Ornithologie

Die Vögel in Nachbars Garten

Von Hans Zippert
14.01.2016
, 12:31
Bis zum 18. Januar ist jeder angehalten, an der „Stunde der Wintervögel“ teilzunehmen. Doch auch ein versierter Beobachter hat damit Probleme.

Obwohl ich in den achtziger Jahren ein entschiedener Gegner der Volkszählung war, nehme ich regelmäßig und durchaus begeistert an der Vogelzählung teil. Aber ich muss zugeben, ich habe auch regelmäßig betrogen. Es ist nämlich häufig vorgekommen, dass ich in unserem Garten überhaupt keinen Vogel zu sehen bekam. Entweder wegen der Großbaustelle auf dem Nachbargrundstück oder weil unser Vogelhäuschen kurz vor Weihnachten zusammengestürzt war, weil die Nachbarn die Vögel mit Tonnen von Leckereien bestechen und weil hier sowieso zu viele Katzen herumlaufen. Es wäre wirklich an der Zeit, Katzenbesitzer mit Kampfhundehaltern gleichzustellen und einen psychologischen Eignungstest von ihnen zu verlangen.

Aus den genannten Gründen kann es jedenfalls ziemlich frustrierend sein, eine Stunde lang in meinen saunahandtuchgroßen Garten zu starren, der außerdem noch sehr ungünstig rund um die Doppelhaushälfte angeordnet ist. Um jeden Winkel ununterbrochen im Blick zu haben, müssten vier Familienmitglieder mithelfen, und ich bezweifle, dass ich die Kinder wirklich bewegen kann, ihre wichtigen Studien zu unterbrechen und von Berlin in den Taunus zu fahren, um den Vater bei seinem Langzeitprojekt zu unterstützen. Außerdem haben sich die Kinder immer geweigert, auch nur eine Art richtig zu benennen. Noch als Achtzehnjährige wollte meine Tochter wissen, was das denn für ein großer bunter Vogel auf der Mauer sei, und ich teilte ihr mühsam beherrscht mit, dass es sich, wie in all den Jahren davor, um einen Eichelhäher handele. Der Sohn kann Dompfaff und Rotkehlchen nicht auseinanderhalten, stattdessen kennt er die Namen aller Nebenfiguren in „Breaking Bad“.

Was tun, wenn der eigene Garten nichts hergibt?

Die Bedingungen für einen passionierten Birdwatcher sind in direkter Umgebung meines Hauses wirklich suboptimal. Daher beschränke ich mich nicht auf die eine doch ziemlich willkürliche Stunde der Wintervögel, sondern nehme so etwas wie den aktuellen Wochendurchschnitt und die Gärten von Frau Pohlmann, Frau Gehring, Dr. Hering und den Brakelmeiers dazu. Da kommt dann doch ganz ordentlich was zusammen. 6 Amseln, 5 Kohlmeisen, 21 Feldsperlinge, 3 Buchfinken, 2 Rotkehlchen, 1 Hausrotschwanz, 5 Elstern, 12 Saatkrähen, 4 Ringeltauben, 2 Mäusebussarde und 1 Grünspecht habe ich im vergangenen Jahr gezählt.

Ich fürchte, ich mache keinen vertrauenserweckenden Eindruck, wenn ich mit meinem Fernglas gut sichtbar am Fenster stehe und in andere Gärten spähe. Andererseits will ich mich auch nicht hinter der Gardine verstecken, schließlich tue ich nur meine ornithologische Pflicht. Ich könnte noch problemlos einen Waldkauz melden, dazu müsste ich nur fünf Minuten mit dem Fahrrad fahren, dann würde ich ihn auf dem Schornstein des Forsthauses sitzen sehen. Er hockt da seit Jahrzehnten, es muss einer der ältesten Käuze des Landes sein, oder der Schornsteinsitzplatz wird in seiner Familie weitervererbt, das Verhalten von Eulen gibt Wissenschaftlern noch viele Rätsel auf. Ich habe den Waldkauz aber noch nie mitgezählt, weil Beobachtungen im Wald nicht gelten. Ich denke mir auch nicht einfach 3 Wintergoldhähnchen und 2 Mittelspechte aus, denn das würde die Ergebnisse verfälschen. Ich könnte aber einen turkmenischen Uhu aufschreiben, und es wäre nicht mal gelogen. Davon lebt genau ein Exemplar mitten in unserer Stadt. Man kann ihn in der Dunkelheit einigermaßen zuverlässig in einem Laden für Computerspiele am Bahnhof beobachten, während man vergeblich auf den Nachtbus wartet.

