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Interstellar

Ferner Besuch

Von Ludwig Hruza
 - 10:35
Der Komet 2I/Borisov, aufgenommen vom Hubble Space Telescope am 12. Oktober. Da war er 420 Millionen Kilometer entfernt.

Ich hatte ein Objekt im Bild“, erzählte Gennadiy Borisov. „Es bewegte sich in eine Richtung, die leicht von der des Asteroidengürtels abwich. Ich nahm die Koordinaten auf und verglich sie mit der Datenbank des Minor Planet Centers. Tatsächlich, es war ein neues Objekt.“ So berichtete der Amateurastronom der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti von seiner Entdeckung eines neuen Kometen am 30. August dieses Jahres. Kometen sind durch den Weltraum ziehende Brocken aus gefrorenen Gasen, Gesteinen und Staub. Die weitaus meisten bilden die sogenannte Oortsche Wolke. Dort umkreisen sie die Sonne in so großen Entfernungen, dass sie für Beobachter auf der Erde in der Regel unsichtbar bleiben. Wenn sie sich aber begegnen, kommt es zuweilen vor, dass sich ihre Umlaufbahn dadurch in einer Weise ändert, die sie näher an die Sonne – und damit an die Erde – heranführt.

Das geschieht keineswegs selten. In der Datenbank der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa sind mehr als 3500 gesichtete Kometen verzeichnet. Borisovs neuer Komet schien aber ungewöhnlich zu sein. „Am 8. September 2019 um 4.15 Uhr wurden wir von unserer Software ,Interstellar Crusher‘ alarmiert“, schrieben Piotr Guzik und Michał Drahus vom astronomischen Observatorium der Universität Krakau sowie vier weitere Koautoren jetzt in Nature Astronomy. Nach Analysen jenes Computerprogramms bewegte sich das Objekt offenbar auf einer hyperbolischen Bahn.

Verräterische Hyperbel

Also nicht auf einer Ellipse, wie alle bisher registrierten Kometen. Ellipsen sind in sich geschlossene Figuren. Körper, die sich auf Bahnen dieser Form um die Sonne bewegen, sind an deren Gravitationsfeld gebunden. Hyperbolische Bahnen dagegen sind nicht geschlossen, sondern kommen aus den Tiefen des interstellaren Raums. Borisovs Komet stammt damit nicht aus der Oortschen Wolke unserer Sonne, sondern aus einem anderen Sternsystem. Die Nachbarschaft der Sonne durcheilt er jetzt nur ein einziges Mal, wobei er von ihrem Schwerefeld etwas abgelenkt wird und es danach auf Nimmerwiedersehen verlässt.

Solche interstellaren Kometen wurden lange vorausgesagt, aber bis vor kurzem war noch nie einer gesichtet worden. Noch 2009 schätzten Forscher die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das derzeit in Chile im Bau befindliche Large Synoptic Survey Teleskope mit seinen 8,4 Metern Durchmesser jemals einen Himmelskörper aus einem fremden Sonnensystem beobachtet, auf weniger als ein Prozent.

Doch dann kam ’Oumuamua. Der auf das hawaiianische Wort für „Kundschafter“ getaufte Himmelskörper wurde vor zwei Jahren auf einer hyperbolischen Bahn entdeckt und ist damit der erste in unserem Sonnensystem gesichtete Himmelskörper interstellarer Herkunft. Allerdings war ’Oumuamua kein Komet, sondern ein steinerner Asteroid: In Sonnennähe verdampfte von seiner Oberfläche daher kein Eis, um einen typischen Kometenschweif zu bilden. Die Entdeckung ’Oumuamuas ließ die Schätzungen für die Wahrscheinlichkeit der Beobachtung interstellarer Objekte drastisch steigen, und zwar auf etwa ein Objekt pro Jahr.

Die Zeit war damit reif für die Idee der Forschungsgruppe um Guzik und Drahus. Die polnischen Astronomen hatten einen Algorithmus entwickelt, ebenjenen „Interstellar Crusher“, der sie auf mögliche hyperbolische Bahnen neuer Himmelskörper in der Datenbank des Minor Planet Center aufmerksam machte. „Die Entdeckung von ’Oumuamua war nur möglich dank der automatisierten Überwachung des Himmels mit Pan-STARRS“, einem auf Hawaii stationierten Teleskop-System, erklärt Guzik. Frühere Überwachungssysteme hätten dafür nicht die nötige Sensitivität gehabt. Anders sei das bei dem jetzt gesichteten Kometen gewesen, der als zweites interstellares Objekt nun den Namen „2I/Borisov“ trägt. Der sei so hell, dass er auch schon vor zwanzig Jahren hätte entdeckt werden können.

