Verkohlte Wörter

Von ULF VON RAUCHHAUPT

11. Februar 2021 · Am Vesuv wurden im 18. Jahrhundert etwa tausend antike Buchrollen gefunden. Ihre Lektüre ist ein formidables Puzzle. Doch moderne Methoden entlocken ihnen immer mehr.

Alpha Rho Rho Omega Iota. Die fünf griechischen Buchstaben sind deutlich lesbar: ΑΡΡΩΙ. Aber was bedeuten sie? „Diese Buchstabensequenz ist im Griechischen recht selten“, sagt Kilian Fleischer vom Institut für klassische Philologie der Universität Würzburg. Er hat die betreffende Textpassage neu untersucht, in der es – so viel wusste man – um den Tod des Philosophen Philo von Larissa im Jahr 84 oder 83 v. Chr. geht. Schließlich konnte Fleischer das Rätsel 2017 im Cambridge Classical Journal einer überraschenden und dieser Tage etwas unheimlichen Lösung zuführen. 

Das war klassische Puzzlearbeit. „Da sitzt man stundenlang und geht jedes griechische Wort durch, das hier Sinn ergeben könnte“, sagt Fleischer. Fest stand immerhin: ΑΡΡΩΙ muss das Ende eines Wortes sein, denn es schließt sich ein lesbarer Satzteil an. Doch davor hat der Papyrus ein Loch, und auch die Zeile darüber ist am Ende schwer zu entziffern, selbst auf dem Infrarotbild, einer sogenannten Multispektralaufnahme des Papyrusbogens. Der bildete einst, zusammen mit sieben anderen in der Officina dei Papiri Ercolanesi der Biblioteca Nazionale in Neapel aufbewahrten Papyri, den Teil einer meterlangen Bahn aus aneinandergeklebten Bögen, die zu einer Rolle aufgewickelt war. So sahen bei den alten Griechen und Römern die Bücher aus. 

Dieses Exemplar ist mit etwa 18 Zentimeter Länge noch einigermaßen vollständig.
Dieses Exemplar ist mit etwa 18 Zentimeter Länge noch einigermaßen vollständig.
Zwei Schriftrollen aus der Villa dei Papiri, zu zerknautscht, als dass jemand gewagt hätte, sie zu öffnen. Foto: Brent Seales/ Educe Lab /University of Kentucky

Die Buchrolle mit der Inventarnummer „PHerc 1021“, auf deren achten Bogen das geheimnisvolle „ΑΡΡΩΙ“ auftaucht, ist nun etwas ganz Besonderes. So besonders, dass es dazu ein eigenes Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft gibt, das Kilian Fleischer leitet. Zunächst ist es schon ungewöhnlich, dass diese in der Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus beschriftete Papyrusrolle überhaupt erhalten ist. Eigentlich haben fast überhaupt keine antiken Bücher überdauert. All die Texte griechischer und lateinischer Klassiker von Homer bis Augustinus sind meist in mittelalterlichen Abschriften auf uns gekommen. Allenfalls im ägyptischen Wüstensand fanden sich zuweilen original antike Schriftstücke, darunter manchmal auch Teile von Büchern. Im feuchteren Mitteleuropa hätte dergleichen auch ohne die Wirren und Kriege der Völkerwanderungszeit keine zwei Jahrtausende überstanden. Nur an einem Ort ist es wundersamerweise dazu gekommen: In einer römischen Luxusvilla, die im Herbst des Jahres 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vesuvs unter heißen Auswürfen des Vulkans begraben wurde. 

Man nennt sie heute „Villa dei Papiri“, und sie liegt in Herculaneum, der neben Pompeji zweiten Stadt, die damals unterging. Erbaut wurde sie zwischen 60 und 30 v. Chr. wahrscheinlich von Lucius Calpurnius Piso Caesonius, einem der einflussreichsten Politiker damals. Er war Konsul des Jahres 58 v. Chr., danach Statthalter der Provinz Macedonia, Intimfeind Ciceros und Schwiegervater Caesars. Und er war philosophisch interessiert. Als Anhänger der Lehre Epikurs hatte er einen Epikureer namens Philodem von Gadara unter seine Fittiche genommen (siehe „Lebenshilfe für reiche Römer“). Dieser wiederum besaß eine Bibliothek, die zum großen Teil aus eigenen Schriften bestand, aber auch aus anderen epikureischen Werken. Einige waren bereits bis zu zweihundert Jahre alt, als Philodem sie bei seinem Umzug von Athen nach Italien mitbrachte. Es ist diese Bibliothek, etwa tausend Buchrollen in griechischer Sprache, die – neben rund hundert weiteren in Latein – beim Ausbruch des Vesuvs konserviert und nach der Entdeckung der Villa 1752 gefunden wurden. 

