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Mondexpedition

Einsteigen zum Raumfahrtabenteuer!

Von Jordan Mejias
 - 10:44
Wegweisende Zukunftsschau: Titelcover der Zeitschrift Collier's vom 18. Oktober 1952zur Bildergalerie

Es hätte alles viel bombastischer ausfallen sollen. Für die erste Mondlandung, wie Wernher von Braun sie sich ursprünglich ausmalte, wären gleich drei Raketen aufgestiegen. Mit einer Besatzung von insgesamt fünfzig Mann. Fünfzig! Je ein Drittel in einem dementsprechend üppigen, ausladenden, geradezu schwelgerischen Gefährt. Warum es nicht nach einer herkömmlichen Rakete auszusehen brauchte, war längst erklärt. Die Stromlinienform, so von Braun, ist im luftleeren Raum passé. Tollpatschig und plump mag sie wirken, die dafür entworfene Rakete, aber deswegen ist sie umso effizienter. Ein skurriles Ding, zusammengebastelt aus Heliumtanks, Starttanks, Landetanks, Landegestellen, Hitzeschilden, Steuerdüsen, Solarspiegeln, Radioantennen, Temperaturregulatoren, Besatzungsbereichen, um nur die augenfälligen Elemente zu nennen.

„Stellen Sie sich die Ausmaße dieser riesigen Dreistufenrakete vor“, fordert von Braun sein Publikum auf. „Sie hat eine Länge von achtzig Metern, was einem vierundzwanzig Stockwerke hohen Gebäude entspricht. Ihre Basis hat einen Durchmesser von zwanzig Metern. Das Gewicht dieses Monsterraketenschiffs beträgt vierzehn Millionen amerikanische Pfund oder siebentausend Tonnen, ungefähr so viel wie eine leichter Passagierdampfer.“ Und wie das alles erst in Aktion aussieht! Sekunden vor der Mondlandung, sobald die Steuerdüsen überflüssig geworden sind, fährt ein zentrales, stoßdämpfendes Landebein aus, das sich im gelben Flammendunst verliert. Mondgestein spritzt glühend auf, und als wäre das noch nicht atemraubend genug, leuchtet am tiefschwarzen Himmel eine Sichel, die nur die Erde sein kann. Denn die Perspektive, aus der sich uns das Raketendrama darbietet, ist die eines Menschen, der irgendwie schon vorher seinen Weg auf den lunaren Nordpol gefunden hat.

Ein Forum für Raketenmänner

Nun ist da dem fabelhaften Illustrator Chesley Bonestell keineswegs die Phantasie durchgegangen. Er hat sich vielmehr genau an die Anweisungen gehalten, die ihm von Braun und eine Reihe kaum minder erlauchter Fachkollegen zukommen ließen. Anlass war eine spektakuläre Serie von Artikeln, die in der amerikanischen Zeitschrift „Collier’s“ vom März 1952 bis April 1954 erschienen und für die Reise zum Mond mächtig Stimmung machten.

In jener Glanzzeit der Illustrierten bietet „Collier’s“ den Raketenmännern ein wunderbares Forum, ihre Wünsche und Überlegungen, seien sie technischer, psychologischer, medizinischer, politischer oder auch juristischer Art, unters staunende Volk zu bringen. Neben dem vierzigjährigen von Braun, der damals noch technischer Direktor einer der Armee zugeordneten Forschungsabteilung für Raketengeschosse war, greifen etwa Heinz Haber, der im Auftrag der Luftwaffe raummedizinische Forschung betrieb, und der hochgeschätzte Wissenschaftsjournalist Willy Ley zur Feder. Ihre Einsichten werden zu Ansichten dank Illustratoren wie Chesley Bonestell, Fred Freeman und Rolf Klep, die uns aufregende Blicke in Raketen und eine radförmige Raumstation gewähren, die auch Hawaii tief drunten auf dem Erdball nicht vergessen, wenn sie den Bau von Raumschiffen im All vorausahnend dokumentieren, und ganze Flottillen tanklastiger Flugkörper in Bewegung setzen. In Wort und Bild entsteht so, verteilt über acht Hefte, ein leidenschaftliches Plädoyer für die Raumfahrt, deren erster Höhepunkt die Mondlandung sein soll. Der Mars wird schon mal als nächste Station angepeilt.

Staatstragende Dringlichkeit

Von Anfang an lassen die Redakteure der Illustrierten keine Zweifel an der staatstragenden Dringlichkeit ihrer Veröffentlichung. Es ist, schreiben sie, keine Science-Fiction. Es ist vielmehr die Geschichte von der Unvermeidlichkeit der Eroberung des Alls durch den Menschen. An Washington ergeht die Mahnung, der Raumfahrt Priorität einzuräumen, nachdem die Kluft in der Wiederbewaffnung von Ost und West sich beständig verringert habe. Nichts sollte darum unversucht bleiben, um den Weltfrieden zu garantieren, und der, wie die Redakteure gar nicht zu erwähnen brauchen, geht eben von den Vereinigten Staaten aus: „It’s as simple as that.“

