Die Welt der Eulen

Ein kauziges Volk

Von Georg Rüschemeyer
05.11.2015
, 10:28
Eulen beflügeln unsere Phantasie, weil man sie fast nie zu Gesicht bekommt. Und wenn doch, staunen wir umso mehr.

Erst will er nicht so recht. Aber dann lässt sich Cosmo mit etwas Geflatter auf der mit einem dicken Lederhandschuh geschützten Hand nieder. Vom neuen Ansitz aus macht das Schleiereulenmännchen, was es besonders gut kann: Es starrt seinen Besucher aus unergründlich dunklen Augen an. Und das Blickduell mit einer Eule kann man als Mensch nur verlieren.

Cosmo lebt mit zahlreichen anderen Eulen nahe der nordenglischen Stadt York im York Bird of Prey Centre, einem jener Greifvogelparks, wie sie sich in Großbritannien besonderer Beliebtheit erfreuen. Parkdirektor Andrew Fawcett, der in breitestem Yorkshire-Englisch von seinen Schützlingen schwärmt, hat hier vor Jahren sein Hobby, die Falknerei, zum Beruf gemacht. Als Besitzer einer Zoo-Lizenz präsentiert er heute mehr als achtzig verschiedene Greifvogelarten. Etwa die Hälfte davon sind Eulen.

Was auch immer man von der Haltung majestätischer Uhus, Schnee-Eulen oder Bartkäuzen in zwar großzügigen, letztlich aber trotzdem zu kleinen Volieren halten mag - so bietet sich die Gelegenheit, die schönen Tiere ganz aus der Nähe zu betrachten. Und mit Fawcetts Hilfe darf man hier das eine oder anderen handaufgezogene und besonders zutrauliche Exemplar sogar selbst auf den Arm nehmen.

Alles im Blick

So macht man die Bekanntschaft mit einem geheimnisvollen Vogel. Denn obwohl Eulen in Populärkultur und Kinderbüchern weit verbreitet sind, bekommt man die Vertreter der nachtaktiven Vogelordnung Strigiformes in freier Wildbahn als Normalsterblicher nur sehr selten zu sehen. So selten, dass manche Kinder sie zusammen mit Einhorn, Zahnfee und Weihnachtsmann zu den Fabelwesen zählen. Tatsächlich fasziniert die wegen ihrer aufrechten Haltung und der nach vorn gerichteten Augen fast menschliche Anmutung der Eulen in Kombination mit ihrer heimlichen Lebensweise den Menschen schon seit Urzeiten.

Die älteste bekannte bildliche Darstellung einer Eule entstand vor rund 30.000 Jahren in der Chauvet-Höhle im südfranzösischen Departement Ardèche. Dort findet sich neben Darstellungen von Großtieren wie Nashörnern, Wildpferden und Höhlenlöwen auch ein einzelner, in den weichen Fels gekratzter Uhu. Er wendet dem Betrachter gleichzeitig seinen Rücken und das Gesicht zu. Das ist keine Vorwegnahme von Picassos multiperpektivischer Malweise, sondern eine naturgetreue Wiedergabe der einzigartigen Beweglichkeit des Eulenhalses, die dem Kopf Drehungen von bis zu 270 Grad erlaubt.

Was die steinzeitlichen Höhlenbesucher mit der Eule verbanden, lässt sich heute nicht mehr sagen. Viele Jahrtausende später im antiken Griechenland war insbesondere der Steinkauz ein Attribut der Göttin Athene und wurde als Symbol der Weisheit verehrt. Mitsamt seiner Herrin zierte er Jahrhunderte lang die Vier-Drachmen-Münzen Athens, die deshalb auch kurz „Eulen“ genannt wurden. Das auf den zeitgenössischen Dichter Aristophanes zurückgehende Sprichwort von den überflüssigerweise nach Athen getragenen Eulen dürfte sich daher auf den monetären Reichtum der Stadt und nicht auf eine hohe Eulen-Bestandsdichte rund um den Parthenon bezogen haben.

