Musikalische Tierwelt

Der Pirol hat mir ein Lied erzählt

Von Cord Riechelmann
07.12.2008
, 10:42
Der Pirol hat mir ein Lied erzählt
Der Komponist Olivier Messiaen hat die menschliche Faszination für den Gesang der Vögel auf die Spitze getrieben: Er konnte 700 verschiedene Arten nach Gehör unterscheiden und versuchte, die Lieder der Vögel in seinen Kompositionen zu imitieren. Mit sechs Audios von Vogelstimmen.

Zu den wenigen Dingen, die sich wohl niemals ändern werden, gehört der Dialog zwischen Mäusebussard und Amsel. Hört man den Raubvogel im Stadtpark schreien, kann man ganz fest mit einer bestimmten Reaktion der potentiellen Beute rechnen: Auf seinen katzenartigen „hiää“–Schrei reagiert eine Amsel mit einem scharf-hohen „ssieh“-Ruf, der bei zwei benachbarten Amseln in dicht gereihte „tak-tak“–Laute übergeht. Dabei bleibt die Erregung der Amseln abhängig von der Anwesenheit des Bussards, und ihre Rufe werden auch beim nächsten Feind, der – wie der Bussard – aus der Luft kommt, sehr ähnlich klingen. Das hat einen einfachen Grund: Der Warnruf der Amseln ist angeboren, und Bussarde als Nicht-Singvögel haben ein sehr begrenztes Repertoire von Lauten zur Verfügung. Neue Töne wird man in dieser speziellen Anordnung also nicht vernehmen können.

Die Vögel als musikalisches Vorbild

Das steht auf den ersten Blick im krassen Widerspruch zur Behauptung des Komponisten und hochbegabten Hobby-Ornithologen Olivier Messiaen (1908 bis 1992), nach der Vögel nicht nur die größten Musiker unseres Planeten sind, sondern auch Komponisten und damit schaffende Künstler.

Musikalische Tierwelt
Der Pirol hat mir ein Lied erzählt
© Julie Sodré, Julie Sodré

Doch Messiaen, der am kommenden Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre, ist keineswegs der Erste, der den Vögeln einen bedeutenden Platz in der menschlichen Kunst einräumt und sie als unsere Vorbilder oder sogar Lehrer bezeichnet. Der griechische Philosoph Demokrit glaubte, wir hätten das Singen dem Schwan und der Nachtigall abgelauscht, moderne Komponisten wie Heinz Tiessen haben mit Entschiedenheit das Kompositionstalent von Singvögeln hervorgehoben. Und Messiaens Zeitgenosse Gottfried Benn behauptete gar, dass es Schwalben waren, die ihm den Rhythmus und die Themen seiner Lyrik vorgesungen hätten.

Messiaen konnte 700 Arten unterscheiden

Doch Messiaen beließ es nicht bei solchen, eher vom Zufall diktierten Beobachtungen. Planvoll zeichnete er Vogelstimmen auf und notierte dabei akribisch den Ort, an dem sich ein bestimmter Vogel hören ließ. Dafür hatte er sich schon früh die notwendigen Voraussetzungen angeeignet und begann bereits als Fünfzehnjähriger mit systematischen feldornithologischen Studien.

Am Ende konnte er gut 700 Arten an der Stimme unterscheiden und hatte von seinen Reisen Notationen von Vogelgesängen aus der ganzen Welt zusammengetragen.

Vogelgesang dem menschlichen Herzen angepasst

Dabei verzichtete er, auch als es technisch möglich geworden war, bewusst auf Hilfsmittel wie Tonbandgeräte und Sonographen als Aufzeichnungsinstrumente. Die Verlangsamung, die die Übertragung von Vogelgesängen in Noten zwangsläufig mit sich bringt (siehe: „Ihr singt einfach zu schnell!“), gehörte für Messiaen zum Programm. Denn die für menschliche Instrumente wie Klavier oder Geige nicht nachvollziehbaren Originaltempi der Vögel sind eine Folge unter anderem des wesentlich schnelleren Herzschlags dieser Tiere.

