Stadtökologie

Bäumchen, wechsle dich

Von Andreas Frey
01.07.2016
, 23:06
Der Orkan Ela wütete vor zwei Jahren in Düsseldorf. Im dortigen Hofgarten riss er selbst Baumriesen aus der Verankerung.
Menschen haben es gerne grün, auch und gerade in den Häuserschluchten ihrer Metropolen. Doch lange nicht alles, was Blätter hat, hält es dort aus. Über die schwierige Suche nach dem idealen Stadtbaum.
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Früher stand in jedem Ort eine Linde. Und wo heute die Bäume verschwunden sind, erinnern oft noch Namen an sie: Bezeichnungen von Straßen, Gasthäusern, Plätzen oder auch Städten. In Leipzig etwa steckt das sorbische Wort Lipsk für Linde; der Baum war so selbstverständlich wie ein Kirchturm, und wie dieser strahlte er Beständigkeit aus. Unter den Linden wurde getanzt, getrunken und gerichtet, in vorchristlicher Zeit auch geheiratet. Germanen und Slawen verehrten die Linde als heiligen Baum, von dem es hieß, er bringe Schönheit, Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.

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Fragt man aber moderne Städter nach der Linde, reagieren viele mit blankem Hass. Die Bäume blühen zurzeit, das duftet aromatisch süß, zugleich überziehen sie ganze Stadtviertel mit einem Schmierfilm. Es klebt nicht nur auf Gehwegen und Straßen, sondern vor allem auf parkenden Autos. Wenn dann die Sonne das Zeug ins heilige Blech regelrecht einbrennt, kann nur noch ein zeitnaher Besuch der Waschanlage schlimmere Lackschäden verhindern. In allen deutschen Großstädten hegen Lindenhasser zurzeit Kettensägen-Phantasien. Dabei ist das Problem nicht einmal die Linde selbst, sondern ein massiver Befall von Blattläusen, die Zuckersaft aus den Blättern saugen - und ausscheiden. Das Resultat ist Honigtau, der zäh von den Bäumen tropft.

Aber es ist nicht nur die Linde, die viele Berliner, Kölner, Frankfurter und Münchner stört. Eigentlich, so berichten Gartenämter, gebe es keinen Baum, über den sich Anwohner nicht beschweren würden. Tatsächlich ist die Liste der Anforderungen an einen Stadtbaum anspruchsvoll: Er soll nicht stinken, kleben oder lärmende Vögel anziehen, er soll weder Pollen produzieren noch das Pflaster mit seinen Früchten verschandeln, seine Wurzeln keine Gehwege und Straßen aufwölben. Dafür soll er jederzeit sturmsicher sein, Hitze und Frost aushalten, Schatten spenden, Schädlinge überleben, Urin, Kot und Streusalz ertragen und natürlich stets schön anzusehen sein. Die Leute wollen den perfekten Stadtbaum. Doch gibt es den überhaupt?

Spezialisten gesucht

Wer das erfahren will, muss nach Franken reisen. In der Bayerischen Landesanstalt für Weinanbau und Gartenbau in Veitshöchheim bei Würzburg versuchen Biologen und Forstleute Bäume zu finden, die den Anforderungen der Zukunft am ehesten gewachsen sind. „Stadtgrün 2021“ heißt das europaweit einzigartige Projekt, bei dem an drei verschiedenen Standorten zwanzig neue Arten getestet werden. Seit sechs Jahren läuft das Projekt. „Praktische Forschung“ nennt das die Biologin Susanne Böll, die das Projekt leitet.

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Ihren Gast empfängt Böll an einem schwülen Frühsommertag am Veitshöchheimer Bahnhof. Bestes Wachstumswetter immerhin, die Bäume stehen voll im Saft. Mitgebracht hat sie ihren Kollegen Philipp Schönfeld, ein Landschaftsplaner und gebürtiger Berliner, wie man gleich hört. Böll und Schönfeld werden in den folgenden drei Stunden erklären, was einen geeigneten Baum auszeichnet - und was nicht. Immerhin haben sie sich in allen Regionen der Welt nach geeignetem Stadtgrün umgeschaut. Interessant waren vor allem solche Bäume, die in extremen Klimazonen gedeihen. Den Wald wie früher einfach in die Stadt zu holen, ist heute undenkbar: „Es ist wichtig, dass für jeden Standort ein geeigneter Baum gefunden wird“, sagt Böll. Gesucht würden keine Allrounder, sondern Spezialisten.

