Medizin-Nobelpreis

Triumph der Sinne

EIN KOMMENTAR Von Sonja Kastilan
09.10.2021
, 23:21
In seinem Testament, das er am 27. November 1895 in Paris unterzeichnete, legte Alfred Nobel fest, wie sein Vermögen künftigen Preisen dienen soll.
Die Enttäuschung, dass die mRNA-Impfstoffe in diesem Jahr niemandem einen Nobelpreis eingebracht haben, stellt die tatsächlichen Gewinner zu unrecht in den Schatten.
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Warum nur hofften alle darauf, dass in diesem Jahr die mRNA-Impfstoffe das Rennen um den Medizin-Nobelpreis machen, und sind nun enttäuscht? Ja, deren Konzept und Entwicklung über Jahrzehnte ist preiswürdig, keine Frage, und mitten in der Pandemie scheint es naheliegend. Deshalb geht seit geraumer Zeit auch ein wahrer Preisregen auf Forscherinnen und Wissenschaftler nieder, von denen die breite Öffentlichkeit zuvor kaum Notiz genommen hatte. Und die scheint auch vergessen zu haben, dass die RNA bereits 2020 unter den Nobelpreisthemen zu finden war, als Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna für ihre Entdeckung der CRISPR/Cas-Genschere geehrt wurden. Zugegeben, nicht in der Medizin, sondern nur im Feld der Chemie, die weniger Beachtung findet.

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In diesem Jahr ist das prompt anders, was einerseits an der Nationalität der Gewinner liegt, zwei Deutsche tummeln sich in der Physik und in der Chemie, andererseits am Medizin-Thema. Ein Schöneres aber kann man sich eigentlich gar nicht wünschen, gerade in einer Pandemie, die uns alle auf Abstand hält: Der Nobelpreis für Medizin oder Physiologie geht an David Julius und Ardem Patapoutian für die Entdeckung jener Rezeptoren, die uns Hitze, Kälte und Druck spüren lassen. Molekülkomplexe also, die Temperatur oder mechanische Reize in elektrische Impulse übersetzen, somit entscheidend für die Wahrnehmung unserer Umwelt sind.

Uns zu Menschen machen, denn was wären wir ohne die Ionenkanäle der Piezo-Gruppe, durch die Berührungen erst ihre Wirkung zeigen? Wie eigen der Tastsinn ist, zeigt sich daran, wie schwer es fällt, Robotern das richtige Gespür beizubringen für den Druck, der mit Greifzangen oder Händen auszuüben ist. Wem das zu profan erscheint, der darf gern darüber nachdenken, welche Rolle Druck im Körper für Atmung, Blutgefäße und -zellen oder die Blase spielt. Sind die zuständigen Rezeptoren bekannt, lässt sich dieses Wissen auch für Therapien nutzen, sei es nur in Form von Kältegel und Wärmepflaster, um damit biochemisch den richtigen Rezeptor, TRPM8 oder TRPV1, zu stimulieren: Statt den Temperaturen regen dann Menthol oder Capsaicin, der Chili-Schärfestoff, die molekularen Sensoren an. Zum Glück ist nicht in jedem Fall ein Impfstoff nötig, so froh wir sein können, dass es sie gibt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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