Hans Queisser zum Neunzigsten

Auf dem Siliziumpfad

Von Manfred Lindinger
06.07.2021
, 08:00
Hans-Joachim Queisser in seinem Institut in Stuttgart 1986
Er lernte sein Rüstzeug beim Vater des Transistors, William Shockley, und erlebte die Geburtsstunde des Silicon Valley. Seine Kenntnisse beflügelten auch die Forschung hierzulande.Heute wird Hans Queisser neunzig Jahre alt.
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Mit einer Greencard in der Tasche suchte 1959 ein frisch promovierter deutscher Physiker eine alte Obstscheune im Städtchen Mountain View des kalifornischen Santa-Clara-Tals. Darin arbeitete der Erfinder des Transistors und Nobelpreisträger William Shockley mit einer kleinen Truppe an elektronischen Halbleiterbauteilen. Der junge Physiker war Hans-Joachim Queisser, der in Kalifornien den Beginn des Silizium-Zeitalters miterleben durfte. Denn damals ahnte noch keiner: Die kleine Hütte in Mountain View sollte die Keimzelle des legendären Silicon Valley werden.

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Doch die „Shockley Semiconductor Corporation“ stand kurz vor der Pleite. Wichtige Mitarbeiter hatten die Firma verlassen, die keine großen Gewinne machte. Die Abtrünnigen, darunter Gordon Moore und Robert Noyce, wollten statt Dioden, wie sie Shockley favorisierte, lieber Transistoren auf Siliziumbasis bauen. Sie gründeten eigene Firmen, unter anderem Intel und wurden erfolgreich. Die „Shockley Semiconductor Corporation“ ging dagegen in Konkurs und wurde zweimal verkauft.

Diese Obstscheune war der Sitz von Shokley Semiconductor Corporation und die Keimzelle des späteren Silicon Valley
Diese Obstscheune war der Sitz von Shokley Semiconductor Corporation und die Keimzelle des späteren Silicon Valley Bild: Archiv

„Trotz der Schwierigkeiten war es eine spannende Zeit“, sagte Queisser später. Er habe von Shockley alles gelernt, was man damals bereits über Halbleiterphysik wusste. Im Zuge des Sputnik-Schocks erhielt Shockleys kleine Firma einen Regierungsauftrag, Solarzellen aus Silizium für die Raumfahrt zu entwickeln. Gemeinsam mit seinem Chef entwickelte Queisser eine noch heute gültige Theorie, dank der sich der maximal mögliche Wirkungsgrad einer Solarzelle berechnen lässt.

Noch vor dem endgültigen Aus von Shockleys Firma wechselte Queisser 1964 zu den berühmten Bell Laboratories, wo er sein Wissen erweiterte. 1966 bot sich für den in Berlin Geborenen eine Chance, nach Deutschland zurückzukehren. Mit wertvollen Erfahrungen im Gepäck wollte er auch hier die Halbleiterforschung etablieren – möglichst in Symbiose mit der Industrie, was ihm allerdings nur teilweise gelang. Queisser wurde 1969 beauftragt, das Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart zu gründen, dessen Direktor er bis 1998 war. Dank seines Engagements wurde das Institut zur Schmiede wichtiger Halbleitertechnologien und talentierter Wissenschaftler.

Feierlaune bei der „Shockley Semiconductor Corporation" im Jahr 1956. Die Mitarbeiter gratulieren ihrem Chef (am schmalen Ende des Tischs sitzend) zum Nobelpreis. Ganz links sitzt Gordon Moore, in der Mitte steht, mit einem Glas Wein in der Hand, Robert Noyce. Beide sollten später die Firma „Intel“ gründen.
Feierlaune bei der „Shockley Semiconductor Corporation" im Jahr 1956. Die Mitarbeiter gratulieren ihrem Chef (am schmalen Ende des Tischs sitzend) zum Nobelpreis. Ganz links sitzt Gordon Moore, in der Mitte steht, mit einem Glas Wein in der Hand, Robert Noyce. Beide sollten später die Firma „Intel“ gründen. Bild: Computer History Museum

Queisser pflegte früh Kontakte ins Ausland vor allem nach Japan und dort zur Firma Sony, was ihm dem Spott vieler Kollegen einbrachte. Doch er ließ sich nicht beirren. Wissenschafts- und Wirtschaftsminister suchten in den Achtzigerjahren zunehmend seinen Rat, wie man den Vorsprung der Amerikaner und Japaner auf dem Gebiet der Speicher- und Computerchips aufholen könne. Doch alle Anstrengungen halfen nichts und seine Ratschläge verhallten. Politik und Wirtschaft zeigten sich zu seiner Enttäuschung auch damals schon zu träge.

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Auch wenn Queisser schon lange im Ruhestand ist, so glimmt in ihm noch immer der Pioniergeist von einst. Den quirligen Physiker trifft man noch hin und wieder auf Vorträgen oder in seinem alten Institut. Dann nimmt er den Besucher gerne mit auf eine Reise in die alte Hütte im Silicon Valley. Heute feiert Hans-Joachim Queisser seinen neunzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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