Die Auswahl der Testobjekte steht in einem Würzburger Gewerbegebiet, nur ein paar Autominuten vom Veitshöchheimer Bahnhof entfernt. Würzburg mit seinem Weinbauklima ist der wärmste Standort des Projektes. Hier müssen die Bäume Hitze und Trockenheit einer Stadt aushalten, ohne frostempfindlich zu sein. Die anderen Testbäume der Versuchsreihe stehen im oberfränkischen Hof mit seinem bayerisch-sibirischen Klima sowie im regenreichen Kempten im Allgäu. Ein Baum, der an jedem dieser drei Standorte zurechtkommt, kann kein zimperliches Gewächs sein.

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In der Stadt halten die Bäume es nicht lange durch

Robustheit ist mit das Wichtigste. Denn die heimischen Stadtbäume kränkeln immer häufiger. Das Stadtleben ist für viele von ihnen zur Belastung geworden, und spätestens nach achtzig Jahren ist es vorbei. Älter werden Stadtbäume - im Gegensatz zu Waldbäumen - in der Regel nicht. Kein Wunder: Im Untergrund müssen sie sich gegen Kabel, Rohre und Beton behaupten, und an der Erdoberfläche verhindert Asphalt, dass genug Luft und Wasser an die Wurzeln gelangen. „Wenn man die Straße aufgräbt, fragt man sich, wie die Bäume das überhaupt noch schaffen“, sagt Philipp Schönfeld.

In der stressigen Umgebung werden Stadtbäume zudem anfällig für Krankheiten und Schädlingsbefall. Erst starben die Ulmen, dann raffte ein Pilz die Eschen dahin. Die Eichen kämpfen seit Jahren mit der Raupe des Prozessionsspinners, und Rosskastanien tragen oft schon im Mai braune Blätter als Folge einer Miniermotteninvasion. Besonders tückisch ist aber die Massaria-Krankheit der Platanen: Ein Pilz zersetzt das Holz, Äste faulen unbemerkt von oben. Dann reicht ein Windstoß, um dicke Äste abzubrechen. Grünbrüche nennen das die Biologen, weil die Bäume äußerlich gesund wirken.

Allee adé?

Äußerlich gesund wirken auch die Robinien. Der Import aus Nordamerika galt lange Zeit als der ideale Stadtbaum. Jetzt lässt jedoch ein Pilz, der Eschenbaumschwamm, den Baum von innen nach außen verfaulen. Ist eine Robinie davon befallen, hilft nur noch die Axt. In manchen Städten wie etwa in Wiesbaden sind einige Alleen betroffen, die nach und nach gefällt werden müssen. Spätestens wenn ganzen Straßenzügen der Kahlschlag droht, wird deutlich sichtbar, welche Folgen monotone Bepflanzungen haben können. Biologen predigen deshalb schon lange eine bessere Durchmischung entlang der Straßen, um das Risiko kahler Straßen zu umgehen, falls mal wieder ein Pilz zuschlägt. Aber eine typische Allee besteht nun einmal aus ein und demselben Baumtyp. Das habe man immer so gemacht, heißt es dann, Ordnung müsse sein.

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Von allen Schädlingen ist allerdings der Laubholzbockkäfer am gefürchtetsten. In Bonn hat das aus Asien stammende, eingeschleppte Kerbtier erst kürzlich eine prächtige Allee befallen. Die Behörden reagierten mit harter Hand: Sie stellten das Gebiet unter Quarantäne und ließen alle Bäume fällen. Auch die gesunden. Nicht zuletzt, um solche Massaker zu vermeiden, wollen Böll und Schönfeld den Stadtgärtnern bald neue Arten präsentieren. Der Weg zu ihren Exoten führt in ein abgelegenes Gewerbegebiet außerhalb von Würzburg. Die Bäume der Zukunft hat man zwischen zwei große Supermarkt-Parkplätze gepflanzt. Nebenan parkt ein Vierzigtonner, dahinter erhebt sich ein Minarett.

