Nobelpreise

Das Land staunt über seine Genies

Von Manfred Lindinger, Joachim Müller-Jung und Christian Schwägerl
11.10.2007
, 12:07
Schavan: „Das ist ganz Ihre Leistung”
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Zwei deutsche Preisträger auf einmal, das ist eine Sensation. Peter Grünberg bekommt den Preis für Physik, Gerhard Ertl wird mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet. Seit der Verkündung stehen die Telefone der beiden nicht mehr still.
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Vor dem Zweiten Weltkrieg hat es in Berlin Nobelpreise nur so geregnet. Die Stadt von Albert Einstein, Emil Fischer, Robert Koch war eine Wissenschaftsmetropole. Am Mittwoch ist ein Hauch davon wieder zu spüren - oder weht sogar eine frische Brise? Ein frischgebackener Nobelpreisträger, Peter Grünberg, kommt zu Besuch in die Hauptstadt, landet um 9.20 Uhr am Flughafen Tegel, um wenig später im Hauptquartier der Helmholtz-Gemeinschaft, im Schatten des Berliner Doms, von der Bundesforschungsministerin geehrt zu werden.

„Das ist ganz Ihre Leistung“, sagt Annette Schavan zu Grünberg, dem Entdecker des Riesenmagnetowiderstands, „wir tun jetzt nicht so, als sei es das Verdienst der Bundesrepublik Deutschland“. Jahr um Jahr hatte der Achtundsechzigjährige sich am Tag der Nobelpreisbekanntgabe fesch gekleidet, um gut präpariert zu sein. Nun hat das Warten ein Ende.

„An die neue Rolle gewöhnen“

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Grünberg gibt sich bescheiden, erinnert an seinen Mentor, nennt namentlich die Diplomandin, die den Magneteffekt als erste an den Apparaturen bemerkt hat, dankt seiner Frau. Er hält sich mit Ratschlägen an die Forschungspolitikerin zurück und auch mit Kommentaren zur welt- und klimapolitischen Lage. „An die neue Rolle des Nobelpreisträgers muss ich mich erst noch gewöhnen“, sagt er. Der Stolz blitzt ihm aus den Augen, als er eine Computerfestplatte in die Kameras hält, jene Schaltstelle unserer Zivilisation, die dank seiner Forschung immer leistungskräftiger werden konnte.

Der Entdecker des Riesenmagnetowiderstands
Der Entdecker des Riesenmagnetowiderstands Bild: dpa

Da platzt plötzlich die Nachricht von einem zweiten deutschen Nobelpreisträger in die Runde. Frau Schavan springt auf, ist ganz aus dem Häuschen, lacht von einem Ohr zum anderen, und Grünberg gibt sich sportlich, gar nicht neidisch, dass nun ein zweiter in Berlin für den begehrten Preis gefeiert wird, Gerhard Ertl. Der Chemiker, hält sich zehn Kilometer entfernt in Dahlem auf, seiner akademischen Heimat. Dort hat er jene Katalysatoren erforscht, ohne die moderne Chemie nicht mehr auskommt. Katalysatoren sind die treibende Kraft, die unzählige Reaktionen in die gewünschte Richtung lenkt. Dabei helfen sie, Rohstoffe effizient zu nutzen und Energie zu sparen. Ertl ist ihr Meister.

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Katalyseforschung als „schwarze Kunst“

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Katalyseforschung als „schwarze Kunst“ galt. Das hat sich dank Wissenschaftlern wie Gerhard Ertl grundlegend gewandelt, die Katalyseforschung in eine exakte Wissenschaft übergeführt haben. „Für seine Studien von chemischen Verfahren auf festen Oberflächen“ wird der Physiker vom Fritz-Haber-Institut der Nobelpreis für Chemie zuerkannt.

