Ab in die Botanik

Alraunphorer Wunschpunsch

Von Sonja Kastilan
26.10.2020
, 10:21
Die Alraune ist giftig, doch der Genuss geringer Dosen soll angeblich sexuell stimulieren, außerdem erinnert ihre Wurzel an den menschlichen Körper.
Plüsch lässt Mikroben niedlich erscheinen und lädt als Zauberpflanze zum Kuscheln ein. Die Mythologie wartet aber mit eher abschreckenden Geschichten zur Alraune auf.

Plüsch lässt selbst Mikroben überraschend niedlich erscheinen. Und auch wenn das rote Viren-Modell samt gelben Spikes, alias Sars-CoV-2, im praktischen Apfelformat kaum den Teddy als Kuscheltier ersetzen kann: Es gäbe auch noch Alternativen aus dem Gebiet der Makroflora, und gut betuchte Muggels könnten sich dann vielleicht für eine Alraune begeistern.

Deren Entwicklung als Schreibaby ist so fabelhaft fiktiv wie die Wirkung ihrer Wurzeln nachweislich gefährlich. Darüber ist zwar auch einiges im Heldenepos zur Irrfahrt des Odysseus zu lesen oder in Goethes „Faust“, doch die der Aphrodite geweihte Mandragora officinarum hat es tatsächlich in sich. Das im Mittelmeerraum und Zentralasien heimische Nachtschattengewächs bildet Alkaloide, und die charakteristisch geformte Wurzel ist mit Scopolamin und Atropin bestückt, was mitunter für ein „sardonisches Lachen“ verantwortlich gemacht wird. Beide Gifte beeinflussen das periphere Nervensystem, hemmen die glatte Muskulatur, verursachen lebhafte Halluzinationen – und führen in hohen Dosen zum Tod. Jedoch mit „großer Erfahrung und viel Fingerspitzengefühl“ verabreicht, können diese Substanzen durchaus sexuell stimulieren, gar euphorisieren, wenn in alkoholische Getränke gemischt. Die Vorstellung zum hemmungslosen Tier zu werden, drängt sich dann Konsumenten offenbar auf, meist in Form eines Schweins. Und so macht ein neues Werk nachvollziehbar, wie sich Odysseus Gefährten leichtfertig bezirzen ließen, den Rausch womöglich nicht einmal bedauerten: „Wie man Männer in Schweine verwandelt...“, beschreiben die beiden Autoren Monika Niehaus und Michael Wink unter gleichnamigem Titel ausführlich, nicht ohne auf Gegenmittel hinzuweisen: „...und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt.“

Pharmazeutischer Blick auf Mythen und Märchen

Ihr neues Buch, das im Hirzel Verlag erscheint (184 Seiten, rund 24 Euro), lässt sich als eine pharmakologische Reise in die Welt der Märchen und Mythen lesen, als ein Streifzug durch den Giftschrank der Antike. Probieren sollte man lieber nichts von alldem, was die beiden von Alraune über Bilsenkraut und Fliegenpilz bis zur Tollkirsche und Zaunrübe in der Weltliteratur aufspürten, auch wenn sie es mit modernen Fakten deuten. Schneeglöckchen mögen als Antidot zur Alraune dienen, doch um Gift mit einem anderen Gift zu behandeln, bedarf es an Wissen, wie man es der Kirke, Hekate oder Medea zuschreibt, auch Hippokrates und Aristoteles. Vom Selbstversuch ist jedoch abzuraten.

Natürlich darf Sokrates mit seinem Schierlingsbecher in diesem Almanach nicht fehlen, nebst einer Hexensalbe aus hochgiftigen Zutaten und den bitteren Lupinensamen, die Orakel-Besucher an 29 Tagen schlucken mussten. Legendär sind die Geschichten vom Hirtengott Pan, der gerne Nymphen nachstellte, von denen eine als harztränenreiche Tanne (Abies cephallonica) endete, während andere zu Pfahlrohr (Arundo donax) verdammt wurden; Daphnes Wandel zum Lorbeerbaum (Laurus nobilis) lässt sich wiederum auf Apollon zurückführen. Wer die antiken Mythen kennt, wird sie hier aus der Perspektive der Botanik oder Pharmazie kennenlernen, schließlich sind etliche Pflanzen irgendeiner Göttin oder einem Gott geweiht; längst nicht alle sind liebreizend wie ein Adonisröschen oder tückisch wie die Alraune. Will man ihre Wurzeln ausgraben, sind keine Ohrstöpsel nötig. Zwar rät Plinius, mit einem Schwert drei Kreise zu ziehen, aber das macht noch niemanden zum Schwein.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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