Glosse

Quotensünde

Von Joachim Müller-Jung
20.12.2011
, 17:00
„Seit 35 Jahren irren Männer und Frauen durch die Wüste des Geschlechterkriegs”
Im Ringen um Geschlechtergerechtigkeit bricht sich eine rasende Ungeduld Bahn. Draußen tut sich was, aber an den Unis herrscht finsteres Mittelalter. Was tun?
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Wir wissen nicht, was genau die Frauenbeauftragte von Euskirchen angestellt hat, dass die Feuerwehr so kurz vor Weihnachten die Bürotür aufbrechen musste, um ihr durch den ersten Beigeordneten und einen Begleiter die fristlose Kündigung auszuhändigen. Das zu klären wird Sache des Amtsgerichts Bonn sein. Was wir aber sicher wissen ist zweierlei: Erstens halten wir Verbarrikadierungen im Dienstzimmer als Mittel von Gleichstellungsbemühungen für ungeeignet, und zweitens kann es so nicht weitergehen mit der Geschlechtergerechtigkeit. Untragbare Entgleisungen sind zu erkennen.

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Wir zählen zwar drei frisch gekürte Max-Planck-Direktorinnen, erstmals eine designierte Präsidentin für die Deutsche Physikalische Gesellschaft und ebenso einmalig eine Präsidentin für die Gesellschaft Deutscher Chemiker sowie eine Schottin, die den ersten Posten eines Wissenschatfsberaters - pardon: einer Beraterin - der Europäischen Kommission bekommen hat. Doch im gelehrten Kreis unserer Universitäten, das hat die gefühlt zweihundertste Anfrage an die Bundesregierung jetzt gezeigt, herrscht noch finsteres Mittelalter. Unter den Bachelor-Absolventen sind knapp mehr als die Hälfte Frauen, bei den C4-Professoren mit 18 Prozent Frauenanteil und nur 11 Prozent bei Präsidenten oder Rektoren hapert es jedoch weiterhin gewaltig.

Viele Frauen in den Hörsälen, zu wenige in den Chefetagen.
Viele Frauen in den Hörsälen, zu wenige in den Chefetagen. Bild: dpa

Drei Jahre nach der Einführung der Flexi-Quotenoffensive durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, nach der reihenweisen Berufung von Frauenbeauftragten in Gruppensitzungen und der namentlichen Zurschaustellung von echten oder unechten Quotenfrauen auf Vortragsfolien bricht sich eine rasende Ungeduld Bahn. Wenn es so weitergeht, glaubt die Grüne Krista Sager, dauert es mit der Gleichstellung noch bis zum Ende dieses Jahrhunderts. So lange können und wollen wir mit der Quotensünde nicht leben. Die fraktionsübergreifende "Berliner Erklärung" der Unionsfrauen mit einem vorgeschriebenen dreißigprozentigen Frauenanteil wird, wenn sich der scheiternde Bundespräsident nicht doch noch entschließen sollte, die Frauenpflichtquote als persönliche Wiedergutmachung für Kreditverfehlungen seiner konsternierten Kanzlerin zur Unterschrift vorzulegen, überhaupt nichts bewirken. Deshalb sollten die Länder ihre Souveränität in Bildungsfragen endlich am Zopfe packen und das Hochschulpatriarchat außer Kraft setzen.

Konkret könnte das heißen: Die nächsten fünf Studienjahrgänge dürfen ausschließlich von Abiturientinnen besetzt werden, in Bruderschaften wird das Tragen von Röcken verbrieftes Recht, und jede der jungen Damen, die über den Bachelor hinaus eine akademische Laufbahn anstrebt, erhält eine Beamtenstelle sowie bis zum Abschluß der Promotion die uneingeschränkte Plagiierungserlaubnis. Man muss ja endlich was lernen aus diesem verkorksten Jahr der falschen Doktoren.

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Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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