Begründer der modernen Medizin

Woraus besteht der Mensch?

Von Johanna Kuroczik
12.10.2021
, 17:00
Pathologe und Verfechter der Demokratie: Rudolf Virchow
Rudolf Virchow formte die moderne Medizin, doch wie sein Schaffen bis heute unsere Vorstellung von Wissenschaft prägt, ist auch 200 Jahre nach seiner Geburt wenigen bewusst.

Aus Japan, Amerika, Russland und ganz Europa strömte die Elite aus Medizin und Forschung im Herbst 1901 nach Berlin, um „dem großen Pathologen ihre Kränze zu Füßen zu legen“. Mehrere Tage dauerten die Feierlichkeiten zu Rudolf Virchows 80. Geburtstag am 13. Oktober: Ein überwältigendes, nie zu vergessendes Schauspiel mit Hunderten Gästen, voller Glamour und Glitzer, Impressionen wie aus einem Kaleidoskop, so beschreibt es Sir Felix Semon später im „British Medical Journal“. Sogar in fernen Ländern richteten Mediziner Geburtstagsfeiern aus. „Wie viel muss dieser Mann geleistet haben“, schreibt Semon, „damit sich die ganze Welt vereinigt hat, um ihm Ehre zu erweisen!“

Die in der Tat große Leistung Rudolf Virchows besteht darin, dass er wichtige Weichen für die moderne Medizin stellte. Bis heute, 200 Jahre nach seiner Geburt, ist Virchow an der Berliner Charité, seiner medizinischen Heimat, omnipräsent. Kliniken, Institute und Museen bezeichnen sein Erbe. Dass sein Schaffen nach wie vor auch auf subtilere Weise wirkt, darüber sind sich Ärzte und Wissenschaftler selten bewusst – wie Virchow ihren Alltag und ihr Selbstverständnis als Naturwissenschaftler prägt. Virchow war im Grunde der Prototyp des modernen Forschers.

Noch im 19. Jahrhundert herrschten in Deutschland im gesundheitlichen Sinne düstere Zeiten, die Menschen starben an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Typhus oder Cholera. Wer es sich leisten konnte, ließ sich daheim behandeln. Nur arme Menschen suchten ein Krankenhaus auf, und, wenn überhaupt, besserte sich ihr Zustand nur durch Ruhe und Pflege. Die Ärzte waren keine große Hilfe. Sie folgten treu den Lehren der Humoralpathologie, der Viersäftelehre, erdacht von Hippokrates im antiken Griechenland. Dieser zufolge rühren alle Krankheiten von „Dyskrasien“, Ungleichgewichten der Körperflüssigkeiten, und es galt Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle entsprechend auszugleichen: Mediziner ließen Kranken deshalb literweise Blut ab und verteilten Brechmittel. Davon hielt Virchow wenig: „Man war mit seinen Heilerfolgen umso vollständiger zufrieden, als die von Laien und Gelehrten in schönster Eintracht geglaubte und gepredigte Humoraltheorie auch die Misserfolge leicht erklärlich machte.“

Vom Ursprung der menschlichen Zelle

Als Virchow 1849 den jüngst geschaffenen Lehrstuhl für Pathologie an der Universität Würzburg antrat, war er noch überzeugt, dass Zellen aus einer „amorphen“ Masse entstünden. In den sieben fruchtbaren Jahren bis zu seiner Rückkehr an die Charité 1856 widmete er sich der Erforschung von Zellen. Er gründete seine Studien auf Pathologie und Anatomie, experimentierte an Tieren und sezierte Leichen. Das wissenschaftliche Mikroskopieren beherrschte er meisterhaft, sodass sich Knochen, Knorpel und Blut genau in Augenschein nehmen ließen: „Unter dem Mikroskop des Biologen löst sich alles Lebende in kleine Elemente auf.“ Im Jahr 1855 erschien sein revolutionäres Werk „Die Cellular-Pathologie“. Zwar war Virchow nicht der Erste, der meinte, das Zellen von anderen Zellen abstammten, doch er bündelte und vervollständigte das Wissen: Jede Zelle stammt aus einer Zelle, und jeder Mensch besteht aus einem Zellenstaat, bei dem die Zellen unterschiedlich begabt, aber gleichwertig sind, so bringt er es auf den Punkt. „Die Zelle als letztes wirkendes Element des lebenden Körpers“ sei auch der Ursprung von Krankheiten. „Wissenschaft marschiert in Kohorten“, erklärt Historiker Constantin Goschler, der sich in seinem Buch „Rudolf Virchow: Mediziner, Anthropologe, Politiker“ damit auseinandersetzt. „In dieser Zeit hat man erst verstanden, was Krankheiten sind, und Virchow spielte dabei eine Schlüsselrolle.“

