Gisbert zu Putlitz wird 90

Ritterlicher Physiker

Von Manfred Lindinger
14.02.2021
, 09:00
Er entlockte Atomen und Kernen viele Geheimnisse, lenkte die Geschicke von Forschungseinrichtungen und war Rektor von zwei Hochschulen. Gisbert Gans Edler Freiherr zu Putlitz wird heute neunzig Jahre alt.

Er hat vieles erlebt und bewegt im Leben, als Experimentalphysiker, vor allem aber als Wissenschaftsmanager und Hochschulrektor. Dabei sind ihm seine Neugier, Beharrlichkeit und Bodenständigkeit ebenso zugute gekommen wie seine handwerklichen Fertigkeiten und seine Fähigkeit zu repräsentieren. Eigenschaften, die sich nicht zuletzt aus seiner Herkunft und seinem Werdegang erschließen.

Gisbert Gans Edler Freiherr zu Putlitz fühlt sich seiner Familiengeschichte verpflichtet. Den Stammbaum seiner Vorfahren kann er lückenlos bis ins späte zwölfte Jahrhundert zurückverfolgen, als sich die Edlen Herrn zu Putlitz in der Mark Brandenburg niederließen. Im Alter von vierzehn Jahren erlebte der in Rostock behütet aufgewachsene zu Putlitz das Trauma des Kriegsendes: den Verlust des Elternhauses und den Tod des Vaters. Nach 1945 schlug er sich als Holzfäller und Landarbeiter durch und sorgte so für seine Mutter und seine Geschwister. Anfang der fünfziger Jahre flüchte er in den Westen, absolvierte sein Abitur in Erlangen und eine Mechanikerlehre bei Zündapp in Nürnberg. 1953 entschied er sich, seiner Neigung für Naturwissenschaften folgend, für das Physikstudium. Seine Wahl fiel auf Heidelberg, wo Hans Kopfermann, der Nestor der deutschen Nachkriegsphysik, lehrte und forschte. Bei ihm wurde er promoviert und wuchs in eine der führenden Schulen der Experimentalphysik Deutschlands hinein.

Vom Forscher zum Wissenschaftsmanager

Ausgestattet mit dem Geist und dem Wissen seines väterlichen Freundes über Atom- und Kernphysik – Hans Kopfermann starb kurz nach seiner Promotion –, begann Putlitz mit seinen eigenständigen Forschungen. Er verfeinerte zahlreiche spektroskopische Verfahren und entlockte den Atomen und Kernen ihre Geheimnisse. Sein Lieblingselement war Barium. Ihn interessierten besonders die Wechselwirkungen zwischen Elektronenhülle und Atomkern. Seine Lichtquellen waren damals noch Hohlkathoden- und Hochfrequenzlampen. Erst in den siebziger Jahren hielt auch in zu Putlitz' Labor in Heidelberg der Laser Einzug, als er dort als Professor lehrte.

Die neue Lichtquelle eröffnete plötzlich völlig neue experimentelle Möglichkeiten und beschleunigte die Forschung enorm. Exotische Atome, in denen statt eines Elektrons ein sogenanntes Myon – das Teilchen ist 207mal so schwer wie ein Elektron und lebt nur Sekundenbruchteile – eingebaut ist, konnten jetzt erstmals detailliert untersucht werden, insbesondere deren Atomkerne. Seine Arbeiten führten ihn auch an zahlreiche Forschungsstätten in den Vereinigten Staaten, England und in der Schweiz.

Seine erfolgreichen Forschungsarbeiten haben auch zu vielen Ehrungen und Ämtern geführt. So leitete Putlitz von 1978 bis 1983 die Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt. Gleich zu Anfang seiner Amtszeit ließ er den neuen Linearbeschleuniger „Unilac“ ausbauen. Was manche Kollegen zunächst irritierte, erwies sich letztlich als entscheidende Voraussetzung für die Entdeckung der schweren künstlichen Elemente 107 und 108. Von 1981 bis 1983 war er auch Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen, der späteren Helmholtz-Gemeinschaft, ein Posten, der ihm aber wenig Vergnügen bereitete, wie er zugibt. Als er die GSI auf eigenem Wunsch verließ, wollte er eigentlich zurück in die Forschung.

Markenzeichen Putlitzerscher Forschung

Wegen sein Rufs als ideenreicher „Macher“ berief man ihn jedoch zum Rektor der Universität Heidelberg, ein Amt, das er vier Jahre bekleidete. Er trug maßgeblich zu dem Gelingen der glanzvollen 600-Jahr-Feier der Universität Heidelberg 1986 bei. Danach war er Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und leitete von 1986 bis 1988 obendrein als amtierender Rektor die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Nach der Wende hat er sich mit seinen drei Söhnen um das ehemalige elterliche Gut in Brandenburg gekümmert, das wieder Familienbesitz geworden ist.

Trotz seiner Verpflichtungen war er seiner Arbeitsgruppe in Heidelberg stets treu geblieben. Seine Schüler und Mitarbeiter schätzten den Freiraum, den er ihnen beim Forschen ließ. Hin und wieder packte er auch selbst zu. Markenzeichen Putlitzscher Forschung sind Vielseitigkeit, das Gespür für Neues sowie die Begeisterung und die Freude an der Forschung. Heute feiert Gisbert Freiherr zu Putlitz seinen neunzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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