Das Jahr des Lichts

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Von Manfred Lindinger
04.03.2015
, 14:22
Erhellend: Über Frankfurt strahlt sich nachts ein Lichtkegel. Damit ist Frankfurt wahrscheinlich die hellste Stadt Hessens.
Die Vereinten Nationen haben das „Internationale Jahr des Lichts“ ausgerufen, und Deutschland feiert kräftig mit. In der Euphorie wird aber ganz vergessen, dass künstliche Beleuchtung nicht nur positive Seiten hat, sondern auch zu einer besorgniserregenden Art von Umweltverschmutzung geführt hat.
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Ohne Licht stünde es ziemlich düster um uns Menschen. Kein einigermaßen zivilisiertes Leben, keine Kultur, kein technischer und wissenschaftlicher Fortschritt wären ohne das Phänomen denkbar, das der berühmte schottische Physiker James Clerc Maxwell vor rund 150 Jahren als Zusammenspiel von oszillierenden elektrischen und magnetischen Feldern enträtselte.

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Anlass genug also, endlich mal an das Naturphänomen und an all jene Wissenschaftler und Tüftler zu erinnern, die unsere Welt mit ihren genialen Gedankenblitzen erhellt haben. Und seit vergangener Woche feiert auch das wissenschaftliche Deutschland kräftig mit - beim „Internationalen Jahr des Lichts“. Alle großen Organisationen, zahlreiche Universitäten und Schulen engagieren sich bei der Initiative der Vereinten Nationen und warten mit einem Strauß an Veranstaltungen auf. Mehrere hundert Aktionen, verteilt über das ganze Jahr und über das ganze Land, können die Organisatoren unter Federführung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft bereits ankündigen. Da werden es die Macher des diesjährigen Wissenschaftsjahres wahrlich schwer haben, die Menschen für ihr - eher kryptisch anmutendes - Thema „Zukunftsstadt“ zu begeistern.

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Lichtspiel in stiller Nacht
Light On Earth

Wir machen die Nacht zum Tag

Doch was des einen Freud, ist bekanntlich des anderen Leid. Und das gilt ebenfalls für das Licht. Denn trotz aller Strahlkraft gibt es die Schattenseite: Dank elektrischer Lichtquellen ist nämlich in vielen Großstädten die Dunkelheit verschwunden. Rund um die Uhr laden Shopping-Malls und Galerien zum nächtlichen Bummeln ein, Gebäude, Plätze und Straßenzüge sind auch in finsterer Nacht hell erleuchtet. Von greller Leuchtreklame und Videoleinwänden ganz zu schweigen. Um rund sechs Prozent nimmt jährlich die Beleuchtung weltweit zu, schätzen Experten. Sehr zum Leidwesen von Astronomen, die darüber klagen, trotz lichtstarker Optiken das Flackern der Sterne nur noch fernab der Städte beobachten zu können.

Für die Astronauten auf der Internationalen Raumstation ist das  nächtliche Berlin immer noch eine geteilte Stadt: Im Westen strahlen  meist weiße Quecksilberdampflampen, währen im Osten mit sparsameren Natriumdampflampen beleuchtet wird. Im Jahr 2000 verbrauchte die Stadt rund 73 Millionen Kiowattstunden für die Straßenbeleuchtung.
Für die Astronauten auf der Internationalen Raumstation ist das nächtliche Berlin immer noch eine geteilte Stadt: Im Westen strahlen meist weiße Quecksilberdampflampen, währen im Osten mit sparsameren Natriumdampflampen beleuchtet wird. Im Jahr 2000 verbrauchte die Stadt rund 73 Millionen Kiowattstunden für die Straßenbeleuchtung. Bild: Image Science & Analysis Laboratory, Nasa Johnson Space Center.

Und auch Energieexperten warnen: Rund ein Prozent des Jahresverbrauchs an elektrischer Energie benötigen die Länder der EU zur Beleuchtung von Straßen und Plätzen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Europäischen Kommission über Energieeffizienz. Das entspreche etwa der jährlichen Stromproduktion von drei bis vier Kernkraftwerken. Tendenz steigend - trotz immer effizienterer und sparsamerer Leuchtmittel.

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Aber nicht nur unsere Städte werden immer heller, auch der Nachthimmel hat an Helligkeit zugenommen. Rund um den Globus erstrahlt er heute mehrere hundert Mal so hell wie noch vor der Einführung des künstlichen Beleuchtung, wie eine internationale Forschergruppe kürzlich in den „Scientific Reports“ berichtet. Die Ursache für dieses als „Skyglow“ bezeichnete Phänomen seien die Wolken, die einen Großteil des abgestrahlten Lichts wieder reflektierten. Helle Gegenden erscheinen in bedeckten Nächten deshalb noch heller, als sie ohnehin schon sind.

Was die „Lichtverschmutzung“, die unseren Tag-Nacht-Rhythmus durcheinanderbringt, mit unserer Gesundheit macht, ist noch weitgehend unerforscht. Das gilt auch für die Frage, was die künstliche Beleuchtung für die vielen nachtaktiven Tiere bedeutet. Die Organisatoren des „Lichtjahres“ werden einiges tun müssen, um das Jahr des Lichts bis zum Dezember am Leuchten zu halten.

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Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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