Die wohl luxuriöseste Römervilla, die je gefunden wurde: Rekonstruktion der Villa dei Papiri, von Südosten aus gesehen.
Die wohl luxuriöseste Römervilla, die je gefunden wurde: Rekonstruktion der Villa dei Papiri, von Südosten aus gesehen. Foto: Museo Archeologico Virtuale – Fondazione C.I.V.E.S

Denn durch einen Zufall sorgten die vom Vesuv herabjagenden pyroklastischen Ströme – glutheiße Wolken aus Asche und vulkanischen Gasen – beim Erreichen der Villa für genau die richtige Temperatur von etwa 320 Grad und hinreichenden Sauerstoffmangel, um die Buchrollen gerade so zu verkohlen, dass die Tinte darauf erkennbar blieb. Auf Papyrusresten, die man nur wenige hundert Meter entfernt in Häusern im Stadtzentrum von Herculaneum fand, war dagegen nichts mehr lesbar. Die Buchrollen aus der Villa dagegen sehen zwar aus wie Grillkohle – und tatsächlich hatten ahnungslose Grabungsarbeiter im 18. Jahrhundert ihre allerersten Funde verfeuert –, doch sie sind lesbar, sofern man es schafft, sie aufzurollen. Genau so könnte man sich allerdings vornehmen, Blätterteiggebäck aufzufalten. Daher wurden bei den ersten Versuchen viele Rollen teilweise oder völlig zerstört, bis der Ordensmann Antonio Piaggio (1713 bis 1796), ein Konservator der vatikanischen Bibliothek, mit der Sache betraut wurde. Pater Piaggio erfand eine Vorrichtung, mit der sich die Rollen abwickeln ließen. Der Prozess war jedoch ungeheuer langsam. Zwischen 1754 und 1798 konnten gerade mal 18 Rollen erfolgreich geöffnet werden, darunter im Jahre 1795 auch PHerc 1021.

Für den schwerreichen Politiker Lucius Calpurnius Piso war es nur das Ferienhaus: Rekonstruktion der Villa dei Papiri vom Meer aus gesehen.
Für den schwerreichen Politiker Lucius Calpurnius Piso war es nur das Ferienhaus: Rekonstruktion der Villa dei Papiri vom Meer aus gesehen. Foto: Museo Archeologico Virtuale – Fondazione C.I.V.E.S

Allerdings ist das erste, einst auf den äußeren Wicklungen befindliche Viertel des Buches verloren. Und vom Rest fehlt ebenfalls so einiges. Denn obwohl schonender als jedes andere Verfahren, hinterließ auch Piaggios „Macchina“ die Papyri im Zustand fortgeschrittener Zerfledderung, der sich in den folgenden zweihundert Jahren natürlich nicht besserte, in denen Gelehrte im Lesesaal der Officina die auf Pappe aufgezogenen verschrumpelten Bögen im Licht hin und her drehten, um schwarze Buchstaben auf fast schwarzem Hintergrund zu identifizieren. Wie zum Beispiel der vierte Bogen von PHerc 1021 heute aussieht, zeigt das Bild oben links auf dieser Seite.

