Nobelpreisträgertagung Lindau

Gedankenexperimente über den Menschen

Von Joachim Müller-Jung
04.07.2021
, 10:20
Die Inselhalle von Lindau, Tagungsort der Lindauer Nobelpreisträgertagung.
Genschere und Zukunftsethik: Wie viel Fantasie ist sinnvoll für die Next-Generation-Medizin? Eine Podiumsdiskussion mit Laureaten über Embryo-Design, Ernährung und die Grenzen der Forschung.
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Wie über die Zukunft reden, wenn der Horizont von Mauern umstellt ist? Christiane Nüsslein-Volhard, Medizin-Nobelpreisträgerin von 1995 und eine der angesehensten Genforscherinnen weltweit, hat sich festgelegt: Revolutionen ja, Genomzeitalter gut und schön, und dennoch müsse sich der Mensch mit Phantasmen, mit denen sich Ethiker, Juristen und Philosophen spätestens seit der Geburt der „CRISPR-Zwillinge“ in China vor drei Jahren beschäftigen, nicht groß herumschlagen. „All diese Leute mit ihren Gedankenexperimenten, so funktioniert die Genetik des Menschen einfach nicht.“

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Die Sache ist nur die: Das interessierte Volk macht sich just dieselben Gedanken: Designerbabys, Optimierung des Körpers, generationenübergreifende Genveränderungen („Keimbahntherapien“) – könnte darauf am Ende vielleicht doch hinauslaufen, was Nüsslein-Volhard und mit ihr viele andere Naturwissenschaftler am liebsten nur mit Blick auf das derzeit Machbare in der Forschung und Medizin diskutiert sehen würden? Die Münchener Medizinethikerin Alena Buyx, seit einiger Zeit zudem Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, vertrat diese sorgenvolle Masse der Fragesteller jedenfalls vehement: „Wir müssen doch darüber diskutieren und vorsichtig kommunizieren, was den Menschen Sorgen bereitet.“

Der Zeitpunkt dafür war in Lindau in der Tat noch nie so günstig. Im Herbst 2020, nur ein paar Monate vorher also, wurde Emmanuelle Charpentier vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und der Amerikanerin Jennifer Doudna der Chemie-Nobelpreis zugesprochen. Die von ihnen entwickelte „Genschere“ CRISPR-Cas, eines der präzisesten molekularen Werkzeuge zur gezielten Veränderung der DNA im Erbgut, gilt unstrittig als eines der machtvollsten Instrumente der modernen Biotechnik und Biomedizin. Immer wieder war es auch in Lindau Thema. In kürzester Zeit war es selbst in den Laboren von Nobelpreisträgern, die sich bis dahin kaum mit Gentechnik beschäftigt hatten, weltweit zum Renner geworden. Doudna fehlte in Lindau, doch Emmanuelle Charpentier hatte sich nach ihrem Antrittsvortrag noch am Eröffnungstag gleich danach ein zweites Mal in die Lindauer Gendebatte eingebracht.

Podiumsdiskussion zu Gen-Editing mit Emmanuelle Charpentier, Christiane Nüsslein-Volhard,  Julia Jansing, Alena Buyx und Moderator Adam Smith.
Podiumsdiskussion zu Gen-Editing mit Emmanuelle Charpentier, Christiane Nüsslein-Volhard, Julia Jansing, Alena Buyx und Moderator Adam Smith. Bild: Christian Flemming

Die Podiumsdiskussion mit Nüsslein-Volhard und Buyx, an der sich außerdem die Deutscher-Studienpreis-Preisträgerin Julia Jansing beteiligte, eine junge Biotechnologin von der Universität Maastricht, profitierte denn auch gewaltig von dem molekularen Know-how der Genscheren-Pionierin. Mehr Klarheit darüber allerdings, wo die wissenschaftliche Community in den kritischen Fragen des Gen-Editing steht, war angesichts der Interventionen der resoluten Entwicklungsgenetikerin Nüsslein-Volhard kaum zu gewinnen.

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Einerseits warnte auch Charpentier vor uneinlösbaren Utopien. Andererseits schloss sie in ihren visionären Anwandlungen nahtlos an eine andere Podiumsdiskussion mit den beiden Chemikern Aaron Ciechanover (Nobelpreis 2004) und Ben Feringa (Nobelpreis 2016) an, die in ihrer Debatte mit dem Nachwuchs zur „Next-Generation-Medizin“ die Genschere als entscheidenden Baustein einer revolutionären „kanonischen Medizin“ feierten. „Lange haben wir Krankheiten behandelt, künftig werden wir den Menschen ganz individuell und maßgeschneidert nach seinen molekularen Bedürfnissen behandeln“, frohlockte der Israeli Ciechanover.

