Waschbären

Der kleine Bär mit dem Waschzwang

Von Georg Rüschemeyer
29.08.2015
, 09:00
„Der mit den Händen schrubbt“ nannten Powhatan-Indianer in der britischen Kolonie Virginia den Waschbären. Ihr heute ausgestorbenes Idiom gehört zu den für ihre einmalig komplexe Grammatik 
berühmten Algonkin-Sprachen. Aus dem Powhatan-Ausdruck wurde die englische Bezeichnung „Raccoon“.
Der amerikanische Waschbär breitet sich in Deutschland immer schneller aus. Ist der nicht mehr ganz so neue Neubürger eine Bedrohung? Oder eine Bereicherung der heimischen Fauna?

An einem lauen Sommerabend bereitet Frank Deuter auf der Terrasse seines liebevoll gepflegten Gartens alles für seine Gäste vor. Doch statt einen Grill anzufachen oder ein Bierfass heranzurollen, stellt der pensionierte Lehrer nur Schüsseln auf. Zwei kleine Wannen füllt er etwa zehn Zentimeter hoch mit frischem Wasser, in die übrigen Behälter kommen gewürfelter Sandkuchen und kleingeschnittene Waffeln sowie ungesalzenes Knabberzeug: Sonnenblumenkerne, Walnüsse, Cashews, Haselnüsse, Mandeln. „Heute habe ich auch ungeschälte Erdnüsse“, sagt Deuter und plaziert die Schüssel auf einer kleinen Mauer zwischen Garten und Terrasse. „Die gibt es nur selten, denn das macht eine rechte Sauerei. Aber sie mögen einige von ihnen besonders gerne.“

Die nächtliche Nussorgie

Die Party steigt erst lange nach Sonnenuntergang. Um 22 Uhr 20 hört man es zum ersten Mal rascheln. Deuter, der um die Sicherheit seiner späten Gäste höchst besorgt ist und deshalb nicht mit seiner wahren Identität in der Zeitung erscheinen möchte, öffnet vorsichtig die Terrassentür, doch alles, was da durch den Lichtkegel seiner Taschenlampe huscht, ist ein kleiner Igel. „Die kommen schon noch“, beruhigt er den Besucher. Und tatsächlich, nur zehn Minuten später geht das von einem Näherungssensor gesteuerte Außenlicht an. „Das ist Struppi“, flüstert Deuter und blickt vergnügt durch die nur leicht zurückgeschobene Terrassentür auf ein gut katzengroßes Tier, das direkt vor unseren Füßen die Schüsseln erkundet. „Das ist ein ganz gemütlicher.“

Waschbären
Nächtlicher Besuch auf der Terrasse
© Frank Deuter, Frank Deuter

Struppi ist einer von etwa zehn Waschbären, die Deuter und seine Frau zu unterscheiden gelernt haben, seit sie vor vier Jahren zum ersten Mal einen von ihnen in ihrem Garten antrafen. Seither stellen sie regelmäßig Leckereien bereit, auf dass die Tiere auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Nachbarschaft auch bei ihnen vorbeischauen. Als Nächstes trifft auch Öhrli mit zwei ihrer Jungen ein. Die Deuters haben das Weibchen nach ihren auffällig nach oben gerichteten Ohren benannt. „Jeder Waschbär hat charakteristische Merkmale, an denen man ihn wiedererkennen kann“, sagt Frank Deuter. „Sie gehen auch alle anders an das Essen heran.“ Das können wir später an „Spinner“ studieren. Er plündert den Topf mit dem Waffel-Nuss-Gemisch: Genauer, er wirft das Gemenge auf den Terrassenboden, frisst aber nur die Nüsse, die Waffeln lässt er liegen. Struppi dagegen vergreift sich vor allem am Sandkuchen. „Das ist schon eine verrückte Bande“, sagt Deuter entzückt beim Blick auf das Gelange, das kurz nach Mitternacht in vollem Gange ist.

Weniger Jäger als Sammler

Seine Begeisterung für die putzigen Tiere aus der mit echten Bären nicht näher verwandten Familie der Kleinbären teilte schon Alfred Brehm: „Er ist ein munterer, schmucker Bursche, welcher durch große Regsamkeit und Beweglichkeit sehr erfreut. In seinem geistigen Wesen hat er etwas affenartiges. Er ist heiter, munter, neugierig, neckisch und zu lustigen Streichen aller Art geneigt, aber auch muthig, wenn es sein muß, und beim Beschleichen seiner Beute listig wie der Fuchs“, schrieb Brehm 1883 in seinem „Thierleben“ über Procyon lotor. Der war damals noch ein reiner Nordamerikaner, gelangte seither aber mehrfach in andere Erdteile und so auch zu uns.

