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Im Fernsehen: „Der Raketenmann“

Großartig und finster zugleich

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 17:31
„Der Raketenmann”: Der junge Wernher von Braun (Ludwig Blochberger) experimentiert im Laborzur Bildergalerie

Anfang kommender Woche werden es genau vierzig Jahre her sein, dass mit Neil Armstrong erstmals ein Mensch einen anderen Himmelskörper betrat. Apollo 11 war die erste von sechs erfolgreichen Mondexpeditionen. An dem Programm waren zeitweise bis zu 400 000 Personen beteiligt. Doch von Armstrong vielleicht abgesehen, dürfte wohl nur einer von ihnen künftigen Generationen in Erinnerung bleiben: der Mann, der die Mondraketen gebaut hatte, Wernher Freiherr von Braun.

Heute Abend widmet das ZDF dem 1977 verstorbenen deutsch-amerikanischen Ingenieur zur besten Sendezeit einen nagelneuen anderthalbstündigen Dokumentarfilm. „Der Raketenmann“ unterscheidet sich deutlich von allem, was über von Braun bisher auf Leinwänden oder Fernsehschirmen zu sehen war - und das war schon eine ganze Menge. Sogar fürs Kino wurde sein Leben schon verfilmt - bereits neun Jahre vor der ersten Mondlandung und mit Curd Jürgens in der Hauptrolle. Einige Jahre nach von Brauns Tod fanden sich die Filmsequenzen der Apollo-Starts immer dann mit Bildmaterial zusammengeschnitten, das allen, die sich für Raumfahrttechnik interessieren, jedes Mal heftige kognitive Dissonanzen beschert: Bilder von tarnfarben gestrichenen V2-Raketen, von zerstörten Häusern in London und Antwerpen - und schließlich von ausgemergelten Leichen in den unterirdischen Produktionsstätten von Mittelbau Dora, dem Sklavenarbeitslager, in dem die V2 schließlich produziert wurden. Denn auch die hatte Wernher von Braun konstruiert, für Adolf Hitler.

Missbrauchtes Genie oder skrupelloser Opportunist

Lange Zeit schien es nur zwei Möglichkeiten zu geben, sich der Gestalt von Brauns zu nähern. Man sah ihn, zum einen, als lauteres Genie, das von dunklen Mächten missbraucht wurde, dessen Erfindung dann im Kalten Krieg unvermeidlich der atomaren Aufrüstung dienten, bevor es schließlich im zivilen Raumfahrtprogramm Amerikas seine wahre Bestimmung fand. Oder man sah ihn eben als skrupellosen Opportunisten, dem es zeitlebens egal war, für wen er Raketen baute, solange er sie eben nur bauen durfte, und dem die Leichenberge, welche seine Mittelstreckenraketen im Falle eines Atomkrieges in den fünfziger Jahren angehäuft hätten, so gleichgültig gewesen wären, wie es ihm die ausgemergelten Gestalten in Mittelbau Dora waren.

Mit dieser Schwarzweißmalerei konnten die Autoren von „Der Raketenmann“ brechen - und allein das macht ihren Film zu einem atemberaubend spannenden Ereignis. Ihrem Bemühen kam dabei zu Hilfe, dass seit 2006 endlich eine umfassende fachhistorische Biographie von Brauns vorliegt, die glücklicherweise nun auch in deutscher Sprache erschienen ist (F.A.Z. vom 13. Juli). Ihr Autor, Michael Neufeld vom National Air & Space Museum der Smithsonian Institution in Washington, ist ein ausgewiesener Experte für das deutsche Raketenprogramm im Zweiten Weltkrieg. Er hat die Filmemacher Stefan Brauburger und Dirk Kämper beraten und kommt auch selber ausführlich zu Wort.

Eine faustische Figur

Nach Neufeld war Wernher von Braun vor allem eine faustische Figur. Er war ein Mann, der schon als kleiner Junge davon geträumt hatte, in den Weltraum zu fliegen, und dem nicht nur Begabung und Charisma in die Wiege gelegt worden waren, sondern dem es die Zeitumstände in einer geradezu unglaublichen Weise auch ermöglichten, seinen Traum wahr werden zu lassen. Dass er dabei mit dem Teufel paktiert hatte, so Neufeld, merkte er zu spät. Mit dieser Vergangenheit anschließend ganz aufrichtig umzugehen: Dazu sah er sich genauso wenig in der Lage wie alle anderen, die nach 1945 noch ihr halbes Leben vor sich hatten. Wenn Wernher von Braun am Ende nicht als Waffenschmied in die Geschichte einging, sondern vor allem als der Mann, der die ersten Menschen auf den Mond schoss, dann war das so erstrebt und zugleich so unverdient wie die Erlösung des Goetheschen Faust.