Doch PHerc 1021 ist eben von ganz besonderem Interesse, obgleich dieses Buch gar nicht zu jenen uralten Rollen aus den Tagen Epikurs und seiner direkten Schüler zählt, die Philodem in Athen hatte mitgehen lassen. Das besondere Interesse an diesem Papyrus hat zwei Gründe: Erstens handelt es sich offenbar um ein Autorenmanuskript. Denn neben den vierzig zumindest teilweise erhaltenen Textspalten auf seiner Vorderseite gibt es auch zwölf auf der Rückseite. Diese blieb auf Buchrollen normalerweise unbeschriftet, da man dort senkrecht zu den Papyrusfasern hätte schreiben müssen, was kalligraphisch unvorteilhaft ist. Zudem ist auch die Vorderseite voller zum Teil von anderen Händen angefügten Anmerkungen. Dass auch Philodems eigene Handschrift darunter ist – es wäre immerhin die einer Hand, die jene Ciceros und Caesars geschüttet haben dürfte, hält Fleischer für keineswegs unwahrscheinlich. Er widerspricht damit früheren Forschern, die das als eine allzu romantische Vorstellung abgetan und darauf verwiesen hatten, dass Autoren – erst recht, wenn sie in einem Haushalt wie dem des Calpurnius Piso tätig waren – für so etwas doch ihre Schreibsklaven gehabt hätten.

Konventionelle Fotografie des vierten der acht verkohlten Papyrusbögen, die von einer Geschichte der platonischen Akademie erhalten sind. Das Buch sah ursprünglich ähnlich aus wie die unten links auf dieser Seite gezeigte Schriftrolle, war aber wohl weniger zerknickt. Daher konnte man es Ende des 18. Jahrhunderts abwickeln.
Konventionelle Fotografie des vierten der acht verkohlten Papyrusbögen, die von einer Geschichte der platonischen Akademie erhalten sind. Das Buch sah ursprünglich ähnlich aus wie die unten links auf dieser Seite gezeigte Schriftrolle, war aber wohl weniger zerknickt. Daher konnte man es Ende des 18. Jahrhunderts abwickeln. Foto mit freundlicher Genehmigung des Ministero per i Beni e le Attività Culturali, Biblioteca Nazionale Vittorio Emanuele III, Napoli, Consiglio Nazionale delle Ricerche

Noch viel interessanter aber macht PHerc 1021 der Umstand, dass es sich nicht um eines der zahllosen epikuräischen Traktate handelt, aus denen die bislang bekannte griechische Bibliothek der Villa dei Papiri zum Großteil besteht, sondern um einen Band aus der „Zusammenstellung der Philosophen“. In dieser mindestens zehnbändigen Philosophiegeschichte behandelte Philodem in jedem Band eine andere der philosophischen Schulen seiner Zeit (siehe „Lebenshilfe für reiche Römer“). Weitere Papyri der Villa enthalten Reste unter anderem der Bände über die Stoiker und die Epikuräer. In PHerc 1021 aber geht es um die Geschichte der platonischen Akademie.

„Das ging wahrscheinlich los mit einer Biographie Platons, von der wir aber nur den Schluss haben“, erklärt Kilian Fleischer. Und sie endet in Philodems eigener Zeit unter anderem mit Philo von Larissa, dem letzten Vertreter einer Phase der Akademie, in der sich Platons Nachfolger zu entschiedenen Skeptikern gegenüber der Möglichkeit wahrer Erkenntnis entwickelt hatten. Bei Philo hörte der junge Cicero Vorlesungen und wurde dadurch in seinem Denken wesentlich beeinflusst. Von Philo selbst und seinen Vorgängern wissen wir indes nur aus Erwähnungen in Werken späterer Autoren. Darum ist PHerc 1021 für Philosophiehistoriker eine überaus wertvolle Quelle.

Ein „Multispektralbild“ des gleichen Bogens. Nachdem die Papyrologen zweihundert Jahre lang Tinte auf Rußbasis von karbonisiertem Papyrus unterscheiden mussten, ist hier der Kontrast zwischen beiden viel besser, denn die Absorptionseigenschaften von Tinte und unbeschriebenem Papyrus sind im Infrarotlicht deutlich verschieden.
Ein „Multispektralbild“ des gleichen Bogens. Nachdem die Papyrologen zweihundert Jahre lang Tinte auf Rußbasis von karbonisiertem Papyrus unterscheiden mussten, ist hier der Kontrast zwischen beiden viel besser, denn die Absorptionseigenschaften von Tinte und unbeschriebenem Papyrus sind im Infrarotlicht deutlich verschieden. Foto mit freundlicher Genehmigung des Ministero per i Beni e le Attività Culturali, Biblioteca Nazionale Vittorio Emanuele III, Napoli, Consiglio Nazionale delle Ricerche