Trotz aller List sind Waschbären weniger Jäger als Sammler. „Sie sind ziemlich faul und fressen, was sich gerade ohne viel Mühe finden lässt“, erklärt die Forstbiologin Berit Michler, vom „Projekt Waschbär“ an der TU Dresden, das zwischen 2006 und 2011 die Lebensweise der Waschbären des Müritz-Nationalparks untersuchte. Über das Jahr hinweg verputzt ein Waschbär zu etwa gleichen Teilen vegetarische Kost wie Samen und Früchte, Wirbellose wie Schnecken, Würmer und Insekten und kleine Wirbeltiere wie Mäuse, Frösche oder einen gelegentlichen Fisch.

Vorderpfoten als wichtigstes Sinnesorgan

Um all dies aufzustöbern, nutzen Waschbären nicht nur ihren guten Hör- und Geruchssinn und ihre an die nachtaktive Existenz angepassten Augen. Unter der dünnen Hornhaut ihrer Vorderpfoten befinden sich Unmengen von Sinneszellen, die den Tieren einen sehr empfindlichen Tastsinn verleihen. Der bewährt sich vor allem bei der Nahrungssuche im Uferbereich von Bächen und Tümpeln, ihrem bevorzugten Streifgebiet. Mit dem Kopf über Wasser nach Feinden Ausschau haltend, ertastet der Waschbär damit unter Wasser Muscheln und Schnecken, aber auch winzige Insektenlarven. Das sieht ein bisschen so aus, als würde er mit Hingabe Wäsche waschen, und wurde namensgebend.

Das Geplansche beim Essen lässt er offenbar nur ungern sein: „In der Gefangenschaft behält der sonderbare Kauz die Gewohnheit bei, alles, was er frisst, vorher ins Wasser einzutauchen und zwischen den Vorderpfoten zu reiben, obgleich ihm dabei manche Leckerbissen geradezu verlorengehen, wie z.B. der Zucker“, beobachtete schon Alfred Brehm. Aber auch von den wilden Besuchern auf der Terrasse der Deuters feuchten manche ihre Snacks gern erst einmal an. Ein Weibchen aus Öhrlis Familie, vielleicht ihre Schwester, läuft zu der Schüssel mit den Waffeln, angelt sich geschickt zwei Stückchen heraus, trägt sie hinüber zu einer der Wasserwannen und taucht sie dort hinein, bevor es sie verputzt. „Die Jungen machen das noch nicht“, sagt Deuter. „Und der Struppi wäscht nur die Sandkuchen, nicht die Waffeln.“

Man könne es wohl einfach als Spiel mit dem Essen deuten, meint Ulf Hohmann, Leiter der Forschungsgruppe Waldökologie der Landesforsten Rheinland-Pfalz, der sich intensiv mit den Lebensgewohnheiten deutscher Waschbären befasst hat. „Da der Tastsinn im Nahbereich ihr Führungssinn ist, ist das Befummeln von Dingen im Wasser offenbar sehr beglückend. So wie Hunde gern im Garten buddeln.“ Berit Michler vermutet, dass die Tiere ihre Nahrung im Wasser auch besser wahrnehmen. Der Tastsinn der Handballen und der langen Sinneshaare über den Krallen werde unter Wasser noch empfindlicher. Oder ist Struppi der Sandkuchen Deuters einfach nur zu trocken?

Von wegen Einzelgänger

Das Treiben auf der nächtlichen Terrasse widerlegt jedenfalls die noch oft zu lesende Lehrmeinung, Waschbären seien außerhalb der Paarungszeit mürrische Einzelgänger. „Tatsächlich leben die Tiere ganzjährig in mehr oder minder engem Kontakt mit Artgenossen und zeigen ein komplexes Sozialverhalten“, sagt Hohmann. So halten junge Weibchen Kontakt zu ihren Müttern und anderen weiblichen Verwandten. Sie bilden allerdings kein festes Rudel, sondern leben wie viele Primaten, Elefanten oder Wale in einer sogenannten „Fission-Fusion“- Gesellschaft, die sich immer wieder in kleinere Untergruppen aufteilt. Außerhalb dieses weiblichen Netzwerks stehen die Rüden, die oft auf weite Wanderschaft gehen, um ranzige Fähen, also paarungswillige Weibchen, zu finden. Doch bleibt auch der Waschbärmann nicht gern allein, sondern bildet langfristige Koalitionen mit Geschlechtsgenossen.