Mit Uhus kenne ich mich ohnehin aus, schließlich war ich drei Jahre meines Lebens für den Nabu tätig, genauer gesagt, für seine Vorgängerorganisation, den Deutschen Bund für Vogelschutz. Ich habe meinen Zivildienst in der „Zentralen Vogelpflege- und Auswilderungsstation“ in Leiferde bei Gifhorn abgeleistet, und weil es mir dort so gut gefiel, noch als ABM-Kraft weitergemacht. Es war eine Zeit unvergleichlicher Abenteuer und Tierbeobachtungen. Ständig wurden verletzte oder beschlagnahmte Turmfalken, Habichte, Rotmilane, Uhus, Waldohreulen und einmal sogar vier Schneeeulen eingeliefert oder bei den Findern abgeholt und auf verschiedene Volieren verteilt. Die Station war hauptsächlich auf Eulen und Greifvögel spezialisiert, dazu kamen im Winter Unmengen verwirrter Schwäne, die auf dem Gifhorner Schlossteich festgefroren waren.

Nur ein tiefgefrorener Vogel ist ein ruhiger Vogel

Nicht alle überlebten. Vögel sind sehr zerbrechlich und einem Zusammenstoß mit einem Mittelklassewagen aus dem nahegelegenen Wolfsburg selten gewachsen gewesen. Die toten Tiere wurden in der Kühltruhe zwischengelagert. Man kann einen Habicht gut in der Tiefkühltruhe beobachten, genauso wie einen Steinkauz oder einen Uhu. Die Tiere lassen einen wirklich sehr nahe herankommen, wirken aber etwas steif. In der freien Natur sind Vögel unruhig und versuchen, sich zu verstecken. Ich dachte schon damals, es müsste eine Methode geben, sie zum Beobachten kurzfristig einzufrieren, so, wie die Schwäne es bereits selber taten.

In der Vogelpflegestation wurden einem die interessantesten Vögel manchmal direkt in die Hand gedrückt. An einem Samstagabend klingelte es Sturm. Vor mir stand ein kleiner, streng dreinblickender Mann und überreichte mir einen Karton mit zehn Küken, die, kaum, dass sie mich sahen, sofort anfingen, die schwarzen Schnäbel aufzusperren. Die Küken im Karton waren junge Störche und der Mann vor der Tür der „Storchenbeauftragte des Landkreises“. Dieses Amt hatte er sich selbst gegeben, es existierte überhaupt nicht, er war eine Art Operettennaturschützer.

Daran sieht man, dass die Vogelbeobachtung häufig auch den Kontakt mit sehr eigenwilligen menschlichen Individuen mit sich bringen kann. Der selbsternannte Storchenbeauftragte hatte es tatsächlich geschafft, alle freiwilligen Feuerwehren von seiner Wichtigkeit zu überzeugen, und so verbrachte er jede freie Minute auf Drehleitern und kontrollierte Storchennester. Wenn ein kleiner Storch das Pech hatte, irgendwie schlapp auszusehen, wurde er sofort einkassiert und zur Vogelpflegestation gebracht. So wie die zehn im Pappkarton.