Seine „Cellular-Pathologie“ ist eine Sammlung von stenografierten Vorlesungen, Virchow beschreibt Zellstrukturen darin überraschend detailliert, etwa Membran und Cytoplasma oder den Zellkern, von dem der Pathologe annahm, dass es sich um das Zentrum der Tätigkeit handelte. Er ahnte, dass in der Zelle einiges vorgehen muss, sprach schon von „molekulären Veränderungen der Materie“, doch konnte man dies mit den damaligen Mikroskopen nicht nachweisen.

Zur Entdeckung der Leukämie

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Virchow bereits einen Namen gemacht als Entdecker der „Leukämie“. Unter dem Mikro­skop hatte er beobachtet, dass sich bei Kranken übermäßig viele weiße Zellen im Blut ansammelten, die er Leukocyten nannte. Neue Namen seien angesichts der rasch fortschreitenden Forschung nicht zu vermeiden, befand Virchow: „Je vollkommener die Kenntnisse des feineren Geschehens der Lebensvorgänge wird, umso mehr müssen sich auch die neueren Bezeichnungen an diese feineren Grundlagen der Erkenntnisse anschließen.“ Die von ihm erdachten Bezeichnungen sind heute so tief in der medizinischen Fachsprache verwurzelt, dass sich Ärzte des Erbes Virchows meist gar nicht bewusst sind. Darunter beispielsweise das „Myom“ in der Frauenheilkunde, das gutartige Tumore aus Muskelzellen beschreibt, die sich in der Wand des Uterus bilden.

Schon 1846, da war er knapp 25, entdeckte – und benannte – Virchow eine Erkrankung, die mit seinem Namen seither verbunden ist: die Lungenembolie. Dabei lösen sich Blutklümpchen, die sich innerhalb von Gefäßen bilden, meist in einer tiefen Beinvene, und werden über das Herz in die feinen Arterien der Lunge gespült und verstopfen diese. Dies beobachtete Virchow an Leichen und in Tierversuchen. Die drei Umstände, die zur Thrombose führen, bezeichnet man ihm zu Ehren als „Virchowsche Trias“: Die Gefäßwand ist geschädigt, das Blut strömt langsamer oder schneller, und die Zusammensetzung der Zellen im Blut ist verändert. Selbst in der Fernsehserie „Charité“ tritt der Charakter Virchows so in Erscheinung: Er zeigt seinen Studenten im Sektionssaal einen Thrombus aus den Lungengefäßen des Verstorbenen.

Auch in der ARD-Serie „Charité“ wird Rudolf Virchows Leidenschaft zur akribischen Dokumentation gezeigt: In seinem Leben legte er mehr als 23.000 Präparate an - von Organen, Knochen oder auch Föten.
Auch in der ARD-Serie „Charité“ wird Rudolf Virchows Leidenschaft zur akribischen Dokumentation gezeigt: In seinem Leben legte er mehr als 23.000 Präparate an - von Organen, Knochen oder auch Föten. Bild: ARD/Nik Konietzny