„Die Koinzidenz der beiden Funde innerhalb von zwei Jahren war also eine Kombination von Glück und technischem Fortschritt“, sagt Guzik. Wichtig sind diese Entdeckungen deswegen, weil sie Astronomen Hinweise darauf liefern können, wie typisch oder wie speziell unser eigenes Sonnensystem unter den anderen Sternsystemen ist. ’Oumuamua war mit seiner abnorm langgestreckten Form ein extremer Sonderling. 2I/Borisov dagegen unterscheidet sich nach bisherigen Beobachtungen nicht von einem Kometen solarer Herkunft: etwa einen Kilometer groß ist er und von rötlicher Farbe. Guzik schließt daraus, dass es zumindest einige Sternsysteme gibt, die unserem in gewissem Maße ähnlich sind.

Theoretisch könnte eine Raumsonde ihn einholen

Noch mehr über solche Fragen ließe sich sicher in Erfahrung bringen, könnte man eine Raumsonde zum Kometen 2I/Borisov schicken. Wie realistisch ein solches Unternehmen wäre, haben britische Wissenschaftler um Andreas Hein untersucht. Nach ihren Berechnungen ist der günstigste Starttermin freilich schon verpasst – er wäre im Juli vergangenen Jahres gewesen. Eine Chance gebe es allerdings noch: Würde man im Jahre 2030 eine Rakete Richtung Jupiter starten, sie, vom Schwerefeld des Planeten abgelenkt, zurück zur Sonne fliegen lassen und ihr von dort mittels eines zusätzlichen Raketenschubs eine ausreichend hohe Beschleunigung verleihen, so ließe sich der Komet im Jahre 2045 einholen, sofern die wissenschaftliche Nutzlast nicht mehr wiegt als drei Kilogramm.

Die Reise einer Sonde zum Kometen 2I/Borisov wäre spektakulär, aber in dieser Form wohl etwas voreilig. Denn in Anbetracht der neuen Erkenntnisse über die Häufigkeit solcher interstellaren Eindringlinge von einem Objekt pro Jahr wäre es wohl sinnvoller, einfach den nächsten abzuwarten. Das ist eines der Ziele des im Juni dieses Jahres begonnenen Programms „Comet Interceptor“ der europäischen Weltraumorganisation ESA. Von 2028 an will man damit in der Lage sein, neue Kometen rechtzeitig mit einer Raumsonde abzufangen.

Lange vorher, nämlich am 28. Dezember 2019, wird 2I/Borisov den Punkt seiner größten Nähe zur Erde erreichen – seine Entfernung wird dann etwa 300 Millionen Kilometer oder einen Erdbahndurchmesser betragen. Mit dem bloßen Auge wird man den Kometen auch dann nicht beobachten können. Dazu sei ein Teleskop von mindestens zwanzig Zentimeter Durchmesser erforderlich, schreibt der Freizeitastronom Bob King in seinem Blog.

Gut gerüstete Amateure haben auch in der Vergangenheit schon immer wieder wichtige Beiträge zur akademischen Astronomie geliefert. So zum Beispiel der Amerikaner Clyde Tombaugh, dessen selbstgebaute Teleskope ihm zu einem Job am Lowell Observatory in Arizona verhalfen, wo er 1930 den Pluto entdeckte. Seinen Bachelor und Master in Astronomie hatte er erst nach diesem Erfolg erworben. Auch Gennadiy Borisov war in Astronomenkreisen bisher alles andere als ein Unbekannter. Als Teleskopingenieur an dem auf der Krim gelegenen Observatorium des Sternberg-Instituts für Astronomie hatte er zuvor mit seinen selbstgebauten Geräten schon sieben Kometen entdeckt. Natürlich habe er seine Suchaufgabe fortgesetzt und nach dem achten gesucht, sagte er dem russischen Internetmagazin „Fontanka.ru“ in einem Interview. Die Bedeutung der Amateurastronomie sieht er allerdings schwinden. „Normalerweise entdecken Amateure einen bis drei Kometen pro Jahr. Im Jahr 2013 waren wir zu siebt. Doch 2016 war ich der Einzige, der einen Kometen entdeckte. Mit jedem Jahr wird es weniger. Es gibt immer mehr riesige Teleskope. Für Amateure bleibt bald nichts mehr übrig.“

Quelle: F.A.S.
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