Zwischen Wettrüsten und Friedensin-itiative breiten die Wissenschaftler ihre ureigenen Theorien aus. In einer Prosa, die den Abenteuerschmöker mit der genau detaillierten und spezifizierten Anleitung zur Weltraumfahrt vereint, wird kein Aspekt des Unternehmens ausgespart. Genau beschreibt von Braun, wann der rechte Zeitpunkt für den Start käme, wie die günstigste Flugbahn aussähe, wo der beste Landeplatz zu finden wäre. Aber aufgepasst, es handelt sich um keinen Sonntagsausflug: „Auf dem Mond droht Gefahr. Es ist die Gefahr des Unbekannten.“ Trotzdem soll die Forschung gedeihen, sollen Mondbeben ausgelöst werden, um die innere Zusammensetzung des Erdtrabanten zu ergründen, sollen Erkundungen auf schweren Traktoren Auskunft geben, wo ein Laboratorium, ein Stützpunkt für künftige interplanetarische Expeditionen, aber auch ein militärischer Brückenkopf am besten hinpassten.

Friedenssicherung mit Walt Disney

Die Kosten, ach ja. Allein für Treibstoff rechnet von Braun mit dreihundert Millionen Dollar, und vier Milliarden könnten für den Bau der Raumstation fällig werden. Ob er sich gezielt verrechnet hat? Für Apollo wird er später fünfundzwanzig Milliarden brauchen. Die verhältnismäßig teure Raumstation aber, beruhigt er seine Leser, soll weniger eine wissenschaftliche als eine militärstrategische Funktion haben. Gleichwohl ist sie für die Mondreise unentbehrlich, die von Braun in zwei Etappen geplant hat. Zwei Flugstunden sind für den Kurztrip von der Erde zur Raumstation vorgesehen, ein lockeres Vorgeplänkel im Vergleich mit dem Fünftagemarathon zum Mond, der dann in drei Raumschiffen, allesamt montiert in luftiger Höhe, zu absolvieren wäre. Sechs Wochen hätte danach der Aufenthalt auf dem Mond gedauert, und die Rückkehr wäre in zwei Raumschiffen erfolgt. Das dritte wäre zurückgeblieben und zerlegt worden, um daraus Baumaterial für einen permanenten Stützpunkt zu gewinnen.

Selbst über die Aufbereitung des Unternehmens hienieden auf unserem Planeten hat von Braun sorgfältig nachgedacht: „Fernsehkameras auf der Raumstation werden die Szene an Empfänger in der gesamten Welt übertragen. Unser Start ist langsam. Die großen Raketenschiffe erheben sich schwerfällig, eines nach dem anderen, während grüne Flammen aus den Raketenbatterien strömen, bis sie an Geschwindigkeit zulegen.“ Wissenschaftler und Ingenieure, versichert er uns, wüssten nun, wie eine Raumstation, die in 1075 Meilen Höhe die Erde umrunden sollte, zu bauen sei. Über zehn, fünfzehn Jahre dürfte sich die Arbeit hinziehen, und die Gesamtkosten des Projekts wären mit denen der Atombombe zu vergleichen. Aber: „Wenn wir es tun, können wir nicht nur den Frieden sichern, sondern auch einen entscheidenden Schritt hin zur Versöhnung der Menschheit unternehmen.“ Das musste auch Walt Disney einleuchten, mit dem von Braun und seine Mitarbeiter anschließend drei Fernsehfilme drehten. Vierzig Millionen Amerikaner verfolgten in diesem noch recht neuen Medium deren pädagogisch animierte und pathetisch pointierte Raumfahrtvisionen.

2020 wieder Menschen auf dem Mond?

In den nächsten fünfundzwanzig Jahren, hatte die Leserschaft von „Collier’s“ erfahren, werde eine bemannte Expedition den Mond erreichen. Wir wissen es jetzt besser. Es ging alles schneller, als von Braun es zu hoffen wagte. Allerdings nicht in den gigantischen Dimensionen, wie er sie liebte. Apollo war geschrumpft, der Zwischenstopp auf der Raumstation fiel aus. Und „Collier’s“? 1969, als der erste Mensch den Mond erreichte, war die Illustrierte eingestellt. Doch ohne ihre Artikelserie hätten Neil Armstrong und die anderen elf Mondfahrer, die in seine Fußstapfen traten, vielleicht nicht so zügig ihr Ziel erreicht. Die Frage des Tages ist nun, wie die Nasa die kollektive Phantasie heute in Wallung versetzen könnte. Im Jahr 2020 sähen nämlich von Brauns Nachfolger gern wieder Menschen auf dem Mond. Aber die Begeisterung der Nation darüber hält sich in Grenzen, und Geld ist nicht gerade im Überfluss vorhanden.

Durch Bescheidenheit zeichnet sich das funkelnagelneue Constellation-Programm zudem nicht aus. Es erinnert eher an die alten Superpläne und den himmelstürmenden Elan, mit dem „Collier’s“ sie einst ausgebreitet hatte. Wieder sind die Raumschiffe gewaltig, wieder soll eine vielköpfige Mannschaft Wochen und Monate auf dem Mond verbringen. „Apollo auf Steroiden“ höhnen Kritiker schon. Wernher von Braun, dem Fan von Jules Verne, müsste dagegen das Herz aufgehen.

Quelle: F.A.Z.
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