Walther Gerlach

Der Reichsmarschall für Kernphysik

Von Ulf von Rauchhaupt
08.02.2022
, 09:08
Walther Gerlach mit Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker
Ein Physiker im Dritten Reich und danach: Walther Gerlach oder die eigentümliche Karriere eines deutschen Professors
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Nachdem Gerlach den Raum verlassen hatte, ging er sofort in sein Schlafzimmer, wo man ihn schluchzen hörte. Von Laue und Harteck gingen nach oben, um nach ihm zu sehen, und versuchten, ihn zu trösten. Er schien sich in der Lage eines besiegten Generals zu sehen, dem nur noch die Wahl bleibe, sich zu erschießen. Zum Glück hatte er keine Waffe.“

Dies geschah am 6. August 1945 auf dem Landsitz Farm Hall in Cambridg­e­shire, wo Walther Gerlach zusammen mit neun anderen deutschen Physikern interniert war. Bis auf einen, Max von Laue, hatten sie alle mit Bemühungen zu tun gehabt, die 1938 von Otto Hahn und seinen Mitarbeitern entdeckte Kernspaltung für das Dritte Reich nutzbar zu machen. Geschildert wird obige Szene von dem britischen Offizier, der nicht nur die Bewachung der Forscher leitete, sondern auch das Abhören ihrer Gespräche – natürlich ohne deren Wissen.

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Zusammenbruch in Farm Hall

Am 6. August nun hatten die amerikanischen Streitkräfte ihre erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen. Unter den Reaktionen der Internierten auf die Nachricht sticht die Gerlachs besonders heraus, und sie wird etwas verständlicher durch einen Wortwechsel mit Otto Hahn, der zu Gerlach ging, nachdem dieser Max von Laue und Paul Harteck weggeschickt hatte: „Sind Sie außer sich, weil wir die Uranbombe nicht gebaut haben?“, fragte Hahn. „Ich danke Gott auf den Knien, dass wir keine Uranbombe gebaut haben. Oder sind Sie deprimiert, weil die Amerikaner besser waren?“ Darauf Gerlach nur: „Ja“.

Nun war Walther Gerlach (1889 bis 1979) kein Nazi. Als die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) im Januar anlässlich des bevorstehenden 100. Jahrestages des Stern-Gerlach-Versuchs ein historisches Symposium über Gerlach abhielt, waren sich die Referenten in diesem Punkt einig. Er war nie Parteigenosse gewesen, „nicht einmal Parteigänger“, so der Berliner Physikhistoriker Dieter Hoffmann, der 1993 die Abhörprotokolle aus Farm Hall auf Deutsch herausgegeben hat. Im Gegenteil. Mit den Vertretern der „Deutschen Physik“, die etwa Einsteins Relativitätstheorie als „talmudistisch“ bekämpften, stand Gerlach in scharfer Auseinandersetzung. Seit 1929 Lehrstuhlinhaber in München, protestierte er gegen Bücherverbrennungen oder Umtriebe der nationalsozialistisch organisierten Studentenschaft und sah sich selbst Anfeindungen ausgesetzt bis hin zu einem Vorlesungs- und Prüfungsverbot im Wintersemester 1933/34. Antisemitische Äußerungen gibt es von Gerlach „keine Silbe“, so der Freiburger Historiker Ulrich Herbert. Stattdessen schützte er zum Beispiel seine jüdische Studentin Gertrude Scharff und setzte noch 1935 ihre Promotion durch.

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Höchster Einsatz für das Uranprogramm

Und doch war es dieser Mann, der von 1940 an all seine Energie, Fachkompetenz und sein enormes Organisationstalent an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Industrie in den Dienst des Hitlerregimes und seines Krieges stellte. Zunächst half er der Reichsmarine bei der Lösung der „Torpedokrise“ – horrenden Raten an Fehlschüssen, die während des deutschen Überfalls auf Norwegen aufgetreten waren. Das qualifizierte Gerlach für die Position des wohl einflussreichsten Naturwissenschaftlers im NS-Staat, zum „Reichsmarschall für Kernphysik“, wie Samuel Goudsmit Gerlach einmal titulierte, der Leiter jener alliierten Geheimmission, in deren Rahmen auch die Internierung in Farm Hall gehörte. Im Oktober 1943 wurde Gerlach Leiter der Physiksparte des Reichsforschungsrats. Göring ernannte ihn zudem zum „Bevollmächtigten des Reichsmarschalls für Kernphysik“ und damit zum Leiter des deutschen Uranprogramms. Dabei war Gerlach selbst gar kein Kernphysiker. Aber er war stark an Anwendungsfragen interessiert und obendrein bestens mit der Industrie vernetzt.