Kleingehackte Eintagsküken

Ich wisse ja wohl, was ich zu tun hätte, sagte der Storchenbeauftragte mit drohendem Unterton in der Stimme und verließ das Stationsgelände. Ich wusste überhaupt nichts, niemand hatte mich darauf vorbereitet, für zehn Storchenküken verantwortlich zu sein. Ich klingelte meinen Chef aus dem Bett, und der erklärte gelangweilt: „Kein Problem. Eintagsküken schön kleinschneiden, und vor allem Wärme!“ Diese Nacht war eine der unruhigsten meines Lebens. Zu jeder vollen Stunde wachte ich auf, wankte zum Heizungsraum und riss ängstlich die Tür auf. Zehn Storchenschnäbel reckten sich mir krakeelend entgegen, und ich warf die Tür erleichtert wieder zu. Nur um nach einer weiteren Stunde wieder aufzuwachen, im festen Glauben, sie seien jetzt alle tot. Die kleinen Störche waren aber im Gegenteil extrem lebendig. Sie hatten eigentlich nur eins im Kopf, und das war fressen. Man konnte ungeheure Mengen an Eintagsküken in sie einfüllen und ihnen beim Wachsen zusehen.

Es mag merkwürdig klingen, dass man Küken mit Küken füttert, und eigentlich ist merkwürdig nicht der richtige Ausdruck - zynisch und kükenverachtend träfe da schon eher zu. Diese Eintagsküken stammten aus einer der vielen Hühnereibrütereien, die etwa ein Viertel des Landes Niedersachsen bedecken. Die restlichen Dreiviertel sind mit Legebatterien und Schweinemastbetrieben zugestellt. Einmal im Jahr fuhren wir Zivildienstleistenden in der Brüterei vor und füllten einen Transporter samt Anhänger mit Eintagsküken. Die heißen so, weil sie nur einen Tag leben, sie sind also das ornithologische Pendant zur Eintagsfliege. Die Brütereien wollen nur weibliche Küken und sortieren die männlichen sofort aus. Diese Tätigkeit, die man „sexen“ nennt, besorgten damals Koreaner, die nach zwei Sekunden Betasten wussten, mit welchem Geschlecht sie es zu tun hatten. Die weiblichen Küken wurden dann in wenigen Tagen zu Legehennen aufgeblasen, die männlichen Küken machten Bekanntschaft mit Kohlendioxid.

Wir verpackten die noch warmen Tiere in Plastiktüten und froren sie ein. Jeden Abend musste man einen Beutel rausholen, damit die Küken bis zum nächsten Tag aufgetaut waren. Aus so einem Beutel stammten auch die Küken, die ich für die Storchenküken in schnabelgerechte Stücke schnitt. Die Welt ist ungerecht: Dem Storch bringt man kultische Verehrung entgegen, die Kinder des Huhns sind dagegen reine Industrieware.

Eine der schönsten Sachen der Welt

Das Ganze war auf jeden Fall eine wichtige Vorübung für die Zeit, in der ich später die eigene Brut zu betreuen hatte. Während meine Frau selig durchschlief, erwachte ich beim kleinsten Geräusch, das mein Sohn und später meine Tochter machten. Ich schnitt ihnen Eintagsküken klein, und dann waren sie wieder ruhig. Meine Frau wunderte sich, warum ich jeden Morgen völlig kaputt war. Die Kinder hatten doch durchgeschlafen, oder? Sie wusste einfach nichts von meiner Vergangenheit als Storchenvater.

Ich erwähne das alles nur in dieser Ausführlichkeit, um meine enge Beziehung zu Vögeln und meine große Erfahrung auf dem Gebiet der Vogelbeobachtung zu verdeutlichen. Die Vogelbeobachtung ist neben dem Schallplattensammeln eine der schönsten und beglückendsten Tätigkeiten, denen ein Mensch nachgehen kann. Ich könnte an dieser Stelle diverse Expeditionen erwähnen, die mich bis nach Kasachstan, an den Neusiedler See und auf die Rieselfelder bei Bielefeld geführt haben. Ich könnte mit Namen wie Steppenkiebitz, Krauskopfpelikan, Altai-Königshuhn und Ibisschnabel renommieren. Aber darauf kommt es dem wahren Birdwatcher gar nicht an. Ihn befriedigt das reine Beobachten, so wie es Simon Barnes, Autor eines Buches mit dem schönen Titel „Birdwatching with your eyes closed“, beschrieben hat: „Vögel anzuschauen ist ein Schlüssel, es öffnet Türen, und wenn du dich entscheidest, einzutreten, wirst du das Leben mehr genießen und besser verstehen können“ (Übersetzung: Bernd Brunner).