Deutsche Spinne auf dem georgischen Baum

„Wir haben nichts gegen heimische Bäume“, erklärt Susanne Böll. „Dort, wo sie funktionieren, ist es wunderbar. Aber viele werden es in Zukunft nicht mehr packen.“ Damit spricht sie gleich zwei Themen an, welche die Wissenschaftler seit ein paar Jahren beschäftigen. Zum einen die aufgeregte Migrationsdebatte unter Ökologen. Nicht alle Biologen wollen künftig fremde Bäume in deutschen Städten und Wäldern sehen, sie befürchten eine ökologische Wüste. Ihr Argument lautet: Es sei schließlich völlig unklar, ob die deutsche Spinne künftig auf dem georgischen Baum leben kann und möchte.

Das andere Thema ist der Klimawandel. Schon heute verwandelt sich die Stadt im Sommer regelmäßig in einen Backofen, der selbst in der Nacht nicht mehr abkühlt. Gleichzeitig müssen die Bäume von morgen aber heftige, wenn auch seltener werdende Frostphasen aushalten, wie sie zuletzt im Februar 2012 in Mitteleuropa aufgetreten sind.

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Ob Luft, Licht oder Platz - in der Stadt fehlt es Bäumen im Vergleich zu ihren Artgenossen in Wald und Flur oft am Notwendigsten. Die neuen Bäume im Würzburger Gewerbegebiet lassen sich den Stress allerdings nicht anmerken. Stattdessen deutet Philipp Schönfeld jetzt auf ein regelrechtes Prachtexemplar. Es ist Alnus × spaethii, die Purpur-Erle: der große Hoffnungsträger. Die lange unterschätzte Art erfüllt alle Kriterien. Schönfeld zählt im Vorbeischlendern einige davon auf: Sie ist anspruchslos, wind-, trocken- und salzverträglich, wächst auf mageren Böden und wie eine Pyramide in die Höhe. Denn auch die Wuchsform ist bei einem Stadtbaum nicht egal. Die Gärtner vom Grünflächenamt bevorzugen einen Leittrieb, der den Baum kerzengerade in den Himmel wachsen lässt. Schirmförmige Baumkronen dagegen sind nicht beliebt, denn wenn Äste in die Straße hineinragen und sich Bussen und Lastwagen entgegenstellen, nimmt irgendwann nicht nur der Baum Schaden.

Die sieben Hoffnungsträger

Der einzige Nachteil der Purpur-Erle sind ihre Pollen. Sie verstäubt bereits sehr früh im Jahr gleich so viele davon, dass sie in Zürich schon nicht mehr angepflanzt werden darf. Also doch nicht empfehlen? „Wenn es einzig um Allergien ginge, müssten wir jeden zweiten Stadtbaum in Deutschland fällen“, sagt Schönfeld. Alle Kriterien kann ein Baum nicht erfüllen, soll das heißen. Den perfekten Stadtbaum gibt es also nicht.

Aber mehr oder wenige geeignete. Deshalb haben die Forscher regelmäßig die Stammdicke gemessen, Blätter untersucht und vor allem nach Kälte- oder Hitzeperioden den Gesamtzustand des Baumes bewertet. Nach aktuellem Forschungsstand sind es die sieben Bäume (siehe Bilderstrecke), die Böll und Schönfeld Gartenämtern künftig zur Anpflanzung empfehlen würden.

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Die Purpur-Erle steht jedenfalls drauf auf der Liste. Ebenfalls die auf dem Würzburger Gelände gleich dahinter gepflanzte ungarische Eiche. Sie ist von der heimischen Eiche zwar nicht zu unterscheiden, dafür aber deutlich toleranter gegenüber Trockenheit. Sie bereitet derzeit nur zweierlei Probleme: Zum einen ist die Nachfrage nach ihr größer als das Angebot, und zum anderen hat man ihr - aus Zufall - einen lateinischen Namen verpasst, der nicht zu ihrer hübschen und friedfertigen Erscheinung passen will: Quercus frainetto ,Trump‘.