Das deutsche Uranprogramm zielte, wie man heute weiß, statt auf die Bombe in erster Linie auf die Realisierung einer kontrollierten Kettenreaktion in einem Reaktor, und Gerlach widmete sich der „Uransache“ mit maximalem Engagement. Das Motiv dahinter lassen auch die Farm-Hall-Protokolle nur erahnen, es dürfte aber mit einem Nationalismus zu tun haben, der Deutschland auch nach der Niederlage die Führungsposition in der Kernspaltung bewahren wollte. Andere Internierte in Farm Hall könnte Ähnliches angetrieben haben – auch wenn sie ihre Tätigkeit später als Maßnahme verbrämten, möglichst viele Mitarbeiter vor der Einberufung zu schützen oder gar, wie Carl Friedrich von Weizsäcker vorgab, um Hitler die Bombe gerade vorzuenthalten. Gerlachs Zusammenbruch am Tag von Hiroshima ist vielleicht der klarste Hinweis auf dieses Motiv: eine uns heute nur noch schwer verständliche Art nationalen Denkens auch von Leuten, die keine oder zumindest keine glühenden Nazis gewesen waren.

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Ex-Rüstungsforscher gegen den Atomtod

Dieses Denken hatte bei Gerlach und anderen aber noch eine besondere Wurzel: eine Universitätswelt, die sich, jedenfalls bis 1933, zugutehalten konnte, das Fundament der weltweit erfolgreichsten Wissenschaftsnation zu sein. „Nationalismus galt nicht als politische Position, sondern als selbstverständliche Haltung eines deutschen Ordinarius“, sagte Ulrich Herbert in seinem Vortrag bei der DPG.

Das Besondere an Walther Gerlach ist aber eine eigentümliche Wandlung nach 1945. Dass er sich weigerte, Antisemiten und Hitlerverehrern unter seinen Kollegen Persilscheine auszustellen, mag man noch als konsistente Anknüpfung an sein Verhalten vor 1939 interpretieren. Aber er fand sich auch nicht dazu bereit, der alten Unterordnung nun einfach eine neue folgen zu lassen. Und das, obwohl er zugleich seine Rolle als Wissenschaftsorganisator mit Verve wieder aufnahm – nun als Rektor der Universität München, als Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie in anderen Ämtern und Rollen mehr.

Denn Walther Gerlach mutierte in der Nachkriegszeit zu einem öffentlichen Intellektuellen, der eine entschieden staats-, zweck- und wirtschaftsferne Wissenschaft propagierte. Schon früh im Kalten Krieg forderte er ein Verbot von Kernwaffentests, unterschrieb 1957 die Göttinger Erklärung gegen eine nukleare Bewaffnung der Bundeswehr und engagierte sich in der Pugwash-Bewegung. Aber er wurde auch zu einem frühen Kritiker der Strukturen seines eigenen Standes und einer Ordinarienuniversität, in der Mittelbau und Studentenschaft in starker Abhängigkeit von den fast allmächtigen Lehrstuhlinhabern gehalten wurden. Ein Lernprozess? Vielleicht. Ein letztlich doch auch wieder zwiespältiges Gespür dafür, was die Stunde jeweils geschlagen hat? Vielleicht auch. In jedem Fall aber ein Bruch, wie er so vielen Biographien im Deutschland des 20. Jahrhunderts eigen war – auch wenn er in Walther Gerlachs Fall besonders gut verheilte.

Literatur: Dieter Hoffmann, „Operation Epsilon. Die Farm-Hall-Protokolle oder Die Angst der Alliierten vor der deutschen Atombombe“, Rowohlt Verlag 1993 (Eine erweiterte Ausgabe ist für 2022 in Vorbereitung).

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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