Denn Virchow war keinesfalls ein misanthropischer Forscher, der die Öffentlichkeit scheute und sich im Leichensaal versteckte. Der medizinischen Lehre, auch für normale Bürger, maß er enorme Wichtigkeit bei. Seine „Cellular-Pathologie“ wurde rasch zum Bestseller, der Verfasser selbst zum „Star“, wie es Goschler ausdrückt. Innerhalb von wenigen Jahren wurde das Werk in fünf Sprachen übersetzt. Aber nicht alle waren begeistert.Theodor Billroth, der berühmte Chirurg, auf den eine Operationstechnik zur Magenresektion zurückgeht, zweifelte nicht an Virchows Zellularpathologie, doch monierte: „Die lokalen morphologischen Vorgänge haben ihn völlig dumm gemacht für die Auffassung allgemeiner Krankheitsprozesse; er löst alles in Lokal-Pathologie auf.“ Was solle der Arzt mit diesen Anschauungen! Wie falsch Billroth lag, denn für die Chirurgie brachte Virchows Forschung die Erkenntnis, dass ein Krebsgeschwür auf veränderte Zellen zurückgeht und bis ins gesunde Gewebe herausgeschnitten werden muss. Virchow beklagte seinerseits, wie schnittfaul die Chirurgen diesbezüglich geworden waren. „Die gesamte Diagnostik, dass wir also eine Krebserkrankung erkennen und klar definiert ist, was eine entartete Zelle ist, geht letztlich auf Virchows Zellularpathologie zurück“, erklärt der Gynäkologe Matthias David, geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Gynäkologie am Campus Virchow-Klinikum der Charité, er gibt das Buch „Rudolf Virchow und die Medizin des 20. Jahrhunderts“ heraus.

Den Kritikern der „Cellular-Pathologie“ entgegnete Virchow: „Das Buch wird seinen Zweck erfüllt haben, wenn es Propaganda, nicht für die Cellularpathologie, sondern nur überhaupt für unabhängiges Denken und Forschen in großen Kreisen machen hilft.“ Er strebte eine evidenzbasierte Medizin an, in Zeiten, als diese noch der Philosophie zugerechnet wurde. Zuerst die Beobachtungen und dann der Versuch, dann das Denken ohne Autorität, die Prüfung ohne Vorurteil, das war sein Ansatz, deshalb beklagte Virchow, dass Sektionsberichte oder Krankengeschichten nicht notiert würden, es keine mikroskopischen Untersuchungen gebe. Er setzte sich für eine Medizin ein, die auf wissenschaftlichen Belegen beruht, die er etwa im Fall des von Robert Koch entwickelten Tuberkulose-Mittels vermisste. Dass es die Krankheit sogar verschlimmerte, konnte Virchow später anhand von Obduktionen zeigen.

Rudolf Virchow mit seiner berühmten Skelett-Sammlung. Damals war die Anthropologie noch eine Laien-Disziplin.
Rudolf Virchow mit seiner berühmten Skelett-Sammlung. Damals war die Anthropologie noch eine Laien-Disziplin. Bild: akg-images

„Es ist eine Zeit, in der das moderne Rollenbild des Naturwissenschaftlers entsteht“, erklärt Goschler. Und Virchow war ein Meister darin. Schon als junger Arzt gründete er Fachzeitschriften, veröffentlichte zahlreiche Fachaufsätze, reiste und knüpfte Kontakte zu anderen Forschern. „Er war auch wahnsinnig aktiv im Bereich der Wissenschaftspopularisierung.“ Virchow initiierte die Gründung mehrerer Museen, etwa eins für Trachten in Berlin, und prägte nebenbei noch einen anderen Wissenschaftszweig: die Anthropologie, damals eher eine Laiendisziplin. Er vermaß Tausende Skelette, Schädel und quicklebendige Schulkinder – und widersprach dem aufkommenden Rassismus, der eine vermeintlich biologische Überlegenheit der Germanen rühmte. Herzensprojekt Virchows war das Pathologische Museum, heute das Medizinhistorische Museum, dass er 1899 auf dem Gelände der Charité eröffnete, um seine Sammlung der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Mehr als 23.000 Präparate hat er in seiner Laufbahn angelegt, von Knochen und Organen, missgebildeten Schädeln und Föten. Für manche Besucher nur ein Gruselkabinett, doch nicht für Rudolf Virchow. Es war das tiefe Interesse am Menschen an sich, das ihn zeit seines Lebens antrieb.