Der Neuanfang nach dem Orkan

Weitere Bäume auf der Liste sind eine gegen Pilze resistente Ulmenart, der aus dem Iran stammende Eisenholzbaum, die prächtige, aber etwas salzempfindliche Kobushi-Magnolie aus Japan, die Hopfenbuche aus Südosteuropa und der Amberbaum aus Nordamerika. Letzterer ähnelt ein wenig dem heimischen Ahorn und ist in Neuengland wegen seiner knallroten Herbstfärbung beliebt. Weil er einen garstigen Abwehrstoff gegen Schädlinge einsetzt, mögen ihn Ökologen allerdings nicht ganz so gut leiden. Zudem lässt er das Laub erst spät fallen, was bei frühen Schneefällen zu Astbrüchen führen kann.

In Düsseldorf hat man den Amberbaum schon gepflanzt und mit ihm einige weitere ungewöhnliche Gehölze. Der amerikanische Tulpenbaum ist so ein Exot, bei dem aus dem saftig-grünen Laub plötzlich becherförmige Blüten herauswachsen. „Ach, wie hübsch. Schauen Sie“, sagt Doris Törkel, die Gartenamtsleiterin der Stadt, und zeigt mit ihrem Regenschirm auf eine zartgelbe Blüte. Das Exemplar steht im Hofgarten, dem zentralen Park der Stadt, auf dessen geschwungenen Wegen Törkel den Besucher durch die Anlage führt, Halsbandsittiche flattern umher - eingewanderte Papageien, die sich ausgerechnet auf der Kö am wohlsten fühlen, wo sie sich über Ferraris und Lamborghinis erleichtern.

Dass in Düsseldorf schon jetzt Hunderte dieser Zukunftsbäume gepflanzt werden, hat mit einem gut zwei Jahre zurückliegenden Ereignis zu tun. Am Pfingstmontag 2014 wütete in Nordrhein-Westfalen der Orkan Ela. Am heftigsten wurden Düsseldorf, Mülheim und Essen getroffen. Im Hofgarten riss der Sturm 150 Jahre alte Baumriesen aus der Verankerung, pflügte Alleen um und mähte beinahe alle Pappeln nieder. Jeder zweite Baum war in Düsseldorf betroffen, mehrere hundert mussten gefällt werden. „Wie Mikado sah das aus“, erinnert sich die Amtschefin. Als sie am nächsten Morgen vor dem Parkeingang stand, empfing sie der Gärtnermeister, um Fassung ringend: „Frau Törkel, den Hofgarten, so wie wir ihn kennen, gibt es nicht mehr.“

Kaum noch Pappel, Kastanien. Platanen und Linden nur ausnahmsweise

Seither wird der englische Landschaftsgarten, der in der Barockzeit angelegt wurde, wieder aufgeforstet. Das ist alles andere als einfach. Der Hofgarten ist ein Denkmal, was Neuanpflanzungen zu einer bürokratischen Prozedur macht. Bevor neue Bäume aufgestellt werden dürfen, müssen mehrere Behörden zustimmen. Vieles soll wieder so werden, wie es einmal war. Aber manches kann mit heutigem Wissen einfach nicht mehr in den Urzustand zurückgeführt werden. Deshalb haben sie in Düsseldorf eine eigene Zukunftsbaumliste erstellt, darin werden Dutzende Stadtbäume nach ihrer Tauglichkeit bewertet. Im Park deutet Frau Törkel plötzlich in Richtung Straße: „Dort hinten war früher alles blickdicht mit Pappeln.“ Dann kam Ela. Pappeln werden deshalb kaum noch gepflanzt. Dabei waren sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland in vielen Fällen der Stadtbaum der Wahl, denn sie wachsen schnell und kosten nicht viel. An ihrer Stelle pflanzt man im Düsseldorfer Hofgarten jetzt Säuleneichen; die sehen ähnlich aus und erhalten damit das Parkbild. Auch Robinien und Rosskastanien werden in Düsseldorf nicht mehr gepflanzt, Platanen und Linden nur in Ausnahmefällen. „Wir haben den Umbau eingeleitet“, sagt Törkel. Notgedrungen zwar, aber auch notwendigerweise. Dabei ist die Wahl eines neuen Baums eine Entscheidung für Jahrzehnte, und viele Faktoren sind ungewiss: das Ausmaß des Klimawandels, die Stadtentwicklung, die Schädlinge. Ob sie in Düsseldorf wirklich die richtigen Bäume ausgewählt haben, wird erst die Zukunft zeigen.

