kilometer gehen. Obwohl die Lunge laut CT Schäden davongetragen hat, hat man mir Ende Juli bei einem Sportcheck bescheinigt, dass meine Lungenfunktion top ist.

4. Wie empfinden Sie die ergriffenen Anti-Corona-Maßnahmen

Ich finde es schon einmal schlecht, dass ich meine, vorwegschicken zu müssen, dass ich kein Verschwörungstheoretiker bin. Virologen, Medien und Politiker vermitteln uns, dass allein die Frage, ob es neben der Gesundheit andere Werte gibt, die schützenswert sind, unanständig ist. Ich hab mehr Angst um meine Freiheit und leide mehr unter dem Mitleid für die vielen jungen Menschen, denen durch die Maßnahmen gegen das Virus Schäden zugefügt werden, als unter der Angst vor der Krankheit, und das war auch während meiner Erkrankung schon der Fall. Natürlich ist die Gesundheit ein wichtiges Gut, und ihre Bedrohung muss bekämpft werden, aber ich wünsche mir sehr, dass nicht nur stereotyp gefragt wird, hilft das gegen Corona, sondern auch, was schadet es auf der anderen Seite. Und ich erwarte, dass unser wohlhabendes Land ein Gesundheitssystem bereitstellt, das unter Druck nicht gleich zu kollabieren droht, sondern mit Notfällen umgehen kann.

Dr. Manfred Harms, 58 Jahre

1. Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?

Trotz aller Schutzmaßnahmen habe ich mich im Krankenhaus an einem Patienten mit Covid-Verdacht angesteckt. Er hatte einen Wirbelkörperbruch, der behandelt werden musste. Schutzmaterial war damals ja in ganz Deutschland knapp, und FFP2-Masken standen nicht zur Verfügung.

2. Wie hat sich Covid-19 bei Ihnen manifestiert, welche Symptome hatten Sie?

Ich habe Fieber und Gliederschmerzen bekommen. Ich habe mich am nächsten Tag direkt testen lassen und war positiv. Die Rückenschmerzen waren schlimm, ich habe gedacht, so muss es sich anfühlen, wenn man Knochenmetastasen hat. Um von der Couch aufzustehen, brauchte ich fünf Minuten. Meine Frau hat sich bei mir angesteckt und konnte sich auch kaum bewegen, weswegen wir unseren Hund für die Zeit weggeben mussten.

Ich habe gehofft, dass ich das zu Hause durchhalte, aber ich habe dann schlecht Luft bekommen. Subjektiv habe ich meinen Zustand gar nicht so schlecht eingeschätzt, aber das Lungen-CT zeigte die typischen Infiltrate, und ich hatte eine schlechte Sauerstoffsättigung. Außerdem habe ich Herzrhythmusstörungen bekommen, das hat mich eine Zeitlang doch beunruhigt, aber es hat sich zum Glück wieder normalisiert. Ich bin dann in die Klinik gekommen, wurde aber nicht beatmet.

3. Wie lange haben Sie gebraucht, um wieder gesund zu werden, und verspüren Sie heute noch Langzeitfolgen?

Insgesamt war ich sieben Wochen außer Gefecht gesetzt. Heute bin ich aber wieder voll leistungsfähig und habe keine Langzeitfolgen.

4. Wie empfinden Sie die ergriffenen Anti-Corona-Maßnahmen in Deutschland?

Die Maßnahmen sind total wichtig, und die Abstandsregeln müssen unbedingt konsequent eingehalten werden, um weitere Übertragungen zu verhindern. Aber man muss Sorge haben, dass die Menschen das Virus immer noch nicht ernst genug nehmen. Ich dachte auch, dass ich gesund und sportlich bin, und mich hat es doch ziemlich übel erwischt. Der entscheidende Punkt ist die Intensivbettenkapazität, und die könnte eng werden. Hinzu kommt, dass das medizinische Personal in der ersten heißen Phase durchgearbeitet hat und nun wohl bald schon wieder massiv gefordert sein wird. Wenn wir etwas aus Corona lernen können, dann, dass ein gut aufgestelltes Gesundheitssystem wertvoll ist und wir nicht, wie geplant, die Anzahl der Intensivbetten und kleineren Krankenhäuser reduzieren sollten.

Anja Rießle, 51 Jahre

1. Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?

Ich habe mich in Ischgl angesteckt, wo ich mit Freundinnen Ski fahren war. Kurz nach unserer Ankunft wurde bekannt, dass das Virus im Ort verbreitet wird. Uns war dann schon ein bisschen mulmig, aber wir waren abends trotzdem unterwegs, alle Bars waren ja noch offen, und die Gefahr war irgendwie nicht real.