Ertl begann sich bereits zu Anfang seiner Karriere - er habilitierte sich 1967 mit 31 Jahren - für das Verhalten einer Reihe von Gasen, darunter Wasserstoff und Stickstoff auf Metalloberflächen, zu interessieren. Für seine Studien nutzte er das Haber-Bosch-Verfahren, das seit 1910 zur Herstellung von Ammoniak und Kunstdünger genutzt wird. Um den einzelnen Reaktionsschritten, die bis dahin noch im Dunkeln lagen, auf die Spur zu kommen, verwendete er eine chemisch reine Eisenplatte, der er unter Vakuumbedingungen gezielt eine geringe Menge Stickstoff und Wasserstoffmoleküle zuführte. Akribisch untersuchte er die Konzentrationen von Stickstoff, Wasserstoff und von Ammoniak und konnte so die einzelnen Reaktionsschritte herausfinden.

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Später bediente er sich der Rastertunnelmikroskopie, mit der er die Reaktionspartner auf einer Oberfläche sichtbar machen konnte. So hat sich Ertl im Laufe seines Forscherlebens immer wieder verschiedene Verfahren zu nutze gemacht, die wichtigen Schritte verschiedener katalytischer Prozesse aufzuklären. Dabei hat er immer Rummel um seine Person gemieden, Doch am Mittwoch kann er sich ihm nicht entziehen - und findet zur Rolle seines Lebens.

„Hu is thät?“

Großes Theater in Berlin-Dahlem, Fritz-Haber-Institut, Abteilung Physikalische Chemie. Über dem klassizistischen Eingang steht, als wäre die Zeit stehen geblieben, „Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie“. Vorhang auf in Raum nullnullzwei. Im Lederdrehstuhl räkelt sich, in halber Horizontalen und drei Handbreit über dem Boden, der Hauptdarsteller. „Hu is thät?“ fragt Gerhard Ertl im routiniertesten Englisch und keine fünf Sekunden später ist der Anrufer aus Kanada abgewimmelt.

Wieder klingelt es: „Danke, aber ich mach es kurz, warte auf einen Anruf der Kanzlerin.“ Zehnmal, fünfzehnmal geht das so, die Kanzlerin lässt ihn warten. Dann wieder ein Anruf aus Schweden, der erste aus dem Sekretariat der Schwedischen Akademie hatte ihn eine Stunde vorher erreicht. Bis dahin nahm er für Geburtstagsglückwünsche ab, Ertl wird an diesem Tag obendrein 71 Jahre alt. Als dann der Anruf aus Schweden kam, wurde die Geburtstagstafel schnell vergrößert.

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„Ertlator“ auf dem Schreibtisch

Ertl beantwortet Fragen, eingekeilt von einem Dutzend Kameraleuten, bedrängt von Schreibern, Mitarbeitern, Bewunderern. Er aber bleibt völlig unberührt von dem kruden Gedränge, hakt die Anrufer ab. Im Drehstuhl lässt der Chemienobelpreisträger, der sich selbst als „eigentlich Physiker“ bezeichnet, seinem theatralischen Talent freien Lauf und führt zugleich Regie.

„Als die Kollegen anfingen, mich zu loben und mir zu sagen, damit hättest du den Nobelpreis verdient, wurde ich nachdenklich“, sagt er, „aber erst seit fünf oder sechs Jahren weiß ich, dass ich als Kandidat gehandelt werde.“ Was man über seine Autorität wissen muss, erfährt man am ehesten durch eine hölzerne Kunstmaschine gleich neben dem Schreibtisch: „Ertlator“ steht darauf und unter der Aufschrift vier Knöpfe: „Motivation“, „Cheffaktor grob“, „Cheffaktor fein“, „Finanzmittel“.

Ertl ist „seit ich denken kann“ am Fritz-Haber-Institut, hat alle lockenden Angebote abgelehnt: „Als Max-Planck-Forscher habe ich es hier besser, und überhaupt muss sich die deutsche Forschung im Ausland überhaupt nicht verstecken“. Ein Aushängeschild, wie man es sich nur wünschen kann. Im Turnen war er eine Niete in der Schule. Jetzt tanzt er in Richtung Garten, wo nicht nur eine Pressekonferenz stattfinden soll, sondern eine Berliner Nobelpreis-Feier. Im Preis-Regen, aber unter einer herrlichen Herbstsonne. Peter Grünberg sei unterwegs, heißt es.

Quelle: F.A.Z., 11.10.2007, Nr. 236 / Seite 39
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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