Welt-Pangolin-Tag

Wehrlos wie ein Tannenzapfen

Von Laura Armbruster
25.02.2016
, 09:00
Am 20. Februar war der „Tag des Pangolins“. Noch nie davon gehört? Sollte man aber, denn das seltsame Tier ist aufs Ärgste bedroht.

Sie tragen einen Schuppenpanzer und sind dennoch keine Echsen, sondern Säugetiere. Und zwar die weltweit am häufigsten geschmuggelten: Rund 23.400 Pangoline wurden zwischen 2011 und 2013 sichergestellt, obwohl das internationale Washingtoner Artenschutzabkommen jeglichen Handel verbietet. Dass man hierzulande trotzdem noch nie von ihnen gehört hat, ist nicht weiter verwunderlich, denn in ganz Europa leben nur zwei dieser nachtaktiven Einzelgänger, zu finden im Zoo von Leipzig.

Dorthin hatten Aktivisten geladen, um auf die gleichermaßen seltsamen wie bedrohten Tiere aufmerksam zu machen. Am 20. Februar, dem eigens dazu ausgerufenen „Welt-Pangolin-Tag“, konnte man die Zooinsassen Tou Feng und Quesan bestaunen und so sein Interesse für die Erhaltung ihrer wilden Verwandtschaft bekunden. Die steht tatsächlich auf der Tagesordnung: Alle acht heute noch existierenden Schuppentierarten der Gattung Manis stehen auf der Roten Liste. Vier von ihnen sind in Asien beheimatet, vier in Afrika. Nach Angaben der Tierschutzorganisation „Rettet den Regenwald“ könnten das Chinesische (M. pentadactyla) und das Sunda-Pangolin (M. javanica) innerhalb der nächsten 15 Jahre aussterben. Bereits am Donnerstag hatten Tierschützer in Berlin den Botschaften von Vietnam und China deshalb eine Petition zum Schutz der Pangoline übergeben.

Schutzlos trotz Schuppenpanzer

Ihr Lebensstil macht die Schuppentiere zu einer leichten Beute: Pangoline verbringen bis zu zwanzig Stunden am Tag schlafend. Wenn sie nicht gerade Gefahr wittern, bewegen sie sich langsam und behäbig fort und wackeln dabei unablässig mit dem Kopf. Fühlen sich Pangoline bedroht, fliehen sie in ihren Bau oder rollen sich zusammen; ihr Name leitet sich vom malaiischen Wort peng-guling, zu deutsch „Einroller“, ab. Dabei wird der lange Schwanz über Bauch und Gesicht gezogen, so dass empfindliche Körperteile geschützt sind. Von den gepanzerten Kugeln wenden sich die meisten Angreifer desinteressiert ab, denn die scharfen Enden der Schuppen stehen nach außen ab wie bei einem geöffneten Tannenzapfen, weshalb auch der Name „Tannenzapfentier“ kursiert. Allerdings schützt sie diese passive Verteidigungsstrategie nicht vor Wilderern - die wehrlosen Tiere lassen sich ohne weiteres einsammeln.

Ihr Fleisch gilt in China, Vietnam und Afrika als Delikatesse, die Schuppen werden zu einem feinen Pulver zermahlen, das beispielsweise in der Traditionellen Chinesischen Medizin Verwendung findet. Die Liste der Beschwerden, die sich damit angeblich lindern lassen, ist lang und reicht von Asthma über Durchblutungsstörungen und Entzündungen bis hin zu Rheuma und Vergiftungen, selbst bei Brustkrebs wird es empfohlen. Auch traditionelle Heiler in Nigeria oder Ghana verabreichen die verschiedensten Körperteile der Pangoline, unter anderem gegen Narben, Epilepsie, Unfruchtbarkeit oder als Schutzzauber. Die Nachfrage ist groß: Im März 2008 wurden in Vietnam 24 Tonnen tiefgefrorener Exemplare entdeckt. In Indonesien waren es bald darauf 14 Tonnen, zehn Tonnen im April 2013 auf den Philippinen.

Ohren zu und durch

Pangoline erreichen eine Körpergröße von 30 bis 85 Zentimetern. Umso imposanter erscheint ihre Zunge, die im Fall des Riesenpangolins bis zu siebzig Zentimeter lang und klebrig ist. Das sowie die Grabkrallen und ein exzellenter Geruchssinn weisen auf die besondere Diät der Tiere hin: Als Insektenfresser ernähren sie sich fast ausschließlich von Termiten und Ameisen. Wenn die Schuppentiere kopfüber im Bau ihrer Beutetiere stecken, können sie Ohren und Nasenlöcher verschließen, so dass kein Krabbeltier eindringen kann. Zähne besitzen sie keine, die Nahrung wird durch verschluckte Steinchen im Muskelmagen zerrieben. So verzehrt ein erwachsenes Tier jährlich an die 70 Millionen Insekten und spielt damit eine wichtige Rolle im Ökosystem.