Wenn man so will, hat Messiaen mit seiner spezifischen Umwandlung der Gesänge in Noten jene unserem eigenen Herzschlag angepasst. Und nur über Notenanpassung konnte der Gesang zu einer, wie er es nannte, „zu uns sprechenden Gebärde“ werden, zu einer Musik, die wie „ein Vogel ohne Schlaf ist“.

Indem Messiaen aber die Gesänge der Vögel in dieser Weise als Botschaft an die Umgebung interpretierte, wurde ihm auch der Zusammenhang zwischen Raum und Gesang klar. Die Gesänge der Vögel wurden für Messiaen zur Kunst, weil sie Territorialisierungen zur Folge hatten beziehungsweise weil es das Territorium nur über und durch den Gesang gibt.

So glaubte der Komponist, dass eine Amsel, die „unberechtigterweise einen Bereich besetzen will, der ihr nicht gehört“, durch den „echten Eigentümer“ vertrieben wird, indem dieser einfach unschlagbar schön singt. Beziehungsweise: „Wenn der Dieb schöner singt, überlässt ihm der Eigentümer den Platz.“ Messiaen bindet also den Territoriumsbesitz an ästhetische Kategorien. Und das bedeutet: Nur wer sich immer von neuem im Gesang beweist, behält sein Revier.

Dynamische Territorien

Aber ein Meistersänger ist ein Pirol oder eine Amsel nur im jeweils eigenen Territorium. Der singende Vogel, seine individuelle Kunstfertigkeit und das äußere Milieu, etwa eine bestimmte Ecke in einem Stadtpark, treten in ein bewegliches Verhältnis, das jederzeit durch schlechten Gesang wieder beendet werden kann.

Eine folgenreiche Prämisse: In einer Zeit, als die Biologie nach dem Schema Konrad Lorenz’ Territorien nur als gegebene starre Raumeinheiten dachte, welche die Tiere auch im Freien wie in einem Käfig einsperrten, führte Messiaen eine Dynamik in diese Vorstellungen ein, die jederzeit die mögliche Auflösung des Territoriums mitdenkt.

Entscheidend für Messiaens Verständnis des Vogelgesangs als Kompositionskunst ist aber noch ein weiterer Punkt. Ein Amselhahn in Paris singt zwar anders als sein Artgenosse in Straßburg, und ein Rotkehlchen in der Provence kombiniert langsame Noten mit absteigenden Glissandi nicht unbedingt auf die gleiche Weise wie seine Artgenossen im Norden. Bei jedem von ihnen gibt es dennoch räumliche Bedingtheiten, an denen sie nicht vorbeikommen.

Es ist eben ein Unterschied, ob man wie der Teichrohrsänger seine kleinen Kombinationen aus oft wiederholten „tiri“-Klängen und geräuschhaften Rätschern rhythmisch im Schilf an einem See komponiert oder ob man wie der Pirol ein leises wohltönendes „düdlio“ in lichte Laubwälder pfeift.

Messiaen hielt sich mit seinen Theorien bedeckt

Bei Messiaen wird aus diesen Vorgaben ein kompliziertes Tonsystem, in dem grundlegende Tonfolgen und Rhythmen elementaren Charakter bekommen, aber in der zwölftonigen Sprache andererseits immer wieder neue Bezugspunkte schaffen, welche die alte Tonalität ablösen.

Dabei muss Messiaen in seiner Lehre am Pariser Konversatorium, wo er von 1949 bis 1978 Analyse und Komposition lehrte, äußerst undogmatisch vorgegangen sein und das Tondenken, das er den Vögeln abschaute und theoretisch transformierte, sehr dezent verbreitet haben. Anders lässt sich nicht erklären, dass sich Pierre Boulez, der neben Karl Heinz Stockhausen berühmteste Schüler Messiaens, bis heute über Kollegen lustig macht, die wie einst sein Lehrer nach dem Vorbild des Vogelgesangs komponieren.

Boulez bemerkt in seinem Spott nicht einmal, dass sich auch die von ihm in die Musik eingeführte Unterscheidung zwischen einem „glatten“ und einem „gekerbten“ Raum sehr gut auf den Vogelgesang anwenden lässt.