Dank des breiten Nahrungsspektrums, scharfer Sinne, seiner Intelligenz und des Rückhalts der Gruppe gelang es dem Waschbär wie nur wenigen anderen Säugern, sich als Kulturfolger inmitten menschlicher Siedlungen breitzumachen. In seiner nordamerikanischen Heimat begann Anfang des 20. Jahrhunderts die Besiedlung von Großstädten wie Cincinnati, Washington, Chicago oder Toronto. In der kanadischen Metropole gibt es heute bis zu 150 Tiere pro Quadratkilometer. Sie leben damit um mindestens eine Größenordnung dichter als in den umgebenden Wäldern, ihrem natürlichen Habitat.

Beliebt machen sich die Stadtbären nicht immer. Sie werfen Abfalltonnen um, leeren über Nacht Obstbäume und Meisenkästen, dringen in Häuser ein und räumen Kühlschränke aus. Auch nisten sie sich zuweilen auf Dachböden ein, wo sie das Dämmmaterial zerkauen und ihre Ausscheidungen hinterlassen, die noch dazu die Eier des Waschbärspulwurms enthalten kann. Dieser Parasit kann in seltenen Fällen auch auf den Menschen überspringen und gefährliche Komplikationen auslösen. Allerdings sind selbst aus den amerikanischen Hochburgen des Waschbärs nur eine Handvoll solcher Fälle aktenkundig.

Auch in Deutschland wurde aus dem Wasch- mancherorts ein Problembär. In Kassel, Leipzig oder Berlin plündern sie Schrebergärten und verwüsten Dachböden. Berühmt wurde der Rüde „Alex“, der ab 2008 für mehrere Jahre im Parkhaus eines Luxushotels am Alexanderplatz eincheckte. Doch gilt der Waschbär hierzulande nicht nur als Ärgernis für den Menschen. Naturschützer fürchten, er könnte zu einer Bedrohung für heimische Arten werden, die nicht an den Jagddruck oder die Konkurrenz der findigen Kleinbären angepasst sind.

Er ist ein Schädling, sagen die Jäger

Dramatische Beispiele für solche Prozesse gibt es in Ökologielehrbüchern genug – Neuseeland etwa verlor einen Großteil seiner Vogelfauna durch eingeschleppte Ratten, Katzen und Hunde. Ihnen steht allerdings eine stille Mehrheit relativ unproblematischer Neubürger gegenüber, die sich weitgehend folgenlos in neue Ökosysteme eingegliedert haben. In welche Kategorie der deutsche Waschbär fällt und wie man mit ihm umgehen sollte, ist zwischen Jägern, Naturschützern und Tierfreunden heftig umstritten.

Als praktizierten Artenschutz sieht es der Deutsche Jagdverband (DJV), wenn dem Waschbär als sogenanntes Raubwild mit Gewehr und Falle nachgestellt wird. „Für bedrohte Bodenbrüter wie Großtrappe, Kiebitz, Auer- und Birkhuhn oder die letzten Sumpfschildkröten Deutschlands in Brandenburg hat sich gezeigt, dass lebensraumverbessernde Maßnahmen allein nicht reichen. Fressfeinde wie Fuchs, Marder oder Waschbär müssen reduziert werden“, sagt DJV-Sprecher Thorsten Reinwald. So bedrohe der Waschbär in Thüringen den Uhu, weil er dessen Brutplätze in Baumhöhlen besetze und Euleneier stibitze.

Das ist eine Ausrede, um ihn abschießen zu dürfen, sagen andere

Allerdings sind Naturschutzverbände wie Nabu oder BUND von einer ökologisch notwendigen Rolle des Jägers als Top-Predator nicht überzeugt. Raubtiere spielten eine wichtige Rolle als Regulativ der Bestände ihrer Beutetiere, ihre Bejagung könne die eigentlichen Probleme wie die Zerstörung geeigneter Lebensräume nicht lösen. Problematisch ist zudem, dass es für die erlegten Tiere meist keine sinnvolle Verwertung gibt – Wildpelze, die der DJV als nachhaltiges Naturprodukt bewirbt, finden heute kaum noch Absatz.

Ohne Verwertung bleibt aber nur der fragliche ökologische Nutzen als Rechtfertigung der Jagd auf Raubwild, denn das Töten von Wirbeltieren „ohne vernünftigen Grund“ stellt das Tierschutzgesetz unter Strafe. „Die Jagd auf Waschbären ist sinnlos, und gerade der oft nicht sachgemäße Fang in Lebendfallen und – noch schlimmer – Schlagfallen oder das verbotene ,Abtun‘ durch scharfe Hunde fügt den Tieren schlimmstes Leid zu“, sagt etwa Francesco Dati vom Tierschutzverein TierArt in Maßweiler.