Genau das allerdings, die gezielte molekulare Intervention am Menschen und auch längst die an Pflanzen, provoziert immer deutlicher soziale Spannungen. Nüsslein-Volhards Diktum jedenfalls, die menschliche Fantasie nicht wahllos auszureizen und die wissenschaftlichen und technischen Grenzen endlich zu akzeptieren, ist längst von einer biopolitischen Wirklichkeit überholt worden. Medizinethikerin Buyx kündigte nicht weniger, sondern noch intensivere Debatten an. Beispielgebend dafür ist für sie der Abschlussbericht des WHO-Komitees für die Entwicklung von globalen Standards zur Regulierung und Überwachung des Gen-Editings am Menschen, das nach dem chinesischen CRISPR-Skandal eingesetzt wurde. Nach diesem Bericht dürfte klar sein: Keimbahntherapien am Menschen bleiben weltweit fast ausnahmslos verboten, Versuche der Grundlagenforschung werden in einem globalen Register der humanen Gen-Editing-Experimente möglichst lückenlos erfasst.

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Werden Genmanipulationen von Menschenembryonen damit für lange Zeit unwahrscheinlich? Buyx ist in der Hinsicht optimistisch, sollten die vorgeschlagenen Regeln auch national umgesetzt werden. Auch Nüsslein-Volhard war in der Hinsicht optimistisch und blieb bei ihren Überzeugungen: „Es ist mit dem heutigen Wissen fast unmöglich, sich gute Experimente an Embryonen auszudenken und zu definieren.“ Auch Charpentier machte deutlich, dass die molekulare Komplexität der meisten menschlichen Merkmale, die man für verbesserungswürdig halten könnte, Erfolg versprechende Experimente fast unmöglich macht – jedenfalls nicht über kurz oder lang und auch nicht, ohne die Gesundheit der Betroffenen aufs Spiel zu setzen.

Was sich an der Stelle abzeichnete, war ein geradezu grotesker Konflikt zwischen Forschung und Ethik: hier der radikale Realismus und das Pochen auf die Gegenwärtigkeit, die Fakten sozusagen, dort die – wissenschaftlich durchaus übliche – Beschäftigung mit dem Hypothetischen und mit bioethischen Szenarien. Medizinethikerin Buyx jedenfalls lenkte den Blick der Onlineteilnehmer auf eine bemerkenswerte Diskussion um die „deutsche Position“ in der Ethikdebatte. Grundsätzlich sei man sich einig und vertrete das als Deutscher Ethikrat auch so in internationalen Gremien, dass nämlich nicht nur Keimbahneingriffe, sondern auch Enhancement – also die genetische „Verbesserung“ von Genmerkmalen – abzulehnen sei. Es gebe allerdings eine Ausnahme, die sich freilich erst später in den bioethischen Diskussionen entwickelte: Was wäre, fragte Buyx, wenn die Technik eines Tages so weit ausgereift wäre, dass es dem Menschen möglich würde, sich durch Geneingriffe an einen dann vielleicht unvermeidlichen Klimawandel anzupassen – wenn Millionen Hitzetote durch Gen-Editing verhindert werden könnten? „Es könnte durchaus eine Situation geben in der Zukunft, in der die Menschen dann noch mal über solche Eingriffe nachdenken könnten.“

Hitzeresistente Menschen allerdings halten die beiden Genforscherinnen Charpentier und Nüsslein-Volhard für indiskutabel. Die Grenzen der Technik mit zu diskutieren hielt auch die Pflanzenbiotechnologin Jansing für zwingend geboten: „Gen-Editing wird die Klimaprobleme nicht lösen können. Und was wir in der Wissenschaft sicher wissen, ist, dass nichts so einfach ist, wie es vielleicht für andere aussieht.“ Für die junge Forscherin standen deshalb auch weniger die Gedankenexperimente um ethische Grenzfälle im Vordergrund, als die Sorge, als Wissenschaftlerin nicht mehr gehört zu werden: „Wichtig ist für uns, dass die Anwendung neuer Methoden am Ende nicht ohne uns Wissenschaftler geregelt wird.“

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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