Gestrandete Wale

Da müssen schon Fachleute ran

Von Andreas Frey
21.01.2016
, 14:00
Wenn ein toter Wal angespült wird, heißt es immer, dass er explodieren könnte. Das passiert aber nur, wenn er unsachgemäß behandelt wird.

Es sind Bilder, die man niemandem zum Frühstück wünscht. Ein Wal stirbt, strandet, bläht sich auf - und explodiert. Das Innere wird mit hoher Geschwindigkeit meterweit nach außen geschleudert. Echt ekelerregend. Aber gleichzeitig so faszinierend und bizarr, dass Videos explodierender Wale im Internet millionenfach angeklickt werden.

Es gibt einen eigenen, englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu Walexplosionen. Es gibt - mehr oder weniger ernsthafte - Fachbücher. Es gibt eine skurrile Chronik (theexplodingwhale.com). Es gibt eine Simpsons-Folge. Und es gibt die zwölf verendeten Pottwale an der Nordseeküste, die in den vergangenen Tagen auf verschiedenen Inseln angeschwemmt wurden, bestialisch stanken und die Behörden dazu veranlassten, ganze Strandabschnitte zu sperren. Wegen angeblicher Explosionsgefahr, wie es überall hieß.

Die Anatomie des Wals ist angelegt für extremen Druck

Auf der Insel Wangerooge hat man deshalb einen Tierpräparator für die Beseitigung der Walkadaver angeheuert. Dort, auf einer Sandbank auf der Ostfriesischen Insel, sind am vergangenen Wochenende die ersten beiden Exemplare gestrandet. Am Mittwoch dann legte Aart Walen, der holländische Experte mit dem prädestinierenden Namen, Hand an. Mit einem langen Messer schnitt er Löcher in den Kadaver und ließ so kontrolliert Luft ab. Gefahr gebannt, hieß es anschließend.

Ein ähnlich traumatisches Erlebnis hat man in Trout River bereits hinter sich. Im kanadischen Fischerdörfchen wurde im Mai 2014 sogar ein aufgeblasener Blauwal angeschwemmt, der den ganzen Ort in Angst versetzte. Tagelang ließen die Bürger den mehr als 25 Meter langen Kadaver nicht aus den Augen. Der Rest der Welt konnte entspannt auf der Homepage hasthewhaleexplodedyet.com darauf warten, ob das größte Tier der Welt nun endlich in die Luft fliegt. Der Gestrandete wog immerhin an die hundert Tonnen. Allein die Zunge brachte es auf vier Tonnen, das Herz war so groß wie ein VW Käfer. Und im Magen-Darm-Trakt des Tiers waren Bakterien fleißig: Sie produzierten Gase, der Kehlsack blies sich immer weiter auf. Doch der Wal explodierte einfach nicht.

Von allein wäre er das auch nicht, sagt der Paläontologe Achim Reisdorf von der Universität Basel. Dass Kadaver spontan explodieren, sei ein Mythos. „Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich davon höre“, sagt er. Dagegen spreche allein schon die sehr dicke Fettschicht der Meeressäuger, die es einem Koloss wie dem Pottwal ermöglicht, mehr als zweitausend Meter tief zu tauchen. „Die Anatomie der Wale ist angelegt für extremen Druck“, sagt Reisdorf. Das gilt bei lebenden Exemplaren für den hohen Außendruck in den Tiefen des Ozeans, aber natürlich auch umgekehrt: Selbst wenn sich im Innern des Kadavers Fäulnisgase sammeln und die Temperatur dadurch innerhalb kurzer Zeit auf mehr als sechzig Grad steigt, hält die Außenhülle dem wachsenden Druck stand. Wenn Gase durch die Fettschicht entweichen, dann langsam - auch wenn der ausströmende abscheuliche Aasgestank etwas anderes vermuten lässt.

Waltouristen sollten Abstand halten, Veterinäre müssen näher ran

Nur wenn unsachgemäß nachgeholfen wird, können Wale in die Luft fliegen. So geschah es zuletzt im November 2013 bei einem Pottwal auf den Färöer-Inseln (die Fontäne der Explosion erreichte eine Geschwindigkeit von 64 Kilometern pro Stunde) und vor zwölf Jahren bei einem Pottwal in Taiwan, der beim Abtransport mitten in der Stadt eine riesige Sauerei hinterließ. Die Videos davon sind mittlerweile Legende.

