Eskaliert

Der gute Ton macht die Musik

EIN KOMMENTAR Von Manfred Lindinger
29.03.2022
, 10:14
Blick ins Innere einer Diamant-Hochdruckzelle: Die Materialprobe wird von zwei konischen Diamanten extrem zusammengepresst und abgekühlt. Dieses Verfahren nutzten die Forschern um Ranga Dias, um bei einem wasserstoffreichen Gemisch schon bei milden Temperaturen Supraleitung hervorzurufen.
Ein heftiger Streit ist ausgebrochen unter zwei Physikern. Grund ist ein Experiment aus dem Jahr 2020 bei dem Supraleitfähigkeit schon bei Plusgraden aufgetreten sein soll. Jetzt hat einer der beiden Forscher sogar ein Publikationsverbot erhalten.
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Es kommt selten vor, dass in Fachzeitschriften Artikel zu­rück­gezogen werden, weil sich Messkurven und Ergebnisse als Fälschungen oder Manipulationen entpuppen. Dass Publikationen nachträglich entfernt werden, weil sich ihr Autor im Ton vergriffen hat, ist noch ungewöhnlicher. Passiert ist das nun Jorge Hirsch, einem streitbaren und offenbar auch leicht erregbaren Theoretiker von der University of California in San Diego. Bekannt ist Hirsch für seine skeptische Haltung gegenüber der 1972 mit dem Nobelpreis gewürdigten BCS-Theorie, die schlüssig erklärt, warum in metallischen Supraleitern der elektrische Strom ohne jeglichen Widerstand fließt.

Dem Forscher sind aber auch Experimente suspekt, die Supraleitung in Wasserstoffverbindungen bei extrem hohem Druck hervorzurufen versuchen. So ist auch eine Arbeit von Ranga Dias in Hirschs Visier geraten, die vom Wissenschaftsmagazin „Science“ sogar als Durchbruch des Jahres 2020 gefeiert wurde. Dias, der an der University of Rochester tätig ist, präsentierte mit seinen Kollegen vor eineinhalb Jahren in der Zeitschrift „Nature“ ein Material, das sozusagen die Schallmauer der Supraleitung durchbrochen hatte: Das komprimierte Gemisch aus Kohlenstoff, Schwefel und Wasserstoff verliert offenbar schon bei plus 15 Grad jeglichen Widerstand – so warm war noch kein Supraleiter davor. Die präsentierten Messkurven überzeugten zwar die von „Nature“ bestellten Gutachter, aber nicht Hirsch. Dieser verlangte sofort die Herausgabe der Originaldaten.

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Als Dias sich weigerte, überzog ihn Hirsch mit Gegenveröffentlichungen und sprach von Betrug. Denn er hielt das, was Dias beobachtet hatte, nur für Anzeichen für einen metallischen Zustand. Längst hat der Disput die sachliche Ebene verlassen, und sogar die Verantwortlichen von „arXiv“, der Onlineplattform für noch nicht begutachtete Artikel, fühlen sich an Schlagabtausche auf Twitter erinnert. Nachdem sich Hirsch uneinsichtig gab, hat man bei „arXiv“ nun die Reißleine gezogen.

Nun darf Hirsch. so berichtet das Newsportal von „Science“, sechs Monate lang selbst dort nicht mehr publizieren, wo sich auch allerlei verrückte Ideen tummeln, die nie die Chance haben, jemals in einer seriösen Zeitschrift zu erscheinen. Inzwischen hat Hirsch seine eigene Sicht des Sachverhalts auf seiner Homepage dargestellt. Wie die Geschichte auch immer ausgeht, eins ist klar: Der Ton macht noch immer die Musik, auch und vielleicht gerade, wo es um die wissenschaftliche Wahrheit geht.

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Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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