Was bei der Auswahl alles schiefgehen kann, verdeutlichen Susanne Böll und Philipp Schönfeld im Würzburger Gewerbegebiet. Der amerikanische Lederhülsenbaum zum Beispiel, der gerade von einem Lastwagen beschattet wird, lässt sich nicht in einen durchgehenden Leittrieb zwängen und bildet in der reinen Art fingerlange Dornen. Außerdem hat er eine kurze Vegetationsperiode. Ein „Beamtenbaum“, spottet Schönfeld, „kommt spät und geht früh“.

Finger weg vom Ginkgo-Baum

In der Nähe steht auch der, wie sich herausgestellt hat, eher ungeeignete Zürgelbaum. Er kommt aus Südeuropa, sollte die Platane ersetzen, ist auch besonders hitze- und trockenbeständig, reagiert aber empfindlich auf Frost. Ähnlich kälteanfällig ist der aus China und Korea importierte Perlschnurbaum.

Ebenfalls aus China stammt auch Ginkgo biloba, der ganz am Ende des Gewerbegebiets ein eher dürres Dasein fristet. Und was ist mit dem? Philipp Schönfeld schmunzelt. „Sagen wir es so: Nach fünfzig Jahren ist er schön.“ Doch ist es nicht nur der langsame Wuchs, der ihn als Zukunftsbaum disqualifiziert, auch die gelben Früchte des weiblichen Ginkgo verwandeln Straßen und Wohngebiete jeden Herbst in eine Brechreizgegend. Sie verströmen den beißenden Geruch von Buttersäure und Capronsäure, die in den Samen entstehen. Die männlichen Ginkgos produzieren diese Stinkbomben zwar nicht, es kommt bei der Geschlechtsbestimmung aber immer wieder zu Fehlern. Wer sicher gehen will, lässt deshalb die Finger von diesem Baum.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, weshalb der Ginkgo in Mitteleuropa besser nicht angepflanzt werden sollte: Kaum ein hier heimisches Insekt verirrt sich auf diesen Baum. Selbst Schädlinge machen um ihn einen größeren Bogen: „Beim Ginkgo habe ich noch nie Blattfraß gesehen“, sagt Schönfeld. Bedrohen neue Stadtbäume also die Lebensräume heimischer Kleintiere und damit die Artenvielfalt?

Möglichst viele verschiedene Baumarten

Susanne Böll kennt dieses Argument. Darüber werde oft sehr emotional diskutiert, sagt sie. Vergleichende Untersuchungen an Straßenbäumen gebe es ihres Wissens allerdings nicht. Die Sache ist jedenfalls kompliziert. Schon zwischen den heimischen Baumarten gibt es große Unterschiede in der Zahl der dort beheimateten Gliederfüßer. In Eichen kann man mehrere hundert Arten von Spinnentieren und Insekten zählen, im Ahorn schon deutlich weniger, und in Platanen sind selten mehr als zehn Arten unterwegs. „So wird es bei den nichtheimischen Baumarten auch sein“, sagt Böll. Tatsächlich bekäme man die höchste Artenvielfalt in der Stadt, wenn man möglichst viele verschiedene Baumarten standortgerecht pflanzte.

Robuste Bepflanzung ist wichtig, das sieht der Ökologe Ingo Kowarik von der TU Berlin nicht anders. Beim Thema Gliederfüßer ist er allerdings deutlich skeptischer: „Je enger sich Tiere über Jahrhunderte und Jahrtausende an Schlüsselmerkmale ihrer Nahrungspflanzen angepasst haben, desto mehr sind sie auf einheimische Arten angewiesen. Deshalb verirrt sich vermutlich kein Tier auf den Ginkgo, weil der sich stammesgeschichtlich deutlich von den einheimischen Baumarten unterscheide. Es gibt dort für die Tiere einfach nichts zu holen. Allerdings kann sich das ändern: Evolutive Anpassungen an neue Nahrungsquellen habe es bereits gegeben, erklärt Kowarik. Die entscheidende Frage ist, ob es schnell genug geht.

Am Ende ist wieder alles eine Frage der Zeit. Klimaforschern kann die Anpassung an eine wärmere Zukunft nicht schnell genug gehen, Ökologen warnen vor voreiligen Entscheidungen. Zum Symbol naturwüchsiger Beständigkeit inmitten der Unrast menschlicher Siedlungen taugen Bäume damit immer weniger.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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