Vom Pechvogel zum Star

Mit der von ihnen Minerva genannten Göttin übernahmen die Römer die Eule als Symbol für Weisheit und Gelehrigkeit. Gleichzeitig galt das Tier im alten Rom aber als Pechvogel und Zeichen eines nahen Todes. Zwischen diesen Polen pendelt auch die neuzeitliche Wahrnehmung. Während der nächtliche Räuber im Zeitalter der Aufklärung ein Comeback als Weisheitssymbol erlebte, tritt er bei Shakespeare noch als „ahnungsvoller grauser Todesvogel“ auf. Gemeint ist vermutlich der weit verbreitete Waldkauz, dessen charakteristisches „Huhuuh“ man noch heute mit Friedhöfen zur Geisterstunde verbindet. Dabei handelt es sich lediglich um den Ruf des Männchens, mit dem es sein Revier markiert und das andere Geschlecht bezirzt. Er wird vom Weibchen mit einem kurzen „Kuwitt“ beantwortet, in dem das abergläubische Volk ein nicht minder gruseliges „Komm mit!“ hörte. Doch nicht überall zeigte man sich derart misstrauisch: In der Lausitz etwa galt der nächtliche Ruf der Eule als gutes Omen, das die Geburt eines gesunden Kindes verhieß, ohne jegliche Komplikation.

Heutzutage besitzen Eulen ein ausgesprochen positives Image, zu dem jüngst der Erfolg der Roman- und Filmserie um den Zauberlehrling Harry Potter und seine treue Briefeule Hedwig beitrug. Die anschmiegsame Schnee-Eule führte zu einer großen Welle der Sympathie - und zu zahlreichen Versuchen, Eulen zu Haustieren zu machen.

Obwohl sich Eulen nur bedingt als Streicheltiere eignen: Der von Hand aufgezogene Cosmo lässt sich nach einer kurzen Phase des Kennenlernen nun bereitwillig über das überraschend weiche Gefieder fahren. Dessen flaumige Oberfläche dient demselben Zweck wie die für Eulen typischen kammförmigen Fransen an den Rändern der Schwungfedern: Diese Anpassungen verringern Luftverwirbelungen und dämpfen damit die Fluggeräusche. Die im Vergleich zu anderen Greifvögeln sehr breiten Schwingen tragen ebenfalls dazu bei, dass Eulen des Nachts zwar langsamer, aber besonders leise und wendig unterwegs sind.

Perfekt auf Dunkelheit eingestellt

Ganz auf die nächtliche Jagd sind auch ihre Sinne ausgelegt. Die verhältnismäßig großen und hochempfindlichen Augen sind zwar fest mit den knöchernen Augenhöhlen verwachsen. Dieses Manko machen Eulen jedoch durch ihren hyperbeweglichen Hals mehr als wett. Dieser ermöglicht ihnen nicht nur den totalen Rundumblick, sondern gleicht im Flug zudem die Bewegungen des Körpers aus, so dass die Beute wackelfrei fixiert werden kann.

Das visuelle Feld der beiden nach vorne gerichteten Augen überschneidet sich mehr als bei irgendeiner anderen Gruppe von Vögeln und erzeugt so ein großes binokulares Sehfeld. Im Nahbereich können Schleiereulen sogar bereits mit einem Auge räumlich sehen - bis zu einem gewissen Grad: Ihr Gehirn kann aus der zum Scharfstellen der Linse nötigen Muskelspannung berechnen, wie weit ein Objekt entfernt ist. Ähnlich einem Fotografen, der scharf stellt und dann am Objektiv die Entfernung abliest.

Für die nächtliche Jagd nutzen Eulen ihr extrem gutes Hörvermögen, mit dem sie Mäuse im Gras, unter Laub und selbst unter einer geschlossenen Schneedecke lokalisieren können. In Experimenten zeigte Eric Knudsen, Neurobiologe an der kalifornischen Stanford University, bereits Ende der siebziger Jahre, dass Schleiereulen ihre Beute sogar in absoluter Dunkelheit zielgenau anfliegen können. Entscheidend für diese Gabe, so fand Knudsen heraus, sind die asymmetrische Lage der beiden von Federn bedeckten Ohröffnungen am Kopf sowie der markante Gesichtsschleier der Tiere, der wie eine übergroße Ohrmuschel die eingehenden Geräusche je nach Frequenz unterschiedlich moduliert. Im Gehirn wird aus den minimalen Lauf- und Intensitätsunterschieden der in beide Ohren eingehenden Signale dann der Ursprung des Geräuschs im Raum errechnet, mit einer für unvorsichtige Beutetiere tödlichen Genauigkeit.

