<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Interview zum Fusionsreaktor Iter

Der Berliner Großflughafen lässt grüßen

 - 15:00
Bauplatz für den Fusionsreaktor ITER in Cadarache September 2013zur Bildergalerie

Herr Haange, hat man bei Iter bereits auf die Vorwürfe des jüngsten Untersuchungsberichts reagiert?

Nicht alles, was in dem „2013 Management Assessment Report“ von Bill Madia und seinen amerikanischen Kollegen steht, entspricht auch der Wirklichkeit. Man hat die Mitarbeiter hier interviewt. Jedem, der seine Meinung äußerte, wurde Anonymität garantiert. Da werden schon mal Aussagen gemacht, die objektiv nicht ganz richtig sind. Im Großen und Ganzen treffen die Vorwürfe aber zu, und wir werden entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Einige Iter-Manager hätten sich wohl gewünscht, dass der Bericht nicht an die Öffentlichkeit gekommen wäre ...

Fakt ist, dass ohne diesen Report einige Korrekturen nicht möglich wären, die wir nun angehen wollen. Wir haben uns um politische Vorgaben nicht mehr gekümmert. Wir haben einen Aktionsplan aufgesetzt, der auf alle Vorwürfe reagiert.

Was ist sein Inhalt?

Was wir dem Iter-Rat jetzt Ende Juni vorlegen werden, ist vor allem eine neue effizientere Struktur für das Projekt. Den genauen Inhalt wollen wir bis zur Veröffentlichung aber noch vertraulich behandeln.

Man wird aber wohl die Organisationsstruktur verschlanken.

Natürlich, bei Iter gibt es zu viele Manager. Es gibt zwar einen Generaldirektor, Osamu Motojima. Bei der Gründung von Iter wurde beschlossen, dass auch noch jedes Mitglied - also Europa, Russland, die Vereinigten Staaten, Indien, Südkorea, China und Japan - einen „Deputy General Direktor“ stellen darf, der dann jeweils wiederum zahlreiche Manager unter sich hat. Diesem unterstehen wiederum Manager. Diese Leute waren schon bestellt, als noch nicht geklärt war, was sie eigentlich verwalten sollen. Es ist eine berechtigter Vorwurf, wir bei Iter hätten zu viele Manager und entsprechend viel Bürokratie.

Warum hat man nicht schon viel früher die Notbremse gezogen?

Man hat viel zu lange gewartet. Aber es gab keinen wirklichen politischen Willen, die Dinge zu ändern.

Bei Iter kommt es immer wieder zu Verzögerungen. Man gibt offen zu den aktuellen Zeitplan nicht einhalten zu können. Bereits jetzt liegt man hinter dem Ziel, im Jahr 2020 mit der Inbetriebnahme beginnen zu können, um mindestens zwei Jahre zurück. Wie lange wird man noch warten müssen, bis in Iter das erste Plasma gezündet wird?

Wir sind derzeit dabei, einen neuen realistischen Zeitplan aufzustellen. Es war klar, dass durch die Verzögerung, die es hier zuletzt gegeben hat, das Ziel 2020 nicht mehr einzuhalten ist. Es ist unrealistisch, dass man die rund zwei Jahre, die man hintendran liegt, wieder aufholen kann.

Wann soll dieser Plan vorgelegt werden?

Im Juni des nächsten Jahres.

Warum so spät?

Wir wollen es dieses Mal gründlich machen. Wir können von uns aus selbst keinen Zeitplan aufstellen, sondern wir müssen alles mit den Agenturen, der sieben Iter-Parter koordinieren. Und die müssen sich wiederum vor Ort mit deren Industrien abstimmen, die die Bauteile für den Fusionsreaktor fertigen, zusammenfügen und die Komponenten hierher nach Cadarache liefern. Einige Länder Asiens machen ihre eigene Zeitvorgaben, wann sie ihre Bauteile liefern. Dort kann man Tag und Nacht und am Wochenende arbeiten. Das ist in Europa und den Vereinigten Staaten nur bedingt möglich. Alles muss aufeinander abgestimmt werden.

Und dann müssen die Gebäude hier in Cadarache möglichst rechtzeitig fertiggestellt werden, bevor die Anlagen und Bauteile angeliefert werden...

Wir wollen nichts Halbgebackenes abliefern, wie die Jahre zuvor. Der Iter-Rat hat uns Anfang 2013 zwei Jahre gegeben, einen langfristigen realistischen Zeitplan aufzustellen. In diesen beiden Jahren prüfen wir, wie Iter voranschreitet. Ein Jahr ist nun vergangen, und man sieht positive Entwicklungen. Wir sehen aber auch, dass die aufgetretenen Verzögerung nicht ohne weiteres einzuholen sind, ohne dass etwa weitere Kosten entstehen.

Der Untersuchungsbericht kritisiert, die Leitung von Iter sei zu schwach.

Wir fühlen uns nicht angegriffen, eher bestätigt. Die Struktur von Iter war politisch so gewollt. Nun sieht man ein, dass man daran etwas ändern muss. Der Generaldirektor hat keinen wirklichen Einfluss auf die Vorgänge in den Agenturen der Iter-Partner. Letztere müssen nur gewissen Komponenten liefern. So ist es vereinbart worden. Wir auf der Projektebene erstellen das Design und geben die technischen Spezifikationen, nach denen die Komponenten gebaut und abgeliefert werden sollen. Von der Seite der Agenturen besteht häufig natürlich das Bestreben die Komponenten so möglichst günstig wie möglich zu liefern. Die Firmen wollen schließlich auch profitabel arbeiten.

