Fabiola Gianotti

Es geht immer noch elementarer

Von Manfred Lindinger
01.12.2014
, 17:00
Fabiola Gianotti am Cern vor dem Riesendetektor Atlas
An der Spitze der Teilchenphysik: Die italienenische Physikerin Fabiola Gianotti wird die nächste Chefin des europäischen Forschungszentrums Cern.
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Fabiola Gianottis große Stunde schlug am 4. Juli 2012 um 9 Uhr vormittags in einem überfüllten Hörsaal am europäischen Forschungszentrum Cern bei Genf. Damals verkündete die italienische Physikerin vor laufenden Kameras den anwesenden Kollegen freudestrahlend die größte Entdeckung in der Elementarteilchenphysik seit dem Nachweis der Quarks Anfang der siebziger Jahre. Im Teilchenbeschleuniger LHC („Large Hadron Coolider“) war der Nachweis des bis dahin nur vermuteten Higgs-Teilchens gelungen - jenes Elementarteilchens, das jeglicher Materie erst Masse verleiht.

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Die Reaktion auf diese lang ersehnte Nachricht war überwältigend, und die zierliche Italienerin, die eine der Arbeitsgruppen des ambitionierten Forschungsprojekts am Cern leitete, stand im Rampenlicht. Der Auftritt hat die Redaktion des „Time-Magazin“ offenkundig so beeindruckt, dass sie Gianotti prompt als eine der fünf wichtigsten Frauen des Jahres 2012 wählte. Das Wirtschaftsmagazin Forbes fand 2013 gar, sie sei eine der hundert mächtigsten Frauen der Welt. Vielleicht hat Gianotti schon damals geahnt, dass sie eines Tages die Geschicke des größten Forschungslabors der Welt würde lenken dürfen, als erste weibliche Generaldirektorin.

Die kommenden Herausforderungen

Fünfzehn Generaldirektoren hat das europäische Forschungslabor in seiner nunmehr 60-jährigen Geschichte erlebt. Darunter waren mit Herwig Schopper (1981 bis 1988) und dem seit 2009 amtierenden Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer auch zwei deutsche Wissenschaftler. Gianotti, die am 1. Januar 2016 die Nachfolge Heuers antritt, traut man den Chefsessel wegen ihrer Expertise als Teilchenphysikerin und ihrer Verbundenheit mit Cern zu, aber wohl auch wegen ihrer Vorstellungen, was die Zukunft des Forschungslabors betrifft. Offiziell hat sich Gianotti noch nicht geäußert, welche Pläne sie als Generaldirektorin konkret verfolgen wird. Das will sie erst nach der Sitzung des Cern-Rats Mitte Dezember tun, wenn sie „offiziell“ zur kommenden Generaldirektorin ernannt worden ist - was reine Formsache sein dürfte.

4. Juli 2012:  Fiabola Gianotti präsentiert  im Hörsaal des Cern die Ergebnisse des Altas-Experiments .
4. Juli 2012: Fiabola Gianotti präsentiert im Hörsaal des Cern die Ergebnisse des Altas-Experiments . Bild: Cern

Die größte Herausforderung ihrer Amtszeit wird es wohl sein, die richtigen Weichen zu stellen, damit Cern auch weiterhin seine wissenschaftliche Führungsrolle in der Teilchenphysik behält. Zwar wird der Large Hadron Collider, der im kommenden Jahr nach einer längeren Umbaupause mit doppelter Leistung den Betrieb wiederaufnimmt, voraussichtlich noch mindestens zwanzig Jahre lang laufen und Daten liefern. Aber schon jetzt schmiedet man Pläne für eine noch leistungsfähigere Maschine, die noch tiefer in die Struktur der Materie vordringen kann als der LHC. Doch dafür braucht es noch mehr internationale Expertise und natürlich das nötige Geld. Der Cern-Organisation gehören bereits 21 europäische und nichteuropäische Länder an, die dem Forschungszentrum jedes Jahr 900 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung, Infrastruktur und Ausbildung zur Verfügung stellen. Man will künftig vor allem Indien, Japan und die Vereinigten Staaten, die sich bereits beim LHC engagieren, stärker an sich binden.

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Expertin, Kommunikatorin und Vorbild

Nur wenige kennen die „Parallelwelt“ im Niemandsland zwischen der Schweiz und Frankreich so gut wie die 52 Jahre alte gebürtige Römerin. Dreitausend Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler beschäftigt Cern für die zahlreichen Beschleunigeranlagen und laufenden Experimente. Rund zehntausend Wissenschaftler aus 85 Ländern pilgern regelmäßig für ihre Forschungsarbeiten zum Cern. So wie Gianotti erstmals 1987 als junge Doktorandin von der Universität Mailand. Die Arbeit an einem Großexperiment in großen Forschergruppen und die vielbeschworene offene internationale Atmosphäre in Genf haben ihr offenkundig so gut gefallen, dass Cern schließlich ihre wissenschaftliche Heimat wurde. Ein Grund war sicher auch der Umstand, dass Italiens Universitäten zwar im europäischen Vergleich die meisten Physikerinnen hervorbringen, ihnen aber keine langfristige berufliche Perspektive bieten können.

Glückliche Gesichter: Fabiola Gianotti, Sprecherin des Atlas Experiments und Joe Incandela, vom CMS Experiment mit Blick auf die Forschungsergebnisse, die sie am Mittwoch der Weltöffentlichkeit vorstellten.
Glückliche Gesichter: Fabiola Gianotti, Sprecherin des Atlas Experiments und Joe Incandela, vom CMS Experiment mit Blick auf die Forschungsergebnisse, die sie am Mittwoch der Weltöffentlichkeit vorstellten. Bild: dapd

Seit 1994 ist Gianotti am Cern fest angestellt - ein Privileg, denn die meisten der dreihundert Physiker, deren Arbeitgeber das Forschungszentrum ist, haben nur befristete Stellen. Zwanzig Jahre gehörte sie zur Atlas-Kollaboration, zu jenen Wissenschaftlern, die den größten Teilchendetektor zum Nachweis des Higgs-Teilchens gebaut haben.Von 2009 bis 2013 war Gianotti die Leiterin der Arbeitsgruppe - in einer Zeit also, als die Experimente zum Nachweis des Higgs ihrem Höhepunkt zustrebten.

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Gianotti, Autorin von fünfhundert wissenschaftlichen Artikeln, gilt als exzellente Physikerin und harte Arbeiterin. Dabei hat sie sich zu Beginn ihres Studiums an der Universität Mailand vor allem mit Geschichte, Philosophie und Sprachen beschäftigt. Ihr Interesse für Physik kam erst mit ihrer Suche nach den Antworten auf die großen Fragen, wie sie in einem Interview erklärte. Ein Auslöser war die Entdeckung der elementaren W- und Z-Bosonen am Cern in den siebziger Jahren, die zur Vereinheitlichung von zwei der vier Naturkräfte geführt hat.

Das kommende Jahr will die Physikerin dazu nutzen, von ihrem Vorgänger und seinem Mitarbeiterstab zu lernen, wie man ein so großes Forschungslabor wie Cern lenkt. Gianotti wird sich bewusst sein, dass sie als künftige Cern-Chefin auch Vorbild für junge aufstrebende Forscherinnen ist. Denn noch immer sind Physikerinnen und Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen eher selten. Gianotti bekommt, wie sie sagt, reichlich E-Mails von jungen Studentinnen. Zurückblickend auf ihr Leben, hat die Italienerin für alle dieselbe Botschaft: „Gib niemals deinen Traum auf, du könntest es für den Rest deines Lebens bereuen.“

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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