Des einen Leid, des anderen Gaumenfreud

Im Moment des Zugriffs kommt schließlich ein dritter Sinn ins Spiel: Um Krallen und Schnabel herum sind zarte Fadenfedern angeordnet, an deren Basis sich Tastsinneszellen befinden. Diese registrieren jede Bewegung, so dass Eulen ihre Beute selbst im Nahbereich klar wahrnehmen. Welche sie bevorzugen, das variiert von Art zu Art erheblich.

Nagetiere, zum Beispiel Mäuse, verenden fast täglich in den Klauen der meisten Eulen gemäßigter Zonen. Aber für den auch in Deutschland heimischen, nur knapp zwanzig Zentimeter großen Sperlingskauz sind das schon recht große Brocken. Er erlegt vorwiegend Kleinvögel wie Meisen oder Buchfinken; der kaum größere Steinkauz schätzt darüber hinaus Käfer, Heuschrecken und Regenwürmer.

Für eine Großeule wie Rolo, den Uhu, ist eine Maus lediglich ein Amuse-Gueule. Mit Fawcetts Hilfe lässt er sich nun als Nächster auf dem mit Handschuh bewehrten Arm des Besuchers nieder und nimmt mit seinen bernsteinfarbenen Augen sofort das Blickduell auf. Seine scharfen Krallen wirken einschüchternd, dabei ist der junge Rolo mit ungefähr einem Kilo Körpergewicht für einen Uhumann gerade mal eine halbe Portion. Weibchen bringen sogar bis zu drei Kilo auf die Waage, erreichen dann eine Größe von siebzig Zentimetern oder mehr und eine Spannweite, die an zwei Meter heranreichen kann. Entsprechend groß ist die typische Beute eines Uhus. Sie besteht neben Nagetieren und Kaninchen häufig aus anderen Vögeln, darunter selbst verwandte Arten wie Waldkäuze und Waldohreule. Sogar Füchse und größere Säugetiere bis hin zu Rehkitzen enden in den kräftigen Fängen.

Der Uhu ist zurück

Weil Uhus gelegentlich an Aas gehen, finden sich in ihren aus unverdaulichen Nahrungsresten bestehenden Gewöllen, die sie wie alle Eulen regelmäßig hervorwürgen, manchmal auch Haare von Großwild wie Wildschweinen. Das leistete früher dem Jägerlatein und der Verfolgung des Uhus als Jagdschädling Vorschub. Hinzu kam der Brauch, junge Exemplare auszuhorsten, um sie anschließend für die sogenannte Hüttenjagd zu benutzen. Dabei machte man sich den ausgeprägten Trieb vieler Sing-, Raben- und Greifvögel zunutze, einen einmal entdeckten Uhu zu attackieren. Während das Federwild auf den auf einem Pflock angebundenen Raubvogel losging, wartete in der Hütte der wahre Feind mit einer Flinte.

Aushorstung und Jagd hätten den Uhu beinahe um die Existenz gebracht. Ende der fünfziger Jahre wurde der gesamtdeutsche Bestand auf gerade noch siebzig Brutpaare geschätzt. Und Mittelspannungsmasten sind eine tödliche Gefahr, wenn Uhus beim Anflug gleichzeitig Kabel und Mastbauteile berühren und auf diese Weise eine Strombrücke bilden. Ihre schiere Größe wird ihnen dann zum Verhängnis.

Inzwischen haben die Jäger ihren Frieden mit der gefiederten Konkurrenz gemacht. Zudem wurde ein Großteil der deutschen Mittelspannungsnetze auf vogelsichere Masten umgerüstet. Zusammen mit strengen Schutzmaßnahmen und Auswilderungsprogrammen konnte der Uhu so ein spektakuläres Comeback hinlegen. Die Zahl der Brutpaare liegt heute wieder bei rund zweitausend, im Jahr 2007 wurde Bubo bubo aus der bundesweiten Roten Liste bedrohter Vogelarten gestrichen.