Die Kosten haben sich inzwischen verdreifacht von ursprünglich fünf Milliarden auf inzwischen 15 Milliarden.

Die ursprünglichen Kostenschätzung aus dem Jahr 2001 war definitiv zu niedrig. Das ist bei solchen Projekten eigentlich immer der Fall, was früher oder später immer zu Schwierigkeiten führt. Ich habe jetzt in fünf Projekten gearbeitet und immer das Gleiche erlebt. Man muss die Anfangsschätzungen immer mit einem Faktor drei multiplizieren. Das ist realistisch.

Um wie viel werden die Kosten von Iter noch steigen?

Wir werden wohl nie erfahren, was Iter tatsächlich kosten wird. Wir werden nicht wissen, wie teuer die gelieferten Bauteile aus den Partnerländern wirklich gewesen sind. Was Iter in etwa kostet, lässt sich nur abschätzen aus dem gedeckelten finanziellen Beitrag der EU mit der Schweiz von 6,6 Milliarden Euro, was 45 Prozent entspricht. Die übrigen sechs Partner tragen zu jeweils neun Prozent bei.

Die Bauteile und Komponenten von Iter werden in den verschiedenen Ländern gefertigt, zum Teil mit verschiedenen Fertigungstechniken. Wie stellt man sicher, dass. am Ende auch alles zusammenpasst?

Jedes Land, das bei Iter mitarbeitet, soll ein paar Stückchen vom Hightech-Kuchen bekommen, um das Know-how für einen eigenen Fusionsreaktor oder ein Fusionskraftwerk zu besitzen. So will es die Philosophie des Iter-Projekts. Die supraleitenden Drähte werden zum Beispiel in verschiedenen Ländern gefertigt, verschifft und anderen Orten zu Kabeln zusammengefügt und zu Spulen gewickelt. Das führt dazu, dass wir mehr Schnittstellen haben als, notwendig wäre. Und jeder Ingenieur weiß, dass man Schnittstellen möglichst vermeiden muss. Dank moderner Messtechnik, kann man aber schnell prüfen, ob die Werkstücke zusammenpassen. Dennoch wird es Probleme geben, die man Vorort in den Ländern wird lösen müssen. Ein großer Vorteil ist, dass wir von Iter keine Mehrwertsteuern und Zölle zahlen müssen.

Was ist, wenn ein Partner plötzlich aus dem Projekt aussteigt?

Bis 2017 sind alle vertraglich an das Projekt gebunden. Wenn ein Partner, der aussteigen will, bis dahin die festgelegten Bauteile nicht geliefert hat, muss er an Iter die ausstehenden Kosten zahlen, damit wir die Komponenten selbst besorgen oder herstellen können. Finanzielle Ausfälle müssen wir, auf die alle verbliebenen Partner aufteilen. So haben wir es gemacht, als die Vereinigten Staaten zwischen 1998 und 2003 vorübergehend ausgestiegen waren.

Der Untersuchungsbericht beklagt auch derzeit eine mangelnde Motivation von vielen Mitarbeitern.

Das ist klar, wenn es nicht vorwärts geht, gibt es bedrückte Gesichter. Das konnte ich 2005 beobachten, als ich nach Greifswald kam. Damals steckte die dortige Fusionsanlage Wendelstein 7-X, dessen Konstruktionsphase nun abgeschlossen ist, in einer tiefen Krise. Dann kamen die ersten Spulen, es wurde montiert. Probleme mit den Industriepartnern wurden allmählich gelöst. Die Stimmung der Mitarbeiter schlug um. Das kann man auch schon in Cadarache beobachten. Jetzt entstehen die ersten Gebäude, das Fundament des Reaktors ist fast fertig. Mitte dieses Jahres werden die ersten Komponenten hier eintreffen. Im kommenden Jahr werden hier zweitausend Menschen arbeiten. Ich bin sicher, dann wird die sich die Begeisterung, die es momentan nicht überall gibt, durchsetzen. Und es wird hart gearbeitet.

Das Gespräch führte Manfred LIndinger.

Nach dem Rundgang auf der Iter-Baustelle

Die Kernfusion steht unter Druck. Das war der Eindruck, den man bei einem Besuch auf der Baustelle des Fusionsreaktors Iter in Südfrankreich gewinnen konnte. An dem größten Forschungsprojekt der Gegenwart beteiligen sich Europa, Russland, Japan, China, Indien, Südkorea und die Vereinigten Staaten. Zu viele Entscheidungsträger, eine zu schwache Projektleitung, zu wenig Transparenz, zu viel Bürokratie, aber auch Bauverzögerungen und steigende Kosten sowie kein realistischer Zeitplan - das sind einige der Punkte, die der jüngste „Management-Assessment Report“ der Organisation vorhält. In dem Bericht, der auf Wunsch von Iter erstellt wurde, steht auch, dass das Projekt sogar noch scheitern könnte, wenn nicht rasch reagiert und das Unternehmen neu organisiert wird.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenGroßflughafen

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.