Verhaltensforschung

Soziale Köpfe im Tierreich

Von Joachim Müller-Jung
14.09.2007
, 18:22
Menschenaffen und andere intelligente Tiere hatten mächtig aufgeholt in Sachen Kognition. Haben wir sie vielleicht überschätzt? Experimente von Verhaltensforschern zeigen: Der Mensch ist doch mehr als nur ein Affe mit großem Hirn.

Lange hat es tatsächlich so ausgesehen, als würde unsere Gattung irgendwann im großen Teich des Lebendigen als schrilles Entlein unter lauter Rallen und Enten schwimmen. Als evolutionärer Gleicher unter Gleichen. Seit Konrad Lorenz hatte das Tier kognitiv sukzessive aufgeholt, und je intensiver sich die Verhaltensforschung mit unseren lieben Verwandten beschäftigte, desto selbstverständlicher hat man von „Kulturen“ gesprochen, etwa bei Walen und Schimpansen, oder von „Persönlichkeiten“, wie man sie unter Hunden und Krähen findet. Das Tier rückte dem Menschen zusehends auf den Pelz.

Charles Darwins berühmtes Diktum und die Überzeugung vieler Neurowissenschaftler bis in die neunziger Jahre, wonach der Mensch im Grunde genommen ein „Affe mit großem Gehirn“ ist, bekam zuletzt durch Befunde, wie man sie am weltweit renommierten Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig sammelte, immer neue Nahrung. Hunde, hatte man dort beispielsweise bald herausgefunden, sind wie Kleinkinder in der Lage, die Bedeutung unbekannter Wörter zu erraten und zu erlernen. Verhaltensweisen wurden systematisch daraufhin untersucht, inwieweit das Tier den Maßstäben menschlicher Kognition entspricht. Bis Mensch und Affe kognitiv und dann auch taxonomisch auf eine Stufe gestellt werden, schien für manche nur noch eine Geduldsfrage. Doch jetzt hat sich das Blatt scheinbar gewendet.

Altes Dilemma der Primatenforschung

Der Mensch sei alles andere als ein Affe mit großem Hirn, intervenierte unlängst David Premack von der University of Pennsylvania in Philadelphia in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (Bd. 104, S. 13861). Und er führte acht Denkleistungen und neurologisch-anatomische Besonderheiten an – vom Lehren, Täuschen und den Gedächtnisleistungen bis hin zum Einfühlungsvermögen und der Sprache –, in der entwicklungsgeschichtliche Sprünge zum Menschen zu konstatieren sind.

Bedenkenswert für die Verhaltensforschung waren auch Untersuchungen wie jene von Susan Boysen von der Ohio State University, die unlängst in der Zeitschrift „Animal Cognition“ erschien. Boysen hat darin gezeigt, dass die „kulturelle Einbettung“ von Schimpansen – ihre Nähe zum Menschen in Aufzucht und im Experiment – den Ausgang der Verhaltensstudien und damit die Leistungsvergleiche beeinflusst. Mit anderen Worten: Vorsicht vor Artefakten. Ein altes Dilemma der Primatenforschung.

Fundamentaler Unterschied

Deshalb bemüht man sich inzwischen auch verstärkt um kontrollierte Experimente, in denen Domestikationseffekte zumindest minimiert werden. Die Max-Planck-Forscher etwa nutzen nicht nur ihre habitatähnlichen Freigehege in Leipzig, sondern auch Aufzuchtstationen und Wildgehege in Afrika und Asien, in denen die Tiere weitgehend artgerecht leben. Die Ergebnisse einer solchen Studie, einer der bislang umfangreichsten systematischen Vergleichsstudien überhaupt, lassen den Menschenaffen nun in kognitiver Hinsicht in der Tat wieder etwas weiter vom Homo sapiens wegrücken. 100 Schimpansen, 30 Orang-Utans und 100 zweieinhalb Jahre alte Kinder, die ähnliche physische Fertigkeiten besitzen wie die Affen, hatten eine ganze Batterie von Verhaltenstests zu bewältigen. Ergebnis: Wenn es darum geht, Gegenstände im Raum zu identifizieren, Mengen zu unterscheiden oder Werkzeuge so zu nutzen, dass man damit etwas erreicht, macht keiner dem anderen etwas vor.

Wenn es aber um kommunikatives Lernen, um „soziale Kognition“ geht, bestehen drei Viertel der Kinder, aber nur ein Drittel der Affen den Test. Ein Plastikgefäß etwa, in dem eine Belohnung lauert, versuchen die Kleinkinder so zu öffnen, wie es ein Experimentator vorgemacht hat. Der Affe hingegen versucht auf eigene Faust, das Gefäß aufzubrechen („Science“, Bd. 317, S. 1360). Für Esther Herrmann vom Max-Planck-Institut, die die „Primaten-Kognitions-Testbatterie“ ersonnen hat, drückt sich damit ein fundamentaler Unterschied zum Tier aus, der in der „ultrasozialen“ Lebensweise des Menschen und damit in einer Art besonderer „kultureller Intelligenz“ gründet.

Bauchladen an Symbolen und Erfindungen

Dahinter steht die ältere These vom „sozialen Gehirn“. Sie soll letzten Endes die bis zu dreimal so große Hirnmasse des Menschen, verglichen mit anderen Primaten, erklären. In „Science“ (Bd. 317, S. 1344) und in den „Proceedings“ der Royal Society machte Robin Dunbar von der University of Liverpool deutlich, dass es bei Säugergattungen offensichtlich einen fast linearen Zusammenhang zwischen der Hirnmasse und der Intensität der sozialen Interaktionen gibt. Am Anfang dieser förderlichen sozialen Netze steht die Paarbindung.

Und am Ende das komplexe Gefüge menschlicher Kulturen, in dem nicht nur tradiertes Verhalten weitergegeben und lose Kooperationen eingegangen werden, wie Herrmann und ihre Kollegen meinen. Vielmehr steht uns ein ganzer Bauchladen an Symbolen, kulturellen Erfindungen und Kooperationsmöglichkeiten offen, der nur noch erlernt, genutzt und im Gehirn funktionell angelegt werden will.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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