Eine solche Figur zu porträtieren ist natürlich erheblich anspruchsvoller, als einen Nazi zu präsentieren, einen Dr. Seltsam oder einen Helden der Technikgeschichte. Dokumentarfilmer stehen zudem vor dem Problem, dass das meiste originale Film- oder Bildmaterial zum Thema Wernher von Braun schon vielfach zu sehen war und dadurch kaum noch von der Affirmation oder von der Kritik, die es jeweils untermauern sollte, zu lösen ist. Für diesen neuen Film allerdings standen genügend Zeit und Ressourcen zur Verfügung, um auch andere Register zu ziehen: hervorragende Computeranimationen etwa oder zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen und Historikern. Vor allem aber wird ausgiebig Gebrauch von Schauspielszenen gemacht.

Historische Streitpunkte

Auf dieses Stilmittel glaubt ja heute kaum ein Dokumentarfilm mit historischem Thema verzichten zu können, auch wenn es in vielen Fällen bestenfalls wohlfeil ist und bisweilen auch einfach nur peinlich. Nicht so in diesem Fall. Die Szenen sind mit großem Aufwand gestaltet und verleihen dem Raketenmann - verkörpert durch drei Darsteller verschiedenen Alters - jene Komplexität, die auf Originalaufnahmen allein durch Wernher von Brauns ungeheuer fotogene Erscheinung systematisch unterdrückt wird. So sehen wir nicht nur einen coolen und energischen von Braun, sondern auch einen nervösen, unsicheren oder naiven - und einen von Braun in SS-Uniform.

Über manche Details lässt sich allerdings streiten. Da wären einmal Ungenauigkeiten wie der Orden, den man von Braun Ende 1944 umhängte: Er war kein Soldat und bekam daher das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes, nicht, wie im Film, das Eiserne Kreuz. Ein ernsterer Ausrutscher ist den Produzenten an anderer Stelle unterlaufen, nicht in den Spielszenen, sondern in dem Interview mit von Brauns Neffen Christoph. Das ist so geschnitten, dass der Zuschauer glauben muss, Wernher von Braun habe, als er sich 1945 mit einigen seiner Mitarbeiter der amerikanischen Armee auslieferte, seinen jüngeren Bruder Magnus vorgeschickt, weil es bei ihm „verschmerzbar“ gewesen wäre, wenn die Amerikaner auf den Wehrmachts-Lkw der Gruppe geschossen hätten. Nach Neufelds Erkenntnissen dagegen wurde Magnus geschickt, weil er von allen in der Gruppe am besten Englisch konnte. Zudem fuhr er zu den Amerikanern mit dem Fahrrad.

Das Finstere und das Großartige

An solchen Stellen - wie auch angesichts der Tendenz, Wernher von Braun in den Spielszenen vorzugsweise rauchend und trinkend zu zeigen - wird der Betrachter das Gefühl nicht los, dass die Filmemacher hier etwas kompensieren wollten. Es scheint, als seien sie ihrer Faszination für ihre Gestalt gewahr geworden - und dabei hätte sie sogleich auch ihr schlechtes Gewissen übermannt. Immerhin, anders als von Brauns Apologeten oder Kritiker maßt sich ihr Film kein letztes moralisches Urteil an - und wird damit beide enttäuschen: jene, für die ein Genie höchstens Opfer, nie aber Verstrickter gewesen sein konnte - aber auch jene, die nun Wernher-von-Braun-Schulen umbenennen wollen und damit auf ihre Weise der Vorstellung das Wort reden, ein Genie habe gefälligst von Anfang an lauter zu sein.

Das Besondere an Wernher von Braun ist jedoch nicht, dass Teile seines Wirkens unter dem Schatten Hitlers standen - das gilt auch für viele andere, auch solche, nach denen Schulen benannt sind und bleiben. Das Besondere an ihm ist, dass sich seine spätere Leistung für die zivile Raumfahrt direkt von seiner Arbeit vor 1945 ableitet. Dass das Finstere mit dem Großartigen so zusammenhängen kann, ist bisher entweder verdrängt worden, oder es wurde daraus der Schluss gezogen, dass das Finstere entweder so finster nicht war oder das Großartige nicht so großartig. „Der Raketenmann“ zeigt eindrücklich, dass beides falsch ist.

Der Raketenmann, am 14.7.2009 um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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