Aber aufgrund des Zustandes des Papyrus auch eine schwierige. Daher die Neubearbeitung Kilian Fleischers, der dazu unter anderem Multispektralbilder des Papyrus untersucht. Für eine Frage kam auch eine noch neuere Methode zur Anwendung, die sogenannte Hyperspektraltechnik. Hier wurde der Papyrus statt mit einzelnen Infrarotfrequenzen, in denen der Kontrast von Tinte zu Papyrus größer ist als im sichtbaren Licht, mit 256 verschiedenen Wellenlängen zwischen 1000 und 2500 Nanometern bestrahlt. Indem man die Rückstrahlung in so vielen Wellenlängen gleichzeitig erfasst, lassen sich die Bilddaten auf dem Computer einer sogenannten Hauptkomponentenanalyse unterwerfen. Sie untersucht den Grad an Korrelation der Signale verschiedener Wellenlängen und kann so feststellen, wo da systematisch ein Tintenstrich vorliegt oder nicht – auch dann, wenn die Kontrastwerte für einzelne Wellenlängen so gering sind, dass sie quasi im „Rauschen“ der Helligkeitsvariationen unbeschriebener Papyrusareale verschwinden.

Mit dieser Hyperspektraltechnik wollte Fleischer zusammen mit Kollegen die Texte auf der Rückseite des Papyrus neu lesen, die durch das Aufziehen auf Pappe nicht mehr zugänglich sind. Sie hofften, durch die dabei störende Schrift auf der Vorderseite quasi hindurchsehen zu können. Doch stattdessen sahen sie die Buchstaben auf der Vorderseite so deutlich wie nie zuvor. „Wir waren am Anfang sogar etwas enttäuscht“, erinnert sich Fleischer. „Denn wir hätten gerne die ganze Rückseite gelesen und dazu die Vorderseite verschwinden lassen.“ Doch dafür waren nun die Texte der Vorderseite viel besser zu entziffern, zuweilen konnten frühere Hypothesen darüber, was dort zu lesen sei, drastisch korrigiert werden. An einer Stelle etwa hatten bisherige Bearbeiter des Papyrus das Wort „kêloumenous“ (betört, bezaubert) gelesen. Wie sich jetzt zeigte, steht dort in Wahrheit „douloumenous“. Das heißt „versklavt“.

Auf einem Hyperspektralbild wieder des gleichen Bogens sind die Buchstaben noch mal besser und an vielen Stellen überhaupt erst zu lesen. Diese Technik verbindet Infrarot- Digitalfotografie mit einem statistischen Algorithmus.
Auf einem Hyperspektralbild wieder des gleichen Bogens sind die Buchstaben noch mal besser und an vielen Stellen überhaupt erst zu lesen. Diese Technik verbindet Infrarot- Digitalfotografie mit einem statistischen Algorithmus. Foto mit freundlicher Genehmigung des Ministero per i Beni e le Attività Culturali, Biblioteca Nazionale Vittorio Emanuele III, Napoli, Consiglio Nazionale delle Ricerche

Nach diesem Erfolg hat Fleischer nun vor, ein Projekt zu initiieren, um sämtliche entrollten Papyri aus Herculaneum mit der Hyperspektraltechnik noch einmal zu digitalisieren. Das sind immerhin 1840 Katalognummern, denn viele Rollen sind in mehrere Teile zerbrochen und umfassen daher mehrere Nummern – alles in allem 30 000 Papyrusfragmente. 

