FAZ plus ArtikelStuhl-Transplantation

Medizin aus dem Bauch heraus

Von Janina Stautz
15.08.2022
, 10:12
Das Darm-Mikrobiom ist ein hochdynamischen System. Kommt es zu einem Ungleichgewicht der Mikroben, können vielfältige gesundheitliche Probleme entstehen.
Wie Mikroben aus dem Darm den Weg in die Therapie finden: Die Transplantation von Stuhlproben kommt voran. Mit dem Aufbau von Mikrobiom-Banken und Biotechnik soll sie leichter und gezielter einsetzbar werden.
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„Im ersten Moment klingt es zwar eklig, aber wenn man die therapeutische Effektivität betrachtet und man bedenkt, dass einige Patienten doch lebensgefährlich erkrankt sind, dann ist es eine durchaus sinnvolle Behandlung“, sagt Andreas Stallmach, Direktor der Klinik für Innere Medizin IV an der Uniklinik Jena. Er spricht über die Fäkale-Mikrobiota-Transplantation (FMT). Bei dieser Therapie wird der Stuhl eines gesunden Spenders aufwendig untersucht, aufbereitet und anschließend auf eine kranke Person übertragen – entweder in einer Kapsel geschluckt oder rektal als Einlauf. Ziel dabei ist es, die darin enthaltenen Viren, Archaeen, Pilze und Bakterien sowie deren Gene und Stoffwechselprodukte – das Darm-Mikrobiom – im Patienten zu etablieren. Im besten Fall führt dies zu einer Neubesiedlung des Darmtraktes.

Therapeutische Erfolge durch Transplantation des „goldenen Sirups“

Die Stuhl-Transplantation ist keine Erfindung der modernen Medizin. So gibt es eine historische Quelle, die die medizinische Verabreichung von Stuhl – oder dem „goldenen Sirup“, wie es im 16. Jahrhundert hieß – schon ab dem vierten Jahrhundert beschreibt. Heutzutage ist die Behandlung vor allem bei wiederauftretenden gefährlichen Darm-Infektionen mit dem Bakterium Clostridioides difficiles gefragt. Die Erfolgsquote liegt bei mehr als 80 Prozent. „Dies ist bemerkenswert, wenn doch die Heilungsraten nach Einnahme moderner Antibiotika bei nur 30 bis 40 Prozent liegen“, meint Stallmach. Doch auch bei der chronisch-entzündlichen Darmkrankheit Colitis ulcerosa wird die FMT immer häufiger erfolgreich angewandt. Ein ebenso vielversprechender Erfolg gelang Wissenschaftlern in Israel und in den USA. Hier wurde erstmals eine FMT angewendet, um Hautkrebspatienten auf eine Immuntherapie vorzubereiten. In ihren Studien, die vergangenes Jahr in „Science“ veröffentlicht wurden, zeigten sie, dass für Patienten, bei denen eine Checkpoint-Inhibitor-Immuntherapie anfänglich nicht funktionierte, diese nach einer FMT teils erfolgreich verlief. Immer mehr Studien erscheinen weltweit, die diesen Erfolg teilen und weiter untersuchen, um so Krebstherapien weiter zu verbessern. Im Juni dieses Jahres brachte das Wiener Unternehmen „Biome Diagnostics“ den bislang ersten und einzigen Vorhersagetest auf Basis des Darm-Mikrobioms auf den Markt. Dieser kann mithilfe eines Algorithmus die Zusammensetzung des Mi­krobioms bestimmen und so mit 80 prozentiger Genauigkeit vorhersagen, wie hoch die Erfolgschancen für eine Immuntherapie sind. Somit könnte man Patienten starke Nebenwirkungen ersparen, sollten die Heilungschancen gering sein.

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