Immunstudien zu Omikron

Ein Aufatmen von Virologen hört sich anders an

Von Joachim Müller-Jung
08.12.2021
, 14:31
Omikron ist auch in Griechenland angekommen. Neue strengere Maßnahmen die Folge.
Die ersten Laborstudien zur Omikron-Variante zeigen: Impfen hilft weiter. Biontech vermeldet als erster Hersteller eine positive Wirkung auf die neue Mutation . Doch Virologen können noch längst keine Entwarnung geben.
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Wenn Anthony Fauci, der amerikanische Chefvirologe und Präsidentenberater für die Pandemie, die ersten Realwelt- und Labordaten über die Omikron-Variante mit den Worten „zumindest nicht gefährlicher als Delta“ kommentiert und sich gleichzeitig der Chefvirologe der Nation, Christian Drosten, besorgt über Omikron und die mögliche Verlängerung der Pandemie über das nächste Frühjahr hinaus äußert, dann muss das kein Widerspruch sein. Vielmehr kann jeder erkennen: alles ist im Fluss. Die Unsicherheit bleibt. Die ersten aussagekräftigen Daten lassen zwar aufhorchen und sie flüstern den Wissenschaftlern schon einiges zu – aber sie sind weder sicher noch endgültig. Die jüngste Meldung, die dazu passt: Mediziner in Südafrika haben laut der Nachrichtenagentur Reuters bei einem Infizierten eine Untervariante von Omikron identifiziert. Eine mit vielen Gemeinsamkeiten – aber auch nur 14 statt 32 Mutationen im Spike-Protein und ohne die für die PCR-Tests relevante Delta-69/70-Mutation.

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Wie sich diese Subvariante infektiologisch zu jener Omikron-Variante verhält, die inzwischen in drei Dutzend Ländern der Welt – inklusive Deutschland – verbreitet ist, bleibt unklar. Eine Überraschung ist ihr Auftauchen nicht. Die Evolution des Virus geht weiter, und so lange die Zahl der Infizierten hoch bleibt, kann es seine Fitness mit immer neuen Versionen in der Bevölkerung austesten. Eine echte Entwarnung wird man somit lange von keinem seriösen Virologen oder Epidemiologen hören.

Wie verhält sich der Erreger bei Ungeimpften, Alten, Vorerkrankten?

Nach der exponentiellen Verbreitung in der südafrikanischen Region Gauteng – mit einer Verdoppelung der Fälle alle paar Tage und ersten Berichten über ungewöhnlich viele Wiederansteckungen von Genesenen durch Omikron – zeigen die ersten Neutralisationsversuche in einigen Laboren: Omikrons angedeuteter Siegeszug gründet sich wohl tatsächlich in erster Linie auf die besondere Fähigkeit, den Immunschutz zu unterlaufen – also die Immunflucht, genauer: den Wirkungsverlust vor allem der Antikörper. Sie bilden zwar nur einen Teil des Immunschutzes, aber einen ganz wesentlichen nach der Corona-Infektionen und eben auch nach einer Impfung.

Dass Omikron die Geimpften ebenso wie früher Infizierte tatsächlich anstecken kann, ist inzwischen durch zahlreiche Positivbefunde – also epidemiologisch – gezeigt worden. Dass die neue Variante den Impfschutz aber so stark unterläuft und die erworbene Immunität so weit verloren geht, dass die Omikron-Infizierten tatsächlich schwer erkranken können, ist alles andere als klar: Denn die mit Omikron Befallenen decken bisher bei weitem noch nicht das ganze Spektrum der Covid-19-Risikopersonen ab. Die epidemiologischen Daten sind also lückenhaft. Wie sich der Erreger bei Ungeimpften, Alten, Vorerkrankten oder Immunsupprimierten verhält? Unbekannt.

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Zumindest die Labordaten lassen schon etwas tiefer in den Omikron-Kosmos blicken. Die Frankfurter Gruppe um die Virologin Sandra Ciesek hat mit Blutproben von Geimpften einige aussagekräftige Tests in der Petrischale vorgenommen und die ersten, noch nicht wissenschaftlich begutachteten Daten dazu publiziert. Getestet wurde, wie wirksam die jeweils im Blutplasma vorhandenen Antikörper der Geimpften dabei sind, die Omikron-Viren unschädlich zu machen. Fazit: Die Immunflucht ist beachtlich, verglichen mit der aktuell dominanten Delta-Variante ist die Wirksamkeit im Schnitt um das 37-fache verringert. Egal welche der in Deutschland verwendeten Impfstoffe getestet wurden – nach einem halben Jahr war der mit dem Labortest simulierte Impfschutz quasi auf null gesunken. Selbst bei einer Dreifachimpfung mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff – mit Booster also – hat man bei den Neutralisationstests schon drei Monate nach der Impfung eine Abschwächung der Immunität auf 25 Prozent festgestellt. Zum Vergleich: Gegen die Delta-Variante gibt es mit dem mRNA-Impfstoff dann noch eine Wirksamkeit von 95 Prozent. „Die Daten bestärken, dass die Entwicklung eines an Omikron angepassten Impfstoffs sinnvoll ist“, resümiert Ciesek.