Nun gibt es neben diesen entrollten Bänden der Bibliothek des Philodem – sowie denen, die bei den ersten unsachgemäßen Abrollversuchen im 18. Jahrhundert zerstört wurden – auch noch mehr als dreihundert halbwegs intakte Buchrollen in ihrem ursprünglichen zusammengerollten Zustand. Schon lange denkt niemand mehr daran, sie mit Piaggios Abwickelmaschine zu malträtieren, zum Glück, denn inzwischen zeichnet sich eine Methode ab, mit der man sie vielleicht einmal wird lesen können, ohne sie zu öffnen. Im Falle einer ebenfalls verschmorten spätantiken Pergamentrolle, die 1970 in den Ruinen einer Synagoge in En Gedi am Toten Meer gefunden wurde, ist das schon einmal gelungen: 2015 konnte ein Team um den Informatiker Brent Seales von der University of Kentucky eine röntgentomographische Aufnahme der Rolle auf dem Computer „virtuell abwickeln“. Der Text war danach von Fachleuten für Hebräisch problemlos zu lesen und entpuppte sich als älteste erhaltene Handschrift des Buches Leviticus aus dem alten Testament. 

Zerrupftes Wissen: Etliche der noch nicht geöffneten Buchrollen aus der Bibliothek der Villa dei Papyri sind in mehrere Teile zerbrochen
Zerrupftes Wissen: Etliche der noch nicht geöffneten Buchrollen aus der Bibliothek der Villa dei Papyri sind in mehrere Teile zerbrochen Foto: EduceLab/ University of Kentucky

Leider ist ein virtuelles Auswickeln im Fall der Rollen aus Herculaneum sehr viel schwieriger. Ihr Papyrus ist weitaus enger gewickelt als die Tierhaut aus En Gedi, weswegen die Aufklärung der dreidimensionalen Lage der beschriebenen Oberfläche viel problematischer ist. Vor allem aber enthält die römische Tinte – anders als die der En-Gedi-Rolle – kaum Metalle, die beim Röntgen für Kontrast sorgen. Sie schwächt die Strahlung also in derselben Weise wie der Papyrus, so dass man beides nicht unterscheiden kann. Allerdings haben Brent Seales und sein Team 2019 gezeigt, dass Tintenstriche auf Papyrus geringfügige, nur wenige Mikrometer große Verdickungen und andere morphologische Änderungen im Röntgenbild erzeugen, die sich mit einem hinreichend hochauflösenden Röntgentomographen erfassen lassen müssten. Um sie allerdings aus den Dickeschwankungen unbeschriebener Papyrusflächen herausfiltern zu können, muss der Analysealgorithmus mit Methoden des Maschinenlernens auf Tintenmuster trainiert werden. Die Methode befindet sich noch ganz im Anfangsstadium, doch ist es heute keine Science Fiction mehr, sich vorzustellen, dass Gräzisten eines Tages in Hunderten weitgehend unversehrten antiken Buchrollen schmökern können. 

Buchrolle im Laserlicht: 2009 bereits wurde diese Rolle aus Herculaneum gescannt. Noch nicht, um sie zu lesen, sondern um eine genau ihrer Form angepasste Halterung zu bauen.
Buchrolle im Laserlicht: 2009 bereits wurde diese Rolle aus Herculaneum gescannt. Noch nicht, um sie zu lesen, sondern um eine genau ihrer Form angepasste Halterung zu bauen. Foto: EduceLab/ University of Kentucky

„Das wäre natürlich der Jackpot“, sagt Kilian Fleischer. Über die Möglichkeit des virtuellen Abwickelns zu verfügen wäre auch dann wichtig, wenn einmal neue Grabungen in der Villa dei Papiri weitere Buchrollen zu Tage fördern sollten. Denn der riesige Gebäudekomplex ist erst teilweise erforscht. „Die Villa hatte drei oder vier weitläufige Geschosse, in denen sich Räume mit weiteren Bibliotheken verbergen könnten“, sagt Fleischer. „Es kann sein, dass wir von der griechischen Abteilung der Bibliothek nur den epikureischen Philodem-Teil gefunden haben und es noch andere mit literarischen und historischen Werken gab.“

Vorerst aber müssen Fleischer und seine Fachkollegen mit der Fetzenwirtschaft vorliebnehmen, welche die Abrollversuche ihrer frühen Vorgänger hinterlassen haben. Multi- und Hyperspektralbilder liefern ihnen heute mehr Puzzleteile, aber ums Puzzeln selbst kommen sie damit nicht herum. So wie Kilian Fleischer, der am Ende darauf kam, was es mit dem ΑΡΡΩΙ in dem Abschnitt über das Ableben des Philo von Larissa auf sich hat: Das vollständige Wort muss ΚΑTAΡΡΩΙ lauten. Es ist der Dativ des Wortes „Katarrous“ – eine Erkrankung der Atemwege, die einer anderen antiken Quelle zufolge auch epidemisch auftrat und vermutlich eine Virusgrippe war. Damit ergeben auch die Buchstabenreste der vorangehenden Zeile einen Sinn, und was Philodem da über Philo von Larissa schrieb, lautet: „Er starb im Alter von 63 Jahren (...) in Italien an einer Grippe, die damals die gesamte bewohnte Erde heimsuchte.“

