Pariser Klimaziele erreichbar?

Die Grenzen der Plausibilität

Von Joachim Müller-Jung
20.06.2021
, 12:29
Natürliche Kohlenstoffspeicher wie der (wachsende) Urwald in  Costa Rica sind notwendiger, aber nicht  hinreichender Bestandteil weltumspannender  Klimapläne.
Wie viel Realitätssinn steckt noch in den Klimazielen von Paris? Von Jahr zu Jahr schließt sich das Fenster immer schneller. Bei vielen Forschern wächst der Zweifel: Ist die Aufgabe zu groß?
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In Kürze wird der Weltklimarat IPCC Teil eins seines Sechsten Sachstandsberichts zum Klimawandel öffentlich machen. Ein wissenschaftliches Spektakel. Zu den höflichen Ritualen dieser Präsentation gehört es, die bisher als stets unzureichend befundenen Klimapolitiken der fast zweihundert UN-Staaten mit viel Zahlenmaterial zu dokumentieren und dabei doch ein allenfalls laues Lüftchen klimapolitischer Fundamentalkritik aufkommen zu lassen. Der Sturm kommt sowieso. Unbedingt zu verhindern gilt für die Klimaspezialisten dabei ein am ehesten vielleicht von Fridays for Future vermittelter Eindruck: den der Ausweglosigkeit. Weswegen der Klimarat auch alles tut, um anzudeuten, dass das Glas des globalen Weltklima-Managements nicht etwa schon halb leer, sondern immer noch halb voll ist – Einsicht und Umkehr seien immer noch möglich.

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Eine gefährliche Verzerrung? Geowissenschaftlich gesehen spiegelt sich der Schaufensteroptimismus der Experten durchaus in der Bilanz der 33 Jahre IPCC: die Interpretationen des Klimawandels waren tendenziell eher zu optimistisch. Die Kurve der Erwärmung bewegt sich faktisch am oberen Ende der bisherigen Projektionen. Gleichzeitig versuchen die Experten alles, die Szenarien möglicher Klimazukünfte von Mal zu Mal besser in ihren Modellen abzubilden.

Allein für den 1,5-Grad-Spezialreport des IPCC, der sich mit der Erfüllung der Pariser Zielmarken beschäftigte, wurden 414 unterschiedliche Emissionsszenarien modelliert. Heißt: Für die Suche nach Wegen, eine Erderwärmung über 1,5 Grad über dem vorindustriellen Level zu verhindern, war eine gewaltige Rechenzeit investiert worden. Von diesen vielen möglichen Emissionsszenarien waren fünfzig mit dem 1,5-Grad-Ziel insofern vereinbar, als dass man in den nächsten Jahrzehnten tatsächlich unterhalb oder nur kurzzeitig oberhalb des ökologisch wie klimatisch kritischen Schwellenwerts bleibt. Die Antwort des IPCC lautete also: Es ist machbar.

Sterbende Wälder konterkarieren dagegen eindeutig den Klimaschutz.
Sterbende Wälder konterkarieren dagegen eindeutig den Klimaschutz. Bild: IMAGO

Doch wie realistisch und glaubwürdig ist diese angekündigte Machbarkeit im gesellschaftlichen Kontext? Und zu welchem Preis? Mit der Frage beschäftigen sich nun im Vorfeld des Sechsten Sachstandsberichts offenbar viele Klimaforschungsteams – durchaus selbstkritisch, denn unter den beteiligten Autoren finden sich fast zwangsläufig auch einige, die mehr oder weniger prominent am IPCC-Prozess beteiligt waren. Johan Rockström etwa, der mit dem Briten Tim Lenton und dem Emissionsspezialisten Nebojsa Nakicenovic vom International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) an einer Arbeit der Potsdamer Klimaforscherin Lila War­szawski in den Environmental Research Letters beteiligt war.