In Wangerooge wurde fachmännisch an den Pottwalen hantiert, sagt Reisdorf. Die Kadaverdusche blieb aus. Einzig bei weniger sachgerechten Schnitten ins Fleisch der Tiere sei denkbar, dass grundsätzlich eine Gefahr von gestrandeten Walen ausgehe. Der tote Wal könnte dabei seinen Schwerpunkt verlagern, umkippen und den Mann mit dem Messer erdrücken. Veterinärmediziner warnen zudem vor möglichen Krankheitserregern, die dem Kadaver entweichen. Gewöhnliche Waltouristen, die aus olfaktorischen Gründen ohnehin ausreichend Abstand halten, seien jedenfalls nicht gefährdet.

Nicht nur tote Wale drohen in die Luft zu fliegen, wenn man sie mit spitzen Gegenständen traktiert. Belegt sind Berichte von explodierenden Krokodilen in Panama, nachdem Geier über die Kadaver herfielen, und von toten Ziegen. Es gibt auch ein erst wenige Monate altes Video von einem Leoparden, der ein totes Zebra anknabbert und es kurze Zeit später bereut. Achim Reisdorfs Lieblingsvideo zeigt eine Hyäne, die sich im After eines Elefantenkadavers verbeißt.

Verendete Kühe werden schon mal in die Luft gesprengt

Reisdorfs eigentliches wissenschaftliches Interesse gilt den verstreuten Skelettteilen von Fischsauriern, die man im jurassischen Posidonienschiefer gefunden hat. Zu jener Zeit waren weite Teile Süddeutschlands von einem flachen und sauerstoffarmen Meer bedeckt, von dem man ursprünglich annahm, dass an seinem Grund weder Getier noch Strömungen die Gebeine der Ichthyosaurier aus dem anatomischen Verbund hätten lösen können. Deshalb entwickelte man in den siebziger Jahren die Explosionsthese. Reisdorf fand heraus, dass es wohl doch Wasserströmungen gewesen waren, die die Gebeine im Gelände verteilt hatten. Außerdem ist es auch denkbar, dass damals Lungenatmer bis in die lebensfeindlichen Tiefen tauchten, um dort Aas zu fressen.

In der Gegenwart und an Land sind Kuhexplosionen belegt. Doch dabei waren kein Faulgase, sondern Explosivstoffe im Spiel. Die kontrollierten Sprengungen sollten verhindern, dass verendete Rinder in schwer zugänglichen Bergregionen von Wildtieren angeknabbert würden. Doch im Jahr 2000 kam es bei einer trächtigen Kuh zu einem unerwünschten Ergebnis: Das tote Muttertier wurde zwar planmäßig zerfetzt, aber der Körper des Jungtiers blieb fast unversehrt in der Nähe einer Trinkwasserquelle liegen. Im Jahr danach verbot man deshalb die pyrotechnische Zerkleinerung verendeter Rinder.

Auch Leichen von Menschen können platzen, wenn sie beispielsweise Operationsnarben tragen. Dass allerdings Henry VIII. und Papst Pius XII. dieses Schicksal widerfuhr, hält Achim Reisdorf für Volksglauben, der sich jedoch hartnäckig hält: In Amerika kann man explosionssichere Särge kaufen.

Den Geruch wird man so schnell nicht vergessen

Kein Mythos hingegen ist der Fall des gestrandeten Pottwals im amerikanischen Bundesstaat Oregon im Jahre 1970. Die zuständige Behörde entschied sich seinerzeit, den 14 Meter langen Koloss mit einer halben Tonne Dynamit in die Luft zu jagen. Ein Fehler, wie sich herausstellte: Die Sprengung riss den Wal in Stücke und verteilte diese in einem großen Umkreis, wobei sogar ein Auto zerstört wurde. In der Folge probierte man andere Techniken aus. Einfach liegen lassen kann man die Kadaver ja in der Regel nicht. Wale wurden vergraben, verbrannt, zersägt und zerstückelt. Keine angenehme Arbeit: „Hilfskräfte, die bei der Zerlegung von Walen unmittelbar mit deren Gewebe in Kontakt kamen, berichten, dass es Wochen dauerte, bis sie den Geruch wieder losgeworden sind“, erzählt der Meeresbiologe Boris Culik.

Heute zieht man die großen Tiere meist wieder aufs offene Meer hinaus und versenkt sie. Das entspricht am ehesten dem natürlichen Kreislauf. Die Pottwale auf Wangerooge werden hingegen nicht als Fischfutter enden. Sie sollen von Fachleuten zerlegt und irgendwann im Nationalpark-Haus ausgestellt werden.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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