Des Epikureers liebster Aufenthalt: Der Garten der Villa dei Papiri in einer Rekonstruktion
Des Epikureers liebster Aufenthalt: Der Garten der Villa dei Papiri in einer Rekonstruktion Foto: Museo Archeologico Virtuale – Fondazione C.I.V.E.S


Lebenshilfe für reiche Römer

Die Buchrollen aus der Villa dei Papiri bilden die einzige erhaltene antike Bibliothek. Thematisch ist sie allerdings etwas einseitig. Dafür bietet sie interessante Einblicke in eine damals schwer angesagte philosophische Strömung.

Stellen wir uns vor, unsere Zivilisation sei untergegangen. Die Feuersbrünste und Festplattencrashs, in denen sie versank, hätten von der Literatur und Philosophie des zweiten Jahrtausends nur wenige Bruchstücke übrig gelassen. Da entdecken Archäologen des Jahres 4021 ein verschüttetes Haus aus dem frühen 21. Jahrhundert und darin ein Regal voller Bücher. Die Fachwelt ist außer sich. Sind es die verlorenen Werke Goethes? Wenigstens Teile der „Kritik der reinen Vernunft“? Schriften Wittgensteins oder Heideggers, von denen nur knappe Zitate späterer Autoren überliefert sind? Doch dann analysieren die Experten für spätes Hochdeutsch den Fund und stellen fest: Was sie hier vor sich haben, sind die gesammelten Werke von Richard David Precht. 

So etwa muss man sich die Enttäuschung der Gelehrten vorstellen, seit es nach 1754 gelang, immer mehr Textpassagen auf den verkohlten Schriftrollen aus der Villa dei Papiri in Herculaneum zu entziffern: kein Sophokles, keine Vorsokratiker, nichts von Livius. Stattdessen massenhaft Abhandlungen eines griechischen Philosophen namens Philodemos mit Titeln wie aus einer Abteilung für psychologische Ratgeber: „Über Schmeichelei“, „Über Schadenfreude“, „Über Dankbarkeit“, „Über Reichtum“, „Über den Tod“.


„Er meint Philodemus, der damals der berühmteste der Epikureer war und schlüpfrige Gedichte schrieb.“
ASCONIUS PEDIANUS (9 v. Chr. bis ca. 76 n. Chr.), Kommentator Ciceros

Von keiner dieser Schriften wusste man vor der Entdeckung der Villa. Ihr Autor dagegen war kein Unbekannter. So erwähnt ihn der römische Politiker und Publizist Marcus Tullius Cicero (106 bis 43 v. Chr.) in einer Schmähschrift gegen den mutmaßlichen Hausherrn jener herculaneischen Villa, Lucius Calpurnius Piso. Cicero beschreibt dort „einen Griechen“, der bei Piso lebe: „Ein höflicher Mensch – wirklich, ich habe ihn selbst kennengelernt –, jedenfalls solange er alleine ist oder mit anderen zusammen als mit Piso.“ Seinen Namen nennt Cicero nicht, doch erklärt ein Kommentator Ciceros ein knappes Jahrhundert später: „Er meint Philodemus, der damals der berühmteste der Epikureer war und schlüpfrige Gedichte schrieb.“

Epikur (ca. 341 bin 271 v. Chr. ) war hier das Maß aller Dinge. Diese Büste des griechischen Philosophen stand in einem Raum der Villa dei Papiri, der wahrscheinlich als Lesezimmer diente.
Epikur (ca. 341 bin 271 v. Chr. ) war hier das Maß aller Dinge. Diese Büste des griechischen Philosophen stand in einem Raum der Villa dei Papiri, der wahrscheinlich als Lesezimmer diente. Foto: F1online