Der leitende südafrikanische Virologe Alex Sigal hat ebenfalls Ergebnisse von Neutralisationstests öffentlich gemacht und seine ersten Daten mit dem Blutplasma von bisher erst sechs Biontech/Pfizer-Impflingen auf einen Preprint-Server gestellt. Sein Fazit: Der Immunitätsverlust ist offenbar sehr variabel, die Kapazität der mit der Impfung generierten wirksamen Antikörper ist im Mittel um das Zwanzig- bis Vierzigfache reduziert – verglichen zumindest mit der Wirkung gegen das Ursprungsvirus. „Ein starker Abfall der Wirkung“, sagt Sigal – aber „immerhin nicht komplett“. Anders formuliert: Die Impfstoffe wirken in den Neutralisationstests gegen das Virus noch, sie verhindern bei Infizierten möglicherweise schwere Verläufe und Tod – und vor allem: Das Virus ist kein völlig neuer Erreger, der vielleicht andere Eintrittsmechanismen und Moleküle für die Infektion nutzt. Denn das war die Befürchtung nach den ersten Berichten über die Vielzahl der Omikron-Mutanten: dass es sich tatsächlich um einen radikal anderen Erreger handelt. Sigals Experimente waren zudem mit dem Blutplasma von zweifach Geimpften vorgenommen worden. Ihnen fehlte der Booster. Und weil aus Booster-Studien mit den mRNA-Impfstoffen bekannt ist, dass die dritte Impfdosis die Antikörper schätzungsweise um das Vierzigfache erhöht, herrscht auch bei den Immunologen inzwischen etwas mehr Zuversicht.

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Zusätzlichen Auftrieb geben dürften weitere Zwischenberichte zu Omikron-Neutralisationsstudien aus dem Labor von Ben Murrell und Dan Sheward am Karloinska-Institut in Stockholm geben. Sie nutzten zwei Dutzend Blutplasma-Proben von Genesenen aus Stockholm und von Klinikmitarbeitern, um deren Immunschutz in Tests mit Pseudoviren zu testen. Bei den Pseudoviren handelt es sich nicht um „lebende“ Omikron-Erreger, sondern um Lentiviren, die für die Analysen in der Petrischale mit den entscheidenden Oberflächenmolekülen der Omikron-Variante ausgestattet worden waren. Ihr Fazit: Auch in dem Fall war kein Totalverlust der Immunität festgestellt worden, sie war sogar noch deutlich besser als in den südafrikanischen Expertimenten: Um Omikron zu neutralisieren – sprich: unschädlich zu machen – waren im Schnitt etwa siebenmal so viele Antikörper nötig. Auch dies wiederum ein starker Hinwies, dass nachlassender Immunschutz und nicht etwa die Aggressivität der Omikron-Variante das Problem zu sein scheint. Umso wichtiger – so kommentieren nahezu alle Experten nach diesen ersten Daten – ist, dass die Booster-Kampagnen in den Ländern vorangetrieben und der Impfschutz durch die dritte Impfung vervollständigt wird.

Für den Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, zeigen die „Ergebnisse ganz klar, dass auch die neutralisierenden Antikörper von Geimpften in der Lage sind, Omikron zu binden und zu neutralisieren. Die Impfungen sind also nicht nutzlos.“ Ob der Impfschutz vor schwerer Erkrankung bei Omikron noch hoch ist, sei unklar. „Da dieser Schutz nicht nur auf den Antikörpern beruht, gehe ich aktuell davon aus, dass der Schutz vor schwerer Erkrankung auch bei Omikron noch vergleichsweise hoch ist.“ Seiner Meinung nach werde es notwendig, die Impfstoffe anzupassen. „Ein Booster mit einem angepassten Impfstoff würde genau die Gedächtniszellen stimulieren, die Antikörper produzieren, die auch Omikron neutralisieren können. Daher würde ein Booster mit einem angepassten Impfstoff sicherlich auch einen guten Schutz gegen Omikron vermitteln. Da diese angepassten Impfstoffe frühestens nächstes Jahr im Februar oder März kommen werden, sollte man aber jetzt nicht darauf warten, sondern sich jetzt impfen oder boostern lassen.“

Inzwischen hat auch Biontech als erster Impfstoffhersteller einige vorläufige Ergebnisse seiner eigenen Laborstudien öffentlich gemacht. Sie zeigen, dass die dritte Impfdosis mit dem bisherigen Impfstoff die Omikron-Erreger neutralisieren könnten. Die Booster würden die Antikörpermenge gegen die Omikron-Variante - verglichen mit einer Zweifachimpfung - um den Faktor 25 erhöhen. Aufgrund der bekannten Omikron-Mutationen gehe man davon aus, dass die T-Zell-Antwort nach der Impfung, die gegen die nicht mutierten Abschnitte des Spike-Proteins auf der Virusoberfläche gerichtet sind, sehr wohl ausreichen, schon nach einer Zweifachimpfung einen Schutz vor schwerer Krankheit sicherzustellen. Klinische Daten dazu gibt es allerdings nicht. Auch über die Zeitdauer und den Verlauf der Schutzwirkung kann wegen der Neuheit der Variante bisher keine Angaben gemacht werden. In der Pressemitteilung von Biontech heißt es: „Die Unternehmen werden die tatsächliche Wirksamkeit gegen Omikron weltweit genau beobachten und die Entwicklung eines Varianten-spezifischen Impfstoffs gegen Omikron fortsetzen. Sollte eine Anpassung des Impfstoffs für einen höheren sowie langanhaltenderen Schutz notwendig sein, gehen die beiden Unternehmen davon aus, den Impfstoff im bis Ende März bereitstellen zu können.“

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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