Nasa-Bekanntgabe

„Eine aufregende neue Mond-Entdeckung“

EIN KOMMENTAR Von Sibylle Anderl
Aktualisiert am 26.10.2020
 - 18:44
Dass der Mond gar nicht so trocken ist wie er aussieht, ist zwar erfreulich, aber nur mittelmäßig überraschend.
Die Nasa hatte die Vorfreude auf eine angeblich große Neuigkeit vom Mond geschürt. Die heutige Auflösung der Ankündigung lenkt die Aufmerksamkeit aber vor allem auf ein geplantes Raumfahrt-Programm.

In diesem Jahr, das bislang doch so arm an Gelegenheiten zum Entwickeln von Vorfreude gewesen ist, ist man über jeden noch so kleinen Anlass für stimmungshebende Träumereien dankbar. Und so ist es kaum verwunderlich, dass die Verlautbarung der amerikanischen Weltraumagentur Nasa vom vergangenen Mittwoch, sie werde in der Folgewoche eine „aufregende neue Entdeckung über den Mond“ bekanntgeben, einige Resonanz hervorrief. Es werde, so viel wurde verraten, um ein Phänomen gehen, das im optischen Licht unsichtbar sei. Nun, das könnte auf vieles zutreffen: bislang unsichtbare Mondbasen, neu entdeckte niedliche Mondtierchen, vielleicht sogar die wahre Natur des Erdbegleiters als geheimer Todesstern?

Die alte Faustregel, dass Vorfreude die schönste Freude ist, bestätigte sich allerdings am Montagabend bei der Bekanntgabe der vermeintlichen Sensation ein weiteres Mal. Schnödes Wasser auf dem Mond hatte die Nasa gefunden. Zugegeben, das ist schon durchaus erfreulich und auch ein kleines bisschen überraschend. Auch wenn die Existenz von Wasser auf dem Mