Medizin von morgen

Der Mensch als Ersatzteillager

Von Joachim Müller-Jung
05.07.2018
, 14:07
Ersatzteillager Mensch
Künstliche Eileiter, Hirn aus dem Labor: Wie weit ist die „Reparaturmedizin“ gekommen? FAZ.NET zeigt, wie der menschliche Körper zum Testfeld der Bioingenieure geworden ist – und wie Alzheimer künftig angegangen wird.
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„Reparaturmedizin“ ist selten das, was kranke Menschen von ihren Ärzten erwarten. Sie kann Leben retten, klar, und dennoch wirkt sie auf viele wie eine seelenlose Medizin. Apparatemedizin halt. In der Werkstatt wird repariert, aber doch wohl nicht im Krankenhaus – und schon gar nicht im Sprechzimmer des Arztes, oder? Der Mensch, eine Maschine – eine historische Ungeheuerlichkeit, die Julien Offray de La Mettrie, selbst Arzt und Philosoph, auf die Spitze getrieben hatte mit seinem Werk „L’Homme machine“ und der schon im achtzehnten Jahrhundert kühnen Behauptung, wonach Mensch und Tier nichts weiter als „aufrecht kriechende Maschinen“ seien.

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Eine These, die deshalb auch bald wieder ad acta gelegt wurde - oder sollte man besser sagen: auf Wiedervorlage gelegt wurde? Die Heranziehung eines streng mechanistischen Weltbildes jedenfalls hat bald das wissenschaftliche Arbeiten der Medizin radikal beschleunigt. Das Konzept der Kausalität und damit der gezielten Suche von Ursache und Wirkung bis in die molekularen Details hat die “Schulmedizin“ zu einer Werkstattmedizin werden lassen. Über ihren Werkstoren steht ungeschrieben die ingenieurstaugliche Erweiterung der Aristoteles-These: Der Mensch mag mehr als die Summe seiner Teile sein, doch ohne funktionstüchtige Teile ist alles nichts. Gewaltige Prominenz bekommt dieses Konzept jedes Jahr durch die Verleihung der Medizin- und oft genug auch der Chemie-Nobelpreise an die kreativsten Köpfe dieser Werkstattmedizin. Auf der 68. Nobelpreisträger-Tagung in Lindau am Bodensee waren dieses Jahr mehr als drei Dutzend Nobelpreisträger mit sich, mit ihrer Werkstattmedizin und mit sechshundert medizinisch interessierten Jungforschern aus aller Welt beschäftigt.

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Reparaturmedizin in 3D
Ersatzteillager Mensch

Was diese jungen Menschen in der Medizinforschung und uns alle in der Gesundheitsversorgung der nächsten Jahre erwartet, ist mit einfachen Worten meist nicht mehr zu beschreiben – vor allem nicht mit extrem vereinfachten Begriffen wie Reparaturmedizin. Und selbst der Fachterminus, der sich als Überbegriff in der Ersatzteilmedizin allmählich einbürgert – Regenerative Medizin – vermag nicht einmal anzudeuten, welche umwälzenden Entwicklungen von ihr zu erwarten sind. Regenerative Medizin, das ist nicht nur die Reparatur durch Prothesenkonstrukteure und Bioingenieure, das beinhaltet auch die Selbstreparatur des Kranken. Die Selbstheilung, die angeregt und forciert wird durch das Vorbild Natur. Der entscheidende Baustein ist die Zelle. Seitdem die Biologen und Biomediziner die sogenannten Stammzellen in jedem Teil unseres Körpers als das natürliche Reservoir entdeckt haben, das uns vom Grundsatz her ähnlich wie dem Wurm für eine lange Lebenszeit ermöglicht, Organe und Gewebe wenigstens teilweise und zeitweise zu erneuern, hat der Reparaturmedizin einen ungeheuren Aufschwung erlebt. Ein Fortschritt, der von Teilen der Gesellschaft allerdings auch umso kritischer gesehen wird, je stärker diese Eingriffe in den Körperhaushalt auch die biologische und seelische Integrität der Menschen zu verändern vermögen. Plötzlich wird der Mensch auf zellulärer Ebene zur Verfügungsmasse, er wird zellulär und prinzipiell molekular – und damit genetisch – „programmierbar“.