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Die Gruppe hat die IPCC-Szenarien danach abgeklopft, inwieweit sie technisch, politisch und industriell in den kommenden Jahrzehnten zu verwirklichen sind. Fazit: Das Zeitfenster realisierbarer Klimaschutzoptionen schließt sich rasend schnell. Inzwischen sind es offenbar nur noch zwanzig Szenarien, die aber auch allesamt mindestens einen „herausfordernden Hebel“ enthalten. Mit anderen Worten: Das Risiko, die 1,5 Grad zu überschreiten, ist inzwischen sehr hoch. Aufforstung, Landnutzungsänderungen, die Reduzierung der Energienachfrage, der Umstieg auf fossilfreie Energiequellen, gezielte Maßnahmen zum Entzug von Kohlendioxid aus der Luft – all das sind einzelne, in unterschiedlichen Szenarien mehr oder weniger brauchbare „Hebel“ für den Klimaschutz.

Besonders wenig brauchbar sind dabei Hebel, die in den Augen der Forscher als „spekulativ“ gelten. Dazu gehören nach dieser Analyse vor allem auch jene Szenarien, die von großen Potentialen der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung ausgehen. Die Idee, Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entfernen und damit langfristig zu „neutralisieren“, gehört allerdings nach dem Dafürhalten anderer Forschergruppen zu den am meisten unterschätzten – und vielleicht sogar einzig kontrollierbaren – Möglichkeiten, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Solche „negativen Emissionen“ nehmen in der Klimadebatte tatsächlich einen immer breiteren Raum ein. Sabine Fuss vom Berliner Mercator Research Institute MCC und ihr Kollege Matthias Kalkuhl etwa plädieren dafür, die „eklatante Innovationslücke“ in diesem Bereich zu schließen. Inwiefern Kohlendioxid im großen Maßstab in industrielle Produkte wie Kunst- und Kraftstoffe oder Chemikalien zu verwandeln ist, sei noch gar nicht ernsthaft eruiert worden.

Politisch verordnete Klimaneutralität bis zur Jahrhundertmitte hin oder her – bis zum Jahr 2100 gelte es, „nicht oder kaum zu vermeidende Kohlendioxid-Restemissionen von mindestens 100 Milliarden Tonnen weltweit“ wieder zu entsorgen. Mit Aufforstungen allein sei das nicht leistbar, so Fuss, „dazu braucht es ein breites Portfolio an negativen Emissionen“. Weil aber die Politik diese Optionen nicht auf dem Schirm hat, weil weder Haftungsfragen geklärt noch Umweltauswirkungen oder die Entlohnung negativer Emissionen ernsthaft überlegt werden, stützt das Fazit der beiden MCC-Forscher die These der Potsdamer Kollegen: mit der aktuellen Klimapolitik unrealistisch.

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Noch viel grundsätzlicher hat der Hamburger Exzellenzcluster „Climate, Climate Change and Society“ die klimapolitische Praxis auf den Prüfstand gestellt. An die vierzig Forscher, darunter ebenso Sozialwissenschaftler, Ökonomen und Rechtswissenschaftler wie Klimaforscher um den IPCC-Autoren Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie, haben nach der lebensweltlichen „Plausibilität“ einer vollständigen Dekarbonisierung der Welt und damit einer radikalen Umstellung auf erneuerbare Energien bis 2050 gefragt – eine der zur Erreichung von Klimaneutralität wichtigsten Zielmarken für eine globale Klimaneu­tralität. Zehn unterschiedliche politische wie ökonomische und technische „Treiber“ haben sie genauer untersucht, die für die Realisierung dieses Ziels wesentlich sind — etwa die Einigkeit der großen Klimapolitik, nationale Klimagesetze oder gesellschaftliche Strömungen, das Umsteuern von Investitionen oder eben auch die Umsteuerung auf Kohlendioxid-Nutzungstechniken. Resümee in dem mehr als hundertseitigen Bericht: „Der gesellschaftliche Wandel müsste erheblich ehrgeiziger als bisher ausfallen.“ Die Kraft der Transformation, die von der Politik und den Gesellschaften ausgehen müsste, reicht bisher noch nicht aus, die Pariser Ziele zu erreichen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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