Biographisches

Rudolf Ludwig Carl Virchow wird am 13. Oktober 1821 in Schivelbein/Pommern (heute Świdwin, Polen) geboren. Er wächst als wissbegieriges Einzelkind auf, das erst eine Dorfschule und von 1835 an das Gymnasium im rund 55 Kilometer entfernten Köslin besucht. „Ein Leben voll Arbeit und Mühe ist keine Last, sondern eine Wohltat“ ist 1839 Thema seiner Arbeit zur Reifeprüfung – wirkt wie ein Lebensmotto.

Das Medizinstudium tritt Virchow im Oktober 1839 an der Pépinière in Berlin an, der militärärztlichen Akademie. Er wird im April 1843 Unterarzt an der Charité, wo er fortan auch wohnt, und promoviert bei Johannes Müller über die „Hornhaut des Menschen und ihr Rheuma“. Von 1844 bis 1846 assistiert Virchow dem Prosektor Robert Froriep, dessen Nachfolge er dann bis 1849 übernimmt, und 1847 habilitiert er sich mit „De osseficatione pathologica“.

Das Jahr 1848 beeinflusst Virchows Karriere und Leben in vielfacher Hinsicht: Im Auftrag der Regierung reist er im Februar nach Oberschlesien, um eine Fleckfieber-Epidemie zu untersuchen; im Bericht klingt bereits sein Konzept einer Sozialmedizin an. Im Juni bringt er erstmals seine Zeitschrift für „Medicinische Reform“ heraus, die nach einem Jahr wieder eingestellt wird. Während der Märzrevolution ist er an Straßenkämpfen aufseiten der aufständischen Demokraten beteiligt und nimmt Ende Oktober an deren Kongress in Berlin teil. Seine „agitatorischen Wahlumtriebe“ kosten ihn die freie Unterkunft und in gewisser Weise auch den Job, der angedrohten Amtsenthebung kommt er jedoch zuvor.

Einem Ruf nach Würzburg folgt Virchow deshalb 1849 und heiratet im August 1850 Rose Mayer, die elf Jahre jüngere Tochter eines Berliner Kollegen, mit der er sechs Kinder großzieht. Als Ordinarius für pathologische Anatomie entwickelt er hier an der Universität die Grundlage für sein berühmtes Werk zur Zellularpathologie und untersucht in „Die Noth im Spessart“ die sozialen Aspekte von Gesundheit. 1852 nimmt ihn die Leopoldina auf.

Zurück nach Berlin zieht es Virchow mitsamt Familie 1856. Er nimmt eine eigens geschaffene Professur an, die ihm ein neues Institut für Pathologie beschert, beginnt den Aufbau seiner Sammlung und ist mehrmals Dekan der Medizinischen Fakultät, später auch Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute HU). Nebenbei gründet er 1866 die „Zeitschrift für Ethnologie“, 1869 die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie (. . .) und später das Völkerkundemuseum in Berlin; 1879 reist er mit dem befreundeten Heinrich Schliemann zur Troja-Grabung und im „Dreikaiserjahr“1888 nach Ägypten.

In den Preußischen Landtag wird Virchow 1862 gewählt, schon seit 1859 (bis zu seinem Tod) gehört er der Berliner Stadtverordnetenversammlung an und ist einer der Gründer der Fortschrittspartei, für die und für deren Nachfolgepartei er von 1880 bis 93 dann auch im Deutschen Reichstag sitzt. Dass Berlin als eine der ersten Städte Europas eine Kanalisation erhält, geht auf sein Engagement für die öffentliche Gesundheitspflege zurück. 1891 wird er 70 – und an seinem Geburtstag zum Ehrenbürger Berlins erklärt.

Seinem Tod am 5. September 1902 ging ein Unfall voraus: Im Januar 1902 stürzte Virchow beim Verlassen der Straßenbahn auf dem Weg zu einer Sitzung und zog sich dabei einen Oberschenkelhalsbruch zu. Seine Grabstätte auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg liegt übrigens in Nähe von den Gräbern der Brüder Grimm.

sks

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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