2. Wie hat sich Covid-19 bei Ihnen manifestiert, welche Symptome hatten Sie?

Nach meiner Rückkehr hatte ich noch keine Symptome, habe mich aber gleich testen lassen, weil eine Freundin bereits krank war. Mein Hausarzt hat auf dem Parkplatz vor seiner Praxis einen Abstrich gemacht. Am nächsten Tag um halb zwölf war das Ergebnis da, und nachmittags ging es von einer Minute auf die andere los. Als hätte mir jemand den Stecker gezogen. Bei mir saß das Virus im Kopf, ich hatte unglaubliche Kopfschmerzen, Sehstörungen und habe nichts mehr geschmeckt außer rote Paprika. Ich hatte auch starke Kreislaufprobleme, aber nur etwas Fieber und Husten. Laut Gesundheitsamt hatte ich einen milden Verlauf, aber ich war in meinem ganzen Leben noch nie so krank.

3. Wie lange haben Sie gebraucht, um wieder gesund zu werden, und verspüren Sie heute noch Langzeitfolgen?

Die ersten beiden Wochen habe ich fast nur gelegen, insgesamt war ich drei Wochen krankgeschrieben. Ich bin aber noch nicht wieder die Alte. Meine Leistungsfähigkeit, gerade beim Sport, hat gelitten. Früher habe ich beim Mountainbiken locker mit der Männergruppe im Verein mitgehalten, das Tempo hätte ich diesen Sommer einfach nicht geschafft. An manchen Tagen habe ich auch noch Probleme mit meinem Geschmackssinn.

4. Wie empfinden Sie die ergriffenen Anti-Corona-Maßnahmen in Deutschland?

Bis auf das Beherbergungsverbot finde ich, dass die Regierung bisher gut reagiert hat und bin mit den Maßnahmen vollkommen einverstanden. Ich möchte mir nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn keine Maßnahmen ergriffen worden wären. Das Virus ist hochansteckend. Vier von uns sechs sind krank geworden, und wir haben fast alle unsere Männer angesteckt, obwohl alle vorsichtig waren. Es nagt bis heute an mir, dass ich meinen Mann gefährdet habe.

Bernadette Irmer, 75 Jahre

1. Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?

Ich habe eine Vermutung: Mitte Februar habe ich eine Knieprothese bekommen und war danach für drei Wochen in der Rehaklinik, wo auch einige Französinnen aus dem Elsass arbeiteten. Zu diesem Zeitpunkt war das Virus dort ja schon deutlich weiter verbreitet. Es muss in der Rehaklinik gewesen sein, denn danach hatte ich zu fast niemandem Kontakt.

2. Wie hat sich Covid-19 bei Ihnen manifestiert, welche Symptome hatten Sie?

Ich fing an zu husten und dachte an eine Erkältung. Etwas Fieber hatte ich auch. Wirklich schlimm war die Übelkeit in der ersten Woche, ich hatte überhaupt keinen Appetit und konnte kaum etwas essen, so habe ich das noch nie erlebt. An Corona dachte eigentlich niemand. Erst als ich nach ein paar Tagen so erschöpft war, dass ich Mühe hatte, meine Arme zu heben, um mein Haar hochzustecken, waren meine Töchter alarmiert und veranlassten einen PCR-Test. Zum Erstaunen meines Hausarztes war er positiv, damals war das ja noch ein seltenes Ergebnis. Später habe ich noch einen Antikörpertest machen lassen, und der war auch positiv.

3. Wie lange haben Sie gebraucht, um wieder gesund zu werden, und verspüren Sie heute noch Langzeitfolgen?

Das Schlimmste war nach zwei Wochen überstanden. Allerdings habe ich mich noch wochenlang müde gefühlt und war wenig unternehmungslustig. Heute bin ich aber wieder fit.

4. Wie empfinden Sie die ergriffenen Anti-Corona-Maßnahmen in Deutschland?

Ich finde, die deutsche Regierung reagiert mit Augenmaß. Ich verfolge die Situation ja auch in Frankreich, und was mich wundert, ist, dass es in Deutschland mehr Widerstand zu geben scheint, obwohl die Maßnahmen hier, verglichen mit Frankreich, lange nicht so streng waren und immer noch nicht sind. Im Namen der Freiheit kann man auch viel Unsinn reden. Ich verstehe diese Leute nicht, eine Maske zu tragen ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, dafür, dass man Menschen vor diesem Virus schützt. Ich bin zwar schon 75, aber ich fühle mich noch zu jung zum Sterben und habe noch viel vor! (lacht).

Quelle: F.A.Z.
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