Zoologen haben lange darüber gestritten, wohin die Pangoline im hierarchischen System gehören. Weil sie sich in Aussehen und Ernährungsweise ähnelten, rückte man sie lange Zeit in die Nähe von Gürteltier (aus der Ordnung der Gepanzerten Nebengelenktiere, Cingulata) und dem Ameisenbär aus der Ordnung der Zahnarmen, Pilosa. Mitte der achtziger Jahre jedoch wurde diese Annahme widerlegt, denn immunologische Untersuchungen zeigten, dass die Schuppentiere am nächsten mit der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) verwandt sind.

Mittlerweile konnten Forscher den Stammbaum genauer zeichnen. Die Familie der Schuppentiere (Manidae) gehört nach heutigem Wissensstand zu den Pholidota. Die ältesten Vertreter dieser Ordnung wandelten schon vor 47 Millionen Jahren auf der Erde. Davon zeugen Fossilien aus dem Mittleren Eozän, die 1974 in Hessen, in der Grube Messel, entdeckt wurden. Die Gemeinsamkeiten der Pangoline mit den anderen nahezu zahnlosen Insektenfressern beruhen auf einer evolutionären Anpassung an ähnliche Lebensumstände.

Die ungewöhnliche Haut der Pangoline ist einer der Gründe dafür, dass Wilderer ihnen nachstellen. Sie besteht aus bis zu dreihundert übereinanderliegenden verhornten Schuppen aus Kreatin, die in ihrer Struktur menschlichen Fingernägeln ähneln und konstant nachwachsen. Insgesamt machen sie etwa ein Fünftel des Körpergewichts aus.

Spezialrezept aus Taipeh

Anders als andere bedrohte Tierarten lassen sich die scheuen Säugetiere nicht ohne weiteres in Gefangenschaft halten. Sie stellen besondere Ansprüche an die Nahrung. In Leipzig setzt man ihnen eine ausgesuchte Diät vor. „Schuppentiere sind absolute Spezialisten. In freier Wildbahn fressen sie am liebsten Termiten. Wir füttern unsere beiden Formosa-Ohrenschuppentiere mit einem Spezialbrei aus Bienenlarven, Mehlwürmern, Kokospulver, Äpfeln, Eigelb, Vitaminen und Erde“, erklärt der Zoodirektor Jörg Junhold. Dieser proteinreiche Brei wird von den Pflegern täglich frisch gemischt. Das Rezept dafür stammt aus Taipeh, wo Tou Feng und Quesan ursprünglich lebten, bevor sie im Jahr 2007 beziehungsweise 2008 nach Leipzig gelangten.

Nicht nur das Futter, sondern auch das empfindliche Immunsystem der beiden Tiere und ihre nachtaktive Lebensweise stellen eine Herausforderung dar, will man sie den Zoobesuchern präsentieren. „In unserem Gehege ist der Tagesrhythmus um zwölf Stunden verschoben“, erklärt Junhold. Dadurch können Tou Feng und Quesan ihre Schlafgewohnheiten beibehalten. Nur mit dem Nachwuchs will es bisher nicht klappen, obwohl man sich mit dem Zoo in Taipeh austauscht, wo Schuppentiere erfolgreich gezüchtet werden. „Im Frühjahr kommen zwei weitere Pangoline von dort zu uns, dann werden wir verschiedene Kombinationen ausprobieren“, zeigt sich Junhold optimistisch.

Mit Spürnasen gegen den illegalen Handel

Pangoline zählen nicht gerade zu den typischen Kuscheltieren. Sie sind Einzelgänger, nur während der Paarungszeit dringen die Männchen in die Territorien der Weibchen ein. Sie orientieren sich dabei an Duftmarken, um eine Partnerin ausfindig zu machen. Nach einem kurzen Schaukampf geben sich die Weibchen dann geschlagen, klammern sich an die Schwänze der Männchen und werden von ihnen zum Paarungsplatz gezogen. Während des Aktes bleiben die schuppenbewehrten Schwänze miteinander verflochten. „Meist zeugen Pangoline pro Wurf nur ein einziges Jungtier. Unser Ziel ist es, langfristig eine Zucht mit einer stabilen Population aufzubauen“, hofft Junhold.

Der „Welt-Pangolin-Tag“ kam dem Leipziger Zoodirektor Junhold wie gerufen. Er wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für die außergewöhnlichen Säugetiere: „Das Pangolin ist hochbedroht. Wenn wir wenigstens zum Nachdenken anregen können, haben wir schon ein Ziel erreicht. Die illegale Jagd und der Handel müssen dringend gestoppt werden.“

Einen Beitrag dazu könnten Spürhunde liefern. Wenn man sie gezielt mit den Duftsekreten der Schuppentiere trainiert, sind sie imstande, die verbotene Schmuggelware zu identifizieren. Auch Tou Feng und Quesan stehen auf diese Weise im Dienste ihrer Gattung: Ihre Duftproben nutzt der Schweizer Zoll.

Quelle: F.A.S.
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