Farbenspiel der Kalmare

Wie man in der Tiefsee spricht

Von Diemut Klärner
17.01.2016
, 22:01
Die Meeresbewohner verständigen sich über schnell wechselnde Farbmuster auf ihrer Haut

Der Humboldt-Kalmar (Dosidicus gigas) gilt bei Fischern als besonders lohnender Fang. Da ihm die nährstoffreichen Meeresströmungen an Amerikas Westküste reiche Beute bieten, wird dieser muskulöse Kopffüßer bis zu zwei Meter lang und fast einen Zentner schwer. Gefangene Exemplare beeindrucken auch durch ihre tiefrote Farbe. In ihrer natürlichen Umgebung ändern Humboldt-Kalmare ihre Farbe mitunter blitzartig, offenbar um mit Artgenossen zu kommunizieren. Das haben Wissenschaftler von der Hopkins Marine Station der Stanford University in Pacific Grove (Kalifornien) im Golf von Kalifornien beobachtet.

In Zusammenarbeit mit der National Geographic Society aus Washington brachten Hannah Rosen und ihre Kollegen zwei Humboldt-Kalmare dazu, mit einer speziellen Videokamera sich selbst und ihresgleichen zu filmen: Sie streiften den Tieren eine Art Trikot über, an dem sie eine Halterung für die Kamera und diverse Messgeräte befestigten. Nach zwei Tagen löste sich die Kapsel mit den Apparaturen dann automatisch ab und wurde aus dem Wasser gefischt. Wie die geborgenen Aufzeichnungen zeigen, waren die freigelassenen Kalmare eilends abgetaucht. Zunächst verschwanden sie in finsteren Meerestiefen. Später tummelten sie sich zeitweilig nur fünfzig bis siebzig Meter unter dem Meeresspiegel. Dort gab es für die hochempfindliche Kamera noch ausreichend Tageslicht. Die Filmaufnahmen lassen erkennen, wie Humboldt-Kalmare interagieren, einander mit ihren Armen betasten und sexuelle Kontakte anbahnen („The Journal of Experimental Biology“, doi: 10.1242/jeb. 114157).

Zwischen Weiß und Rot

Dass die Tiere dabei optische Signale austauschen, belegen nicht nur verschiedenartige Muster auf ihrer Haut. Ihre Färbung, wie bei allen Kopffüßern übers Nervensystem gesteuert, kann sich auch blitzschnell verändern. Mitunter wechseln die Kalmare binnen einer Sekunde mehrmals zwischen Weiß und einem tiefen Rot, das weit unter dem Meeresspiegel schwarz wirkt. Dabei sind immer mindestens zwei Tiere gleichzeitig im Bild, und manchmal scheinen sie ihren Farbwechsel auch aufeinander abzustimmen. Das blitzartige Blinken lässt sich also als optische Kommunikation deuten. Wenn dagegen unregelmäßige Farbwellen über den Körper der Humboldt-Kalmare laufen, dient das womöglich der Tarnung. Schließlich gleicht dieses Flackern die wechselhaften Lichtreflexe unter Wasser. Ob solche Farbspiele bei Tiefsee-Kalmaren allgemein üblich sind, ist noch eine offene Frage.

Quelle: F.A.Z.
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