Von diesen Gedichten sind tatsächlich ein paar erhalten, und sie waren die einzigen Texte Philodems, die man vor der Ausgrabung der Villa kannte. Die Papyri aus Herculaneum hingegen zeigen uns den Mann aus Gadara im heutigen Jordanien – der in Alexandria und in Athen studierte, bevor er nach Italien kam – nicht als Dichter, sondern als Epikureer. Das waren Vertreter einer der vier bedeutenden philosophischen Schulen, die im vierten Jahrhundert vor Christus in Athen entstanden und das Geistesleben des Hellenismus prägten.

Da war erstens die von Platon gegründete Akademie, dann der „Peripatos“, wo man das Erbe des Aristoteles verwaltete, drittens die „Stoa“ des Zenon von Kition (circa 332 bis 261 v. Chr.) und schließlich die Schule Epikurs (circa 341 bis 271 v. Chr.). Im ersten Jahrhundert vor Christus waren Stoiker und Epikureer besonders einflussreich. Während die Akademiker sich vor allem der Erkenntniskritik widmeten und Peripatetiker den Einzelwissenschaften, ging es Epikur und der Stoa vor allem darum, wie der einzelne Mensch zu einem guten Leben kommt. In der krisenhaften Zeit der späten römischen Republik sprach das die philosophisch interessierten Eliten des Reiches besonders an. Die Antworten fielen allerdings durchaus unterschiedlich aus. Die Stoiker sahen sie in dem Bestreben, eine Indifferenz gegenüber den Leidenschaften zu erreichen sowie eine Seelenruhe des Individuums, das seinen Platz im Gefüge des Kosmos kennt, des natürlichen wie des sozialen. Staatsmänner wie Seneca neigten der Stoa zu, und der römische Kaiser Marc Aurel war einer ihrer bedeutenden Vertreter. 

Platon und seine Schüler: Gedeutet (von links) als Herakleides Pontikos, Lysis, Platon, zwei unbekannte Philosophen, Xenokrates,  Aristoteles. Mosaik aus der Zeit um etwa 100 v. Chr. aus dem Hause des T. Siminius Stephanus in Pompeji.
Platon und seine Schüler: Gedeutet (von links) als Herakleides Pontikos, Lysis, Platon, zwei unbekannte Philosophen, Xenokrates, Aristoteles. Mosaik aus der Zeit um etwa 100 v. Chr. aus dem Hause des T. Siminius Stephanus in Pompeji. Foto: Biblioteca Nazionale di Napoli

Epikur dagegen empfahl eine Abstinenz des Menschen von allem Politischen. Die Schule der Epikureer in Athen hieß „Kêpos“, Garten, und sie sahen das Heil in einer Maximierung des gefühlten Lebensglücks, was ihnen bald den Ruf einbrachte, auf bloße körperliche Lust fixierte Hedonisten zu sein. Das war bis zu einem gewissen Grade ein Missverständnis – wenn nicht böswillige Unterstellung der stoischen Konkurrenz –, aber es hat dazu beigetragen, dass epikureische Literatur nach der Ausbreitung des Christentums kaum noch tradiert wurde, weswegen besonders wenig davon erhalten ist. Die berühmteste epikureische Schrift ist das monumentale Gedicht „De rerum natura“ des Römers Lukrez. Auch Cicero berichtet über den Epikureismus, wenn auch aus der Perspektive eines Gegners. Von Epikur selbst, der mehr geschrieben haben soll als jeder andere Philosoph seiner Zeit, sind wenig mehr als drei Briefe übrig, die der spätrömische Philosophiehistoriker Diogenes Laertios überliefert. Dieser stützt seine Darstellung Epikurs aber auch auf einen Band der bis 1754 verloren geglaubten „Zusammenstellung der Philosophen“ des Philodem von Gadara. Es ist das einzige Buch des mutmaßlichen einstigen Eigentümers der Bibliothek der Villa dei Papiri, das von einem anderen antiken Autor zitiert wird.


