Lebensraum Ameisennest

Zu Hause in der Höhle des Löwen

Von Diemut Klärner
23.12.2015
, 15:22
Wer nistet sich schon gern bei Ameisen ein? Einige Insektenarten tun das und sogar freiwillig. Dabei bilden sich recht ungewöhnliche Wohn- und Lebensgemeinschaften.

Ameisen sind bekanntlich wehrhaft - sich und ihr Nest wissen sie energisch zu verteidigen. Häufig attackieren sie auch andere Insekten, um sie als Beute heimzutragen. Doch manche Insekten wagen sich sozusagen in die Höhle des Löwen: Im Schutz eines Ameisenvolks wachsen sie heran, ernähren sich von diversen Abfällen, lassen sich von den Arbeiterinnen füttern oder vergreifen sich sogar an den Ameisen und ihrer Brut. Zu diesen aggressiven Untermietern zählen die Raupen des Schwarzfleckigen Ameisenbläulings (Maculinea arion), von der „International Union for Conservation of Nature“ (IUCN) auf der Roten Liste der gefährdeten Arten plaziert. Im Sommer flattert dieser rare Falter mancherorts auch hierzulande auf Almen und anderen kargen Wiesen herum. Dort verteilen die Weibchen ihre Eier auf den Blüten von Thymian oder Oregano (Origanum vulgare), auch Dost oder Wilder Majoran genannt.

Wie aber sorgt der Schwarzfleckige Ameisenbläuling dafür, dass sein Nachwuchs auf die passende Art von Ameisen trifft? Offenbar hat er einen besonderen Riecher für Pflanzen, in deren Wurzelraum sich Ameisen der Gattung Myrmica häuslich eingerichtet haben. Das haben Wissenschaftler um Dario Patricelli und Francesca Barbero von der Universität Turin herausgefunden. Gemeinsam mit Christoph Crocoll von der Universität Kopenhagen, Jonathan Gershenzon vom Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie in Jena und Jeremy Thomas von der University of Oxford studierten sie die Interaktionen zwischen Pflanzen, Ameisen und Ameisenbläuling.

Ein Käfer wird zur Ameisenkönigin

Wie sich herausstellte, setzen Oreganopflanzen auf chemische Verteidigung: Werden ihre Wurzeln bei emsigen Bauarbeiten gestutzt, so aktivieren sie vier spezielle Gene, um die Synthese von Carvacrol anzukurbeln. Dieses ätherische Öl ist wie Thymol und andere ein Teil des Buketts, das dem Oregano sein köstliches Aroma verleiht. Für Ameisen, die im Untergrund leben, kann Carvacrol dagegen tödlich sein. Ameisen der Gattung Myrmica sind allerdings gefeit gegen dieses pflanzliche Insektizid. Wenn sie ihm ausgesetzt werden, steigern sie die Produktion von Proteinen, die Carvacrol unschädlich machen.

Sich ungestraft im Wurzelraum von Oreganopflanzen einnisten zu können hat für die Myrmica-Ameisen vermutlich den Vorteil, dass sie dort nicht mit anderen Ameisen konkurrieren müssen. Sie gehen jedoch das Risiko ein, indirekt weibliche Ameisenbläulinge auf sich aufmerksam zu machen. Auf der Suche nach einem Platz für ihre Eier bevorzugten die getesteten Falter die Oreganopflanzen mit Ameisennest. Als ebenso attraktiv erwiesen sich Pflanzen ohne Ameisen, auf denen die Forscher synthetisches Carvacrol verteilt hatten. Dass sich die Ameisenbläulinge an diesem Duft orientieren, verbessert die Überlebenschancen ihrer Raupen. Unbeeindruckt von dem chemischen Arsenal des Oreganos, nagen die Bläulingsraupen zunächst an den Blüten. Nach ein paar Wochen krabbeln sie von der Pflanze herunter. Sie treffen dann früher oder später auf eine Ameise aus dem nahen Ameisennest, der sie das Sekret ihrer Honigdrüse präsentieren können.

Die süße Gabe verführt die Ameisen dazu, die Spenderin zu adoptieren. Inmitten der Ameisenbrut ernährt sich die Ameisenbläulingsraupe dann von Ameisenlarven. Während sie bis zum nächsten Sommer heranwächst, dezimiert sie den Nachwuchs des Ameisenvolks derart, dass sie ihre Gastgeber schließlich zugrunde richtet. Davon profitiert wohl die Oreganopflanze, ihr Wurzelwerk wird nun nicht mehr von Ameisen beschädigt. Dass die jungen Raupen zuerst ein paar Oreganoblüten verspeisen, dürfte kaum ins Gewicht fallen - 98 Prozent ihres Wachstums gehen auf Kosten der Ameisen.

Ein Vertreter der Laufkäfer mit dem wissenschaftlichen Namen Paussus favieri verbringt nicht nur seine Jugendzeit unter Ameisen, er lebt auch als erwachsenes Insekt in einem Ameisennest. Erstaunlicherweise kann er dort ungehindert umherstreifen und, allen Wachposten zum Trotz, sogar bis zur Königin vordringen. Selbst wenn dieser Käfer eine Ameise angreift, um sie zu fressen, wehrt sich das Opfer nicht. Wie die Raupen von Ameisenbläulingen benutzt er nicht bloß eine chemische Tarnung, um sich als legitimes Mitglied des Ameisenvolks auszugeben. Zusätzlich setzt er auch akustische Signale ein, um seine unfreiwilligen Gastgeber zu besänftigen.

Dass der Laufkäfer Paussus favieri damit wohl auch den Status einer Königin vortäuschen kann, berichtet eine italienische Forschergruppe in der Online-Zeitschrift „Plos One“. Im Hohen Atlas hatten die Wissenschaftler um Andrea Di Giulio von der Universität Roma Tre und Francesca Barbero von der Universität Turin die merkwürdigen Käfer in Nestern der Knotenameise Pheidole pallidula aufgespürt und mitsamt den Ameisen nach Italien verfrachtet.

Insektenhotels im Labor

Sowohl die Ameisen wie der Laufkäfer, der sich bei ihnen einquartiert, besitzen spezielle Stridulationsorgane: Sie ziehen eine Reihe von schmalen Rippen derart über scharfe Kanten, dass Zirplaute ertönen. Wie die Analyse von Tonaufnahmen zeigte, produzieren die Käfer davon zweierlei Versionen: Die eine gleicht dem Zirpen von Arbeiterinnen des Ameisenvolks, die andere den Lautäußerungen der Königin.

Den Ameisen vorgespielt, erregten Aufnahmen von zirpenden Käfern ähnlich viel Aufmerksamkeit wie Zirplaute von Artgenossen. Oft bewegten die Ameisen ihre Antennen wie bei Begegnungen mit ihresgleichen. Seltener nahmen sie eine Körperhaltung ein, die für Wächter der Königin typisch ist. Auf das akustische Imitat des Käfers reagierten sie jedoch ähnlich häufig mit so einer Habachthaltung wie auf die echten Lautäußerungen einer Ameisenkönigin. Womöglich präsentiert sich der parasitische Untermieter mit akustischer Mimikry als Königin, um selbst bei seinen Beutezügen unbehelligt zu bleiben.

Wer statt Beute nur den Schutz sucht, den Ameisen bieten können, braucht nicht in deren Nest einzudringen. Um abschreckend zu wirken, müssen die Ameisen nicht einmal lebendig sein: Tot, aber gerade deshalb zuverlässige Leibwächter sind jene, die in den Nestern einer bislang unbekannten chinesischen Wegwespe entdeckt wurden. Wegwespen sind versierte Spinnenjäger. Als erwachsene Tiere ernähren sie sich zwar von Nektar. Der Nachwuchs aber lebt von Spinnen, die das Weibchen fängt und jeweils mit einem Ei bestückt.

Auch die hierzulande heimischen Arten, meist schlanker und kleiner als gewöhnliche Wespen, überwältigen erstaunlich große Beutetiere. Mitunter lässt sich auf Waldwegen beobachten, wie eine Wegwespe eine gelähmte Spinne über Stock und Stein zerrt. Um ihr Opfer als Nahrungsvorrat für den Nachwuchs zu verstauen, graben die Weibchen üblicherweise ein Loch in den Erdboden.

Einige Wegwespenarten sparen sich allerdings das mühselige Vergraben. Als Kinderstube dienen ihnen bereits vorhandene Hohlräume in Holz oder Pflanzenstengeln. Die im Südosten von China entdeckte Art zum Beispiel akzeptiert auch hohle Segmente von Pfahlrohr. Wissenschaftler um Michael Staab von der Universität Freiburg und Michael Ohl vom Museum für Naturkunde in Berlin hatten solche Rohrbündel als „Insektenhotels“ im Nationalen Naturreservat Gutianshan plaziert („Plos One“). Gemeinsam mit einem chinesischen Kollegen wollten sie in diesem urwüchsigen Laubwald, der mittlerweile von Koniferen-Plantagen umzingelt ist, die biologische Vielfalt erforschen. Deshalb holten sie aus den Insektenhotels Hunderte von bewohnten Quartieren für weitere Studien ins Labor.

Die meisten Wespennester bestanden aus mehreren hintereinander aufgereihten Brutkammern. Bei etlichen fiel jedoch auf, dass in der vordersten Kammer gar keine Wespenlarve heranwuchs. Stattdessen war der kleine Vorraum mit toten Ameisen vollgepackt. Diesem merkwürdigen Inhalt verdankt die als neuartig beschriebene Wegwespe den wissenschaftlichen Namen Deuteragenia ossarium. In einem Ossarium, auch Beinhaus genannt, wurden einst Gebeine verstaut, die beim Anlegen von neuen Gräbern auf alten Friedhöfen zutage kamen.

Doch was hat eine Wegwespe davon, eine Art Beinhaus anzulegen? Offenbar verbessern die toten Ameisen die Überlebenschancen der dahinter einquartierten Wespenlarven: Nur drei Prozent der Brutkammern waren von Parasiten okkupiert worden, die dort an Stelle der rechtmäßigen Bewohner heranwuchsen. Bei anderen Wespenarten, die in denselben Insektenhotels Unterkunft fanden, waren es rund 17 Prozent. Eine hohe Verlustrate für Insekten, die so viel Zeit und Mühe in jede Brutkammer investieren, dass sie im Laufe ihres Lebens nur etwa ein Dutzend Eier ablegen können.

Tot in der Vorkammer verstaut wurden meistens besonders große, aggressive Ameisen. Vermutlich verströmen sie noch lange eine charakteristische Duftnote, die den Geruch der Brutkammern überdeckt und abschreckend wirkt. Bezeichnenderweise wurden die untersuchten Beinhaus-Wegwespen ausschließlich von Parasiten heimgesucht, die sich schon frühzeitig während des Nestbaus einschleichen.

Wenn das Nest komplett ist, bietet sein Ameisen-Ossarium anscheinend Schutz vor Eindringlingen aller Art, die Ameisen lieber aus dem Weg gehen. Wie die Wegwespe Deuteragenia ossarium zu ihrem eigenartigen Schutzschild gekommen ist, bleibt eine offene Frage. Vielleicht fing es einst damit an, dass einige Ameisen ums Leben kamen, weil sie der wehrhaften Wespe ihre Spinne streitig machten.

Quelle: F.A.Z.
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