Roger Penrose zum Neunzigsten

Einsteins Schuhe passen ihm gut

Von Ulf von Rauchhaupt
08.08.2021
, 09:47
Physik-Nobelpreisträger von 2020 Roger Penrose
Er hat die mathematische Struktur Schwarzer Löcher und des Urknalls erklärt. Heute feiert der geniale Mathematiker und Physik-Nobelpreisträger Roger Penrose seinen 90. Geburtstag.
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An einem Septembertag des Jahres 1964 trat Roger Penrose zusammen mit einem redseligen Fachkollegen an eine viel befahrene Straße in London, um sie zu überqueren. Der Verkehr unterband für einen kurzen Moment den Redefluss seines Begleiters – ein Moment, in dem Penrose eine Idee kam, ihm aber gleich wieder entfiel, bis der Kollege sich verabschiedet hatte. „Auf einmal hatte ich dieses seltsame Hochgefühl“, erzählte der britische Gravitationstheoretiker später einmal. Damals fragte er sich, woher es kommen mochte – da fiel ihm die Straße ein und seine Idee. Wie sich herausstellte, war es der entscheidende Schritt des Beweises dafür, dass schwarze Löcher tatsächlich existieren: Geht einem ausreichend massereicher Stern das nukleare Feuer aus, erzwingt Albert Einsteins Gravitationstheorie einen Kollaps des Sterns zu etwas, aus dessen Umgebung nicht einmal mehr Licht entkommt, sondern in einer sogenannten Singularität im Zentrum des vormaligen Sterns endet. Für diese Erkenntnis bekam Roger Penrose 56 Jahre später eine Hälfte des Nobelpreises für Physik.

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Da war er allerdings schon lange berühmt. Nicht ganz so berühmt wie sein Landsmann Stephen Hawking natürlich, mit dem zusammen er später in den 1960er-Jahren zeigen konnte, dass nach Einsteins Theorie auch der gesamte Kosmos notwendig eine Singularität besitzt – hier eine am Anfang aller Dinge, im Urknall. Ohne die Verbindung zu dem Medienphänomen Hawking wäre aus Penrose auch nie eine Filmfigur geworden (verkörpert von Christian McKay in dem Hawking-Biopic „The Theory of Everything“ von 2014), aber ein Forscher mit Breitenwirkung wurde er auch so – allerdings ohne alle Allüren.

Außergewöhnlich breites Interessensgebiet

Als Sohn eines bedeutenden Genetikers, Bruder eines Statistikprofessors und eines Schachmeisters war Roger Penrose nie mit dem Bewusstsein aufgewachsen, stets der Schlauste im Raum zu sein. Und er hatte immer eine besondere Freude daran, seine Ideen und Forschungsfragen nicht nur Fachkollegen zu erklären und mit eigenhändig gezeichneten Grafiken begreiflich zu machen. Fünf Sachbücher für ein breiteres Publikum hat er bisher veröffentlicht, eines davon mehr als tausend Seiten dick. Sie verkauften sich gut bis sehr gut – trotz Penroses Weigerung, darin auf Mathematik und ihre Symbolsprache zu verzichten, und trotz der durchaus anspruchsvollen Inhalte.

Diese überspannen große Teile des außergewöhnlich breiten Interessengebiets des studierten Mathematikers, der sich nach der Doktorarbeit unter dem Einfluss Paul Diracs der theoretischen Physik zugewandte und ihr treu blieb, auch wenn er von 1973 an bis zu seiner Emeritierung 1998 den Rouse-Ball-Lehrstuhl für Mathematik an der Universität Oxford bekleidete. Sir Roger, wie er sich seit dem Ritterschlag durch die Queen 1994 nennen darf, hat sich in seiner Karriere mit Logik und Fragen nach den Grenzen Künstlicher Intelligenz befasst, mit Geometrie – zu der er die sogenannte Penrose-Parkettierung beitrug –, mit Kosmologie und immer wieder mit der Gravitation sowie ihrem immer noch völlig ungeklärten Verhältnis zur Quantenphysik.

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In Fragen der Kosmologie bemüht sich sein wissenschaftliches wie sein populärwissenschaftliches Werk, auf dem Boden des zumindest im Prinzip empirisch Zugänglichen zu bleiben. Fachkollegen, die über Multiversen schwadronieren oder ihre naturphilosophischen Vorstellungen als physikalische Theorien verkaufen, finden bei ihm wenig Gnade. Und was die Suche nach einer vereinheitlichten Theorie der Quantengravitation angeht, so ist Penrose der festen Überzeugung, sie müsse sich mehr von Einsteins Gravitationstheorie und weniger von den Quantengesetzen leiten lassen. Die meisten der heute verfolgten Ansätze, vorneweg die Stringtheorie, tun gerade das Gegenteil und haben in Roger Penrose einen ihrer scharfsinnigsten und originellsten Kritiker. Am heutigen 8. August wird er 90 Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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