Die Medizin hat diese Entwicklung, die in Ende der neunziger Jahre mit der künstlichen Kultivierbarkeit der pluripotenten Stammzellen (der am stärksten wandelbaren Stammzellen) einen enormen Schub bekommen hat, schnell aufgegriffen. Inzwischen lassen sich in der Petrischale durch minimale Signalsubstanzen aus gewöhnlichen Hautzellen durch molekulare Reprogrammierung praktisch alle relevanten Zellen des Körpers herstellen – und damit zumindest theoretisch Organe und Gewebe regenerieren. Dass dies in der medizinischen Praxis meist noch nicht vollständig gelingt, sondern oft noch Artefakte von Organen in der Petrischale vorliegen, liegt einerseits an der Komplexität und Vernetzung der Organe. Sie ist andererseits aber auch das Ergebnis der extrem hohen Anforderungen an die Sicherheit und Wirksamkeit dieser zellulären „Ersatzteile“.

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Wie dynamisch die Entwicklung tatsächlich voranschreitet, lässt sich auch in der Frequenz der wissenschaftlichen Veröffentlichungen leicht ablesen. Soeben berichteten beispielsweise Dresdener Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, dem Leibnitz-Institut für Polymerforschung und dem Zentrum für Regenerative Therapien an der Technischen Universität über ein aus Stammzellen hergestelltes Zellkultur-Modell der Alzheimer-Krankheit: Zellen, die in der Petrischale zu gealterten, „erkrankten“ Nervenzellen herangezüchtet wurden, dienen den Forschern dazu,. neuartige Therapien “im Reagenzglas“ zu prüfen. Für Medikamententests, aber auch in der Prüfung toxischer Substanzen, sind solche Zellkultursysteme heute gang und gäbe.

Stammzellen sind vielfältig verwendbar
Stammzellen sind vielfältig verwendbar. Mit ihnen können Organe hergestellt werden, hier eine kleine „künstliche“ Leber aus der Kinderklinik in Cincinnati. Bild: Cincinnati Children’s/Max Planck

Eher exotisch und weit in die Zukunft der regenerativen Medizin gerichtet sind Experimente, die dänische Reproduktionsmediziner vom Rigshospitalet Kopenhagen auf der Tagung der European Society of Human Reproduction and Embryology präsentiert haben: Künstliches Eileitergewebe für die Transplantation. Vor allem für Frauen, die früh an Krebs erkranken und die fürchten müssen, dass ihr Ovarialgewebe bereits mit Krebszellen befallen ist, die allerdings trotzdem nach der intensiven Radio- und Chemotherapie noch Kinder haben möchten, könnte der „künstliche Eileiter“ aus Kopenhagen Chancen bieten. Allerdings ist es bis zur klinischen Anwendung noch ein weiter weg: Bisher hat man nachweisen können, dass zumindest theoretisch das Gewebegerüst, das vor der Krebsbehandlung aus dem Unterleib entnommen und von sämtlichen Zellen befreit wird, später für die Wiederbesiedlung mit unreifen Eifollikeln und Stammzellen geeignet ist. Es ist auch nur ein experimenteller Nachweis, der bisher ausschließlich in Mäusen gelungen ist. Viel weiter sind Zelltherapien, die es inzwischen aus der tierexperimentellen Forschung in die Klinik geschafft haben. Mit in der Regel schwer kranken Patienten werden die Therapien in klinischen Studien erstmals am Menschen getestet.

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Tausende klinische Studien

Vor zehn Jahren war die Zahl der klinischen Studien mit den neuartigen Stammzellen noch sehr überschaubar (Stammzellen des Blutes werden seit Jahrzehnten mit der Knochenmarkspende gewonnen und für Leukämie-Therapien beispielsweise genutzt). Heute sind in den offiziellen klinischen Registern Tausende verzeichnet, die neue Patienten aufnehmen für die Behandlungsversuche oder bereits Ergebnisse vorzuweisen haben (siehe die Infografik auf dieser Seite). Es sind Therapieexperimente, die rund um den Globus vorgenommen werden und die die regenerative Medizin weiter schnell vorwärts bringen soll. Daneben freilich gibt es auch Hunderte, ja Tausende von privaten „Stammzell“-Kliniken weltweit, die ungeprüfte und unseriöse – und damit auch unmoralische – Angebote an die Schwerkranken richten. Deshalb abschließend die Bitte: Bevor jemand Hilfe bei kommerziellen Kliniken sucht, sollte er sich dringend bei den medizinischen Fachgesellschaften oder an Unikliniken kundig machen, was diese Heilversprechen wirklich wert sind.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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