Bunte Sippe

Neben dem Uhu brüten nur sieben weitere Eulenarten regelmäßig in Deutschland: Steinkauz, Waldohreule, Raufußkauz, Schleiereule, Sperlingskauz, Waldkauz und Sumpfohreule. Sie alle besitzen riesige Verbreitungsgebiete, die sich oft bis weit nach Asien und teilweise auch Nordamerika erstrecken, weshalb ihr Bestand als Art meist nur lokal gefährdet ist.

Das Gros der insgesamt gut zweihundert Eulenarten findet sich in wärmeren Regionen rund um den Globus und hat sich dort den unterschiedlichsten Lebensräumen angepasst. Der zur Gattung der Steinkäuze gehörende Kaninchenkauz etwa bewohnt baumlose Graslandschaften Nord- und Südamerikas, wo er mangels Baumhöhlen in verlassenen Bauten von Kaninchen oder Präriehunden brütet. Der amerikanische Elfenkauz, mit nur vierzehn Zentimeter Körperlänge eine der kleinsten Eulenarten der Welt, zieht in den Wüstengebieten der Vereinigten Staaten von Amerika seinen Nachwuchs in Säulenkakteen auf und nutzt dafür verlassene Spechthöhlen. Auf schuppige Beute spezialisiert sind die asiatischen Fischuhus und die afrikanischen Fischeulen, die entweder watend wie ein Reiher oder aus der Luft wie ein Seeadler Jagd auf Fische machen.

Recht ungewöhnliche Lebensweisen haben Eulen entwickelt, die auf entlegenen Inseln heimisch wurden. Die Galapagos-Ohreule beispielsweise hat sich farblich an das dunkle Lavagestein der Inseln angepasst und ist weitgehend zur tagaktiven Jagd auf Darwinfinken übergegangen. Weil ihren Habitaten schon von Natur aus engen Grenzen gesetzt sind, drohen Inseleulen eher auszusterben, wenn sich das Terrain verändert. Der Norfolkinsel-Kuckuckskauz, eine Unterart des Neuseeland-Kuckuckskauzes, überstand das 20. Jahrhundert in einem nicht einmal fünf Quadratkilometer großen Restwald, nachdem die Regenwälder seiner Heimat gerodet waren. 1985 wurde dort ein letztes Exemplar dieser Unterart entdeckt: Miamiti, ein Weibchen, das zehn Jahre später zuletzt gesehen wurde. Zuvor hatte es jedoch Zeit, mit einem eigens aus Neuseeland verfrachteten Männchen der Stammart eine Population von Hybrid-Kuckuckskäuzen zu gründen. In diesen leben ihre Gene bis heute fort.

Dunkle Vergangenheit

Wer aber die nächsten Verwandten der Eulenvögel sind, diese Frage ist bis heute nicht zufriedenstellend beantwortet. Während einst vor allem tagaktive Greifvögel dafür in Frage kamen, rückten erste molekularbiologische Analysen die Ordnung der Schwalmartigen näher, ebenfalls nachtaktive Insektenfresser mit weichem, schallschluckendem Gefieder. Das änderte sich Ende 2014 wieder, als ein internationales Konsortium in „Science“ eine umfassende Interpretation genetischer Daten vorlegte. Diese stellte eine Verwandtschaft zu den Spechten fest, wobei Adler und Geier den Eulen noch näher stehen. Versteinerungen, anhand deren sich die Stammesgeschichte ermitteln ließe, sind indes Mangelware. Die ältesten, die eindeutig den Eulen zuzuordnen sind, stammen aus dem Oligozän und sind 30 Millionen Jahre alt. Allerdings gibt es auch fast doppelt so alte Fossilien, die Wissenschaftler als frühe Eulen deuten.

Die im Dunkeln liegende Vergangenheit passt zum Nimbus des Geheimnisvollen. Das verliert sich im Greifvogelpark zumindest ein bisschen. Als Rolo den Handschuh wieder freigibt, verabschiedet sich der Uhu von seinem Besucher profan mit frischem Vogelschiss.

Quelle: F.A.S.
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