Die Sache mit der Sumpfschildkröte

Auch von einem „Problembär“ wollen längst nicht alle Experten sprechen. „Der Waschbär verursacht bisher aber nur ganz lokal begrenzt ökologische Schäden, die ein aktives Management seiner Bestände begründen“, sagt Magnus Wessel vom BUND. Von ihrer Rolle als Nervensäge auf Dachböden abgesehen, habe sich die Art relativ reibungslos in deutsche Biotope eingefügt – eine Einschätzung, die auch das Bundesamt für Naturschutz teilt. Zudem lasse sich mangels verlässlicher Daten kaum überprüfen, wie stark Abschuss und Fallenfang überhaupt zur Reduzierung der Bestände beitrügen. Dem widerspricht Jägervertreter Reinwald: Aus Erfahrungen mit anderem Raubwild wie dem Fuchs wisse man, dass die Jagd zu einer deutlichen Verringerung der Populationsdichte führen könne.

Die Ausbreitung der Waschbärbestände in den letzten Jahren spricht allerdings gegen einen deutlichen Effekt der bisherigen Jagdbemühungen. Einig sind sich die meisten Beteiligten, dass das Erlegen von Waschbären in speziellen Fällen sinnvoll sein kann. So etwa zum Schutz der letzten rund 70 Sumpfschildkröten Deutschlands in fünf winzigen Reliktpopulationen in Brandenburg. „Wir haben inzwischen eindeutige Beweise, dass Waschbären sich nicht nur wie Fuchs oder Marder beim Ausheben von Gelegen, sondern auch beim Fang erwachsener Tiere hervortun“, sagt Norbert Schneeweiß, Schildkrötenexperte der Naturschutzstation Rhinluch.

So viele gefangen werden, so viele kommen nach

Bei der Fallenjagd in Zusammenarbeit mit örtlichen Jägern gehe es aber selbst in den relativ überschaubaren Schildkröten-Biotopen nicht um eine Reduzierung der Waschbären. „So viele, wie gefangen werden, wandern auch wieder aus dem Umland ein“, sagt Schneeweiß. Aber man könne damit in den Schutzgebieten vermeiden, dass sich eine auf das Knacken von Schildkröten spezialisierte, stabile Waschbärpopulation bilde.

Ob das ausreicht, ist noch ungewiss. So geht man auch in Brandenburg auf Nummer Sicher und hat jüngst eine geeignete Kiesgrube mit einem Elektrozaun waschbärsicher gemacht und dort Jungschildkröten ausgewildert. Hoffnung für die Zukunft machen solche Zaunlösungen, wie sie auch die letzten Großtrappen bei Berlin vor Eierdieben wie Fuchs und Waschbär schützen, allerdings nicht.

Auch für den Schutz genervter Stadtmenschen vor den maskierten Plagegeistern sind letale Lösungen fragwürdig. „Es gibt viel zu wenig gesicherte Daten, aber ich persönlich glaube nicht, dass das Töten irgendwelche Probleme löst – entfernt man einen Waschbär, zieht eben der nächste ein“, meint Suzanne MacDonald von der York University in Kanadas Waschbärenhauptstadt Toronto. Dort setzt die Stadtverwaltung vor allem darauf, die Tiere nicht durch offen erreichbaren Müll anzulocken. Durch Verblendungen an Regenrinnen und das Schließen von Zugängen werden Häuser waschbärsicher gemacht. Diese Strategie bewährt sich inzwischen auch in deutschen Waschbärmetropolen wie Kassel. Allerdings sind sie gerade bei alten Häusern nicht immer leicht umzusetzen. Und Abwehrmittel wie Elektrozäune im Miniaturformat können für Hausbesitzer schmerzhaft zu Buche schlagen.

Aber nächtlicher Waschbärbesuch wird ohnehin nicht von allen Betroffenen als Belästigung empfunden. Für Frank Deuter jedenfalls sind aus Fremden längst gute Freunden geworden. Auch wenn seine Bewirtung von Struppi, Öhrli und ihrer Sippe nicht gerade den Regeln für den Umgang mit urbanen Wildtieren entspricht, so will er sie auch künftig auf seiner Terrasse zur Waschbärenparty empfangen.

Quelle: F.A.S.
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