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, schäme ich mich jedes Jahr für den beinahe vogelfreien Zustand unseres Gartens. Und nur deshalb sehe ich mich gezwungen, Vögel auf fremden Grundstücken zu beobachten, auch damit ich bei der Stunde der Wintervögel den Nabu, meinen alten Arbeitgeber, nicht enttäusche.

Und auch diesmal wieder mit einigem Erfolg. Denn tatsächlich konnte ich am vergangenen Freitag einen Kernbeißer und vier Stieglitze an Frau Pohlmanns fast schon unanständig prall gefüllten Futtersilos lokalisieren. Eine fette Beute, schließlich ist der Stieglitz zum „Vogel des Jahres 2016“ ausgerufen worden, auf ihn soll der winterliche Beobachter sein besonderes Augenmerk legen. Dazu kamen 7 Grünfinken, 1 nicht ganz sicher identifizierter Erlenzeisig, 3 Amseln, 3 Ringeltauben und 1 Kleiber bei Brakelmeiers sowie in meinem Garten neben dem Briefkasten 2 Kohlmeisen und 3 prächtig bunt gefiederte Sternsinger, die netterweise an der Haustür klingelten. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich Letztere dem Nabu melden darf.

Zwischenergebnis der Vogelzählung

Bei der sechsten bundesweiten „Stunde der Wintervögel“ sind nach Angaben des Nabu bisher Meldungen von 63.000 Vogelfreundinnen und Vogelfreunden aus über 43.000 Gärten eingegangen. Dabei wurden 1,8 Millionen Vögel notiert.

Die große Überraschung des Jahres ist der Erlenzeisig, der es auf Platz neun der häufigsten Arten geschafft hat. Im Vergleich zum Vorjahr (damals Platz 22) wurde der gelbgrüne Finkenvogel viermal häufiger gemeldet. Nach derzeitiger Datenlage konnte die Art deutschlandweit fast in jedem fünften Garten entdeckt werden.

„Grund für diese Zahlen ist eine Invasion aus dem Norden. Sie tritt ein, wenn die Zeisige in Skandinavien im Sommer besonders viele Junge aufgezogen haben, für die das Futterangebot dort im Winter nicht mehr ausreicht“, sagt Lars Lachmann, Nabu-Vogelexperte. Andere typische Wintergäste wie Bergfinken oder Seidenschwänze, die in manchen Jahren sehr zahlreich auftreten können, machten sich dagegen rar.

Die übrige Reihenfolge der Zählung entspricht genau dem Durchschnitt aller Jahre. Spitzenreiter ist der Haussperling, gefolgt von Kohlmeise, Blaumeise, Feldsperling, Amsel, Grünfink, Buchfink und Elster. Lediglich in kalten Wintern mit viel Zuzug von Verwandten aus dem Norden und Osten scheint die Kohlmeise den sehr sesshaften Haussperling von Platz eins verdrängen zu können.

Sorgen bereitet den Ornithologen dagegen der Grünfink. Seit der ersten Durchführung der Aktion werden von Jahr zu Jahr weniger von diesen für den menschlichen Siedlungsraum typischen Finkenvögeln gesehen. In diesem Jahr sind es nur noch etwas mehr als halb so viele wie 2011. Schuld daran scheint das in den letzten Jahren vermehrt auftretende „Grünfinkensterben“ zu sein, hervorgerufen durch eine Infektion mit dem parasitären Einzeller Trichomonas gallinae, der besonders an sommerlichen Futterstellen übertragen wird, an denen viele Vögel zusammenkommen.

Der zwischenzeitliche Kälteeinbruch im Norden Deutschlands führte außerdem zu einer kleinen Kuriosität: Viele Kraniche, die zunächst versucht hatten, in Deutschland zu überwintern, machten sich dann doch noch auf den Weg in den warmen Südwesten und wurden dabei, obwohl keinesfalls typische Gartenvögel, über vielen Gärten hinweg ziehend beobachtet.

Quelle: F.A.S.
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