Alles im grünen Bereich

Mit Vorsicht zu genießen

Von Jörg Albrecht
19.12.2015
, 23:06
Wenn pünktlich zum Heiligabend die Christrose in voller Blüte steht, ist das für den Gärtner das schönste Geschenk. Wenn auch ein durch und durch vergiftetes.

Eine Pflanze, die bei mir ums Verrecken nicht Fuß fassen will, ist die Schneerose. Egal, ob ich sie geschenkt bekomme oder für teures Geld kaufe, ob ich sie freistehend oder unter Büsche pflanze, trocken oder feucht halte, dünge oder es sein lasse - spätestens im übernächsten Jahr ist sie dahin. Helleborus niger, auch Schwarze Nieswurz genannt, kann fünfzig Jahre und älter werden, liest man immer wieder. Ich bezweifle das. Hat da jemals jemand Protokoll geführt?

Eine glückliche Hand beim Umgang mit Nieswurzgewächsen sei ein untrügliches Zeichen für einen anspruchsvollen, ja sogar extravaganten Gärtner, hat der britische Wein-, Baum-, Reise- und Gartenjournalist Hugh Johnson einmal bemerkt. Vielleicht sind aber noch ganz andere Kräfte am Werk. Der englische Apotheker, Arzt und Astrologe Nicholas Culpeper (1616- 1654) glaubte, dass die schwarze Hellebore dem Einfluss des finsteren Saturn unterstehe, weshalb sie insbesondere zur Bekämpfung von Melancholie und Wahnsinn geeignet sei. Antike Autoren warnten vor den Gefahren beim Ausgraben der Wurzel: Man solle vorher reichlich Wein und Knoblauch zu sich nehmen, sich beeilen, dabei zu Apoll und Asklepios beten und außerdem den Flug des Adlers beobachten, der sich gern als Todesbote dazugeselle.

Tatsächlich enthält die Pflanze in allen ihren Teilen starke Giftstoffe, darunter das Glykosid Hellebrin, das in geringen Dosen gegen Herzschwäche wirken kann. „Zwei Tröpflein machen Wangen rot, zehn Tropfen tot“, zitiert der Heimatschriftsteller Ludwig Ganghofer in seinem Roman „Der Klosterjäger“ eine medizinische Volksweisheit. Ein Aufguss aus den getrockneten Blättern galt als Elixier für langes Leben und ewige Jugend. Noch zu Goethes Zeiten wurden große Mengen eines „Schneeberger Schnupftabaks“ aus dem Erzgebirge konsumiert, der angeblich Helleborus-Bestandteile enthielt, worüber sich der Geheimrat, der durch seine botanischen Studien mit der Pflanze vertraut war, echauffierte: „Das heißt sich selber erkennen! Nieswurz holt sich das Volk, ohne Verordnung und Arzt.“ Doch war das wohl, wie so oft, ein Überlieferungsfehler in der pharmazeutischen Literatur. Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Regensburg haben herausgefunden, dass es sich wahrscheinlich um einen Zusatz von Weißem Germer (Veratrum album) gehandelt haben muss. Der ist freilich ebenso nur mit Vorsicht zu genießen - Alexander der Große soll daran nach zwölftägigen Qualen gestorben sein. Wer auf Nummer Sicher gehen will, greift, wie mancher Besucher des Münchner Oktoberfestes, besser zum reinweißen Schnupfpulver „Schneeberg“ der Traditionsfirma Pöschl, das nicht einmal mehr Tabak oder Nikotin enthält, sondern nur noch Traubenzucker und ein wenig Menthol.

Zurück zur Schneerose. Die wächst von Natur aus in den Alpen und trägt ihren Namen wegen der frühen Blütezeit, die je nach Höhen- und Wetterlage zwischen November und April liegt. Als „Christrose“ kommt sie in der Vorweihnachtszeit in den Handel, weil sie sich so exakt kultivieren lässt, dass sie pünktlich an Heiligabend in voller Blüte steht. Dazu passt das bekannte Kirchenlied „Es ist ein Ros entsprungen“. So wird uns doch noch ein Blümlein gebracht. Mitten im kalten Winter.

Quelle: F.A.S.
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