„Philodem hat unsere Aufmerksamkeit nicht deswegen verdient, weil seine Philosophie so originell war“
DAVID BLANK

Die Erhaltung von Teilen dieses Werkes (siehe „Verkohlte Wörter“) ist daher keine geringe Sensation. Wichtig sind auch die Fragmente von Werken anderer Epikureer, auf die man dort stieß, einschließlich solcher von Epikur selbst. Doch wie bedeutend als Denker war dieser Philodem?

Es ist vielleicht nicht völlig unfair, ihn mit manchen Modephilosophen unserer Tage zu vergleichen, deren Erfolge am Buchmarkt mehr Ausdruck eines aktuellen Bedürfnisses nach Lebenshilfe sind als Ausweis bleibender Bedeutung. „Philodems Schwerpunkt auf Ethik war auch eine Konzession an sein römisches Umfeld“, sagt Kilian Fleischer von der Universität Würzburg. Ein bedeutender Autor sei Philodem nicht gewesen. „Aber dadurch, dass er ein treuer Epikureer ist, erfahren wir bei ihm authentische epikureische Lehre.“

Das sieht auch Fleischers Fachkollege David Blank von der University of California in Los Angeles so. „Philodem hat unsere Aufmerksamkeit nicht deswegen verdient, weil seine Philosophie so originell war“, schreibt Blank in seinem Beitrag zur Stanford Encyclopedia of Philosophy. „Er beansprucht das gar nicht. Er besteht darauf, dass seine Ansichten auf den Lehren Epikurs und der ersten Generation seiner Schüler basieren.“ Epikureer stehen überhaupt im Ruf eines ausgeprägten Hanges zur Orthodoxie – kennt man einen, heißt es unter Philosophiehistorikern, kennt man alle. „Philodems eigene Texte zeigen uns allerdings, dass es zwischen einzelnen Mitgliedern der Schule einiges an internen Kämpfen gab“, schreibt Blank, „jedenfalls nach der ersten Generation.“ Damit ist es der ständige Rückgriff Philodems auf Epikur und dessen unmittelbare Nachfolger, welcher auch seine systematischen Texte so interessant und ihre weitere Erschließung so wichtig macht. Das kann dann durchaus noch geistesgeschichtliche Folgen haben. So wurde in Herculaneum auch eine Schrift Philodems über Zeichen und Bezeichnungen gefunden, die Einblicke in die Erkenntnistheorie der Epikureer gibt. Die war ihnen zwar vor allem Mittel zum Zweck, nämlich dem, trotz einer Betonung der Sinneserfahrung als primäre Erkenntnisquelle so etwas wie die Annahme unsichtbarer Atome zu rechtfertigen. Die diente ihrerseits dazu, der Angst vor unverstandenen Naturprozessen zu begegnen, um die Seelenruhe sicherzustellen. Trotzdem ist dieser Papyrus aus Herculaneum bereits in der modernen Philosophie wirksam geworden: Der amerikanische Logiker Charles Sanders Pierce (1839 bis 1914) studierte Philodems Text und entnahm ihm wahrscheinlich den Begriff „Semiosis“ (von griechisch „sêmeioô“, „ich bezeichne“), einen zentralen Begriff seiner Zeichentheorie. Auch wenn Philodem hier wieder eher Überlieferer war, ein reiner Epigone sei er nicht gewesen, sagt Fleischer. „Da hat sich das Bild in den letzten Jahrzehnten etwas gewandelt, und es werden ihm heute auch schriftstellerische Qualitäten zuerkannt. Überdies war es vor allem Philodem gewesen, der den Epikureismus in Italien eingebürgert hat.“ Und dort habe er mit bedeutenden Zeitgenossen in Verbindung gestanden, darunter dem Dichter Vergil. „Auch Horaz hat in seiner Ars poetica wohl auf Philodem zurückgegriffen.“ Damit hat der Herr der Buchrollen in der Prunkvilla am Golf von Neapel doch eine gewisse Rolle gespielt. Er mag ein Modephilosoph gewesen sein, ohne den die Geistesgeschichte nicht sehr viel anders verlaufen wäre. Aber ohne ihn – und den Ausbruch des Vesuvs – wäre ein nicht unwichtiger Teil davon heute sehr viel schlechter dokumentiert.

Einen aktuellen Vortrag zum Thema finden Sie hier. 


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