Wenn nach seiner Definition das Gekerbte nämlich das ist, was das Festgelegte und das Variable miteinander verbindet, also unterschiedliche Formen ordnet und aufeinanderfolgen lässt, dann beschreibt das sehr gut das Verhältnis von angeborenen, also festgelegten Rufen der Vögel und ihren erlernten, also variablen Gesängen. Und wenn nach Boulez das Glatte dagegen eine kontinuierliche Variation beschreibt, also die beständige Entwicklung in der Harmonie und Melodie zu jenem rhytmischen Wohlklang hin, dann können wir dasselbe etwa aus den „zauberischen Wiederholungen“ (Messiaen) im Gesang der Singdrossel heraushören.

Nur das Klavier kommt den Vogeltönen nahe

Messiaen hat vor allem in seinen 1985 entstandenen „Petites Esquisses dOiseaux“ – sechs nach dem Vorbild von Singvögeln wie Rotkehlchen, Amsel, Singdrossel und Feldlerche geschriebene Klavierstücke von je etwas mehr als zwei Minuten Länge – und dem monumentalen „Catalogue dOiseaux“ (1956-1958), in dem er mit dem Mäusebussard, dem Großen Brachvogel und dem Waldkauz auch drei Nicht-Singvögel in seine Klangstudien aufnimmt, die jeweils eigene Ästetik der Vögel herausgearbeitet.

Dass er die Stücke des Katalogs und der „kleinen Skizzen“, wie man „Petites Esquisses“ übersetzen kann, für das Klavier und nicht für das Orchester konzipierte, hatte mit der Geschwindigkeit zu tun, mit welcher der Anschlag der Tasten beim Klavier möglich ist. Nur so konnte der die Tempi des tatsächlichen Vogelgesangs annähernd für menschliche Ohren aufzubereiten. Zudem bietet nur das Klavier die Möglichkeit, den extremen Lagen der Vogeltöne nahe zu kommen.

Nicht immer harmonische Töne in der Paarungszeit

Dabei verbindet Messiaen immer wieder das „Glatte“ mit dem „Gekerbten“. Dem Mäusebussard steht nur ein begrenztes Rufrepertoire zur Verfügung, neue Töne nimmt er nicht darin auf. Seine Stärke ist eher, seinen häufigsten Ruf, das bereits erwähnte „kiää“, endlos zu reihen. Bussarde – bei ihnen rufen beide Geschlechter – können ihre Rufe dicht hintereinander wiederholen, sie können die Pausen variieren, und sie können ihre Silben dehnen.

Besonders um die Paarungszeit treten sie damit auch in ein Zwiegespräch ein, nicht immer harmonisch, aber oft abgestimmt. Und je häufiger ihre Rufe im Frühjahr zu hören sind, desto wahrscheinlicher wird es, dass ihr Ruf seinen Weg aus der Art findet und bei anderen Vögeln zu einem neuen Element im alten Lied werden kann. Arten, die wie Singdrosseln oder Teichrohrsänger empfänglich für artfremde Töne sind, können sie in ihr eigenes Lied einbauen und damit das Gekerbte ins Glatte tragen.

Wenn Messiaen in einem fast halbstündigen Stück zum Teichrohrsänger immer wieder die stark rhythmische Gliederung des Gesangs des auch als Metronomsänger bezeichneten Vogels unterbricht, wenn er kurze, leise Elemente einstreut, plötzlich lauter wird, wieder abfällt, um dann Wiederholungen anzudeuten, die auch ewig dauern könnten, dann trägt er nicht nur dem wirklichen Gesang des Rohrsängers Rechnung, er verweigert auch kontinuierlich durch alle Stücke hindurch, die Nachahmung fremder Vogelarten als Imitation zu interpretieren. Aus gutem Grund: Die imitierten Töne haben im neuen Gesangsgefüge nichts mehr mit der Bedeutung in ihrem Herkunftslied gemein. Genau das kann man in Messiaens Stücken hören.

Damit verlässt er auf seine Weise seine Vorbilder – wie auch die Amsel oder die Singdrossel den Bussard verlässt, wenn sie seine Töne stiehlt. Aber weil Messiaen diesen Vögeln im selben Atemzug seinerseits ihre Töne stiehlt, imitiert er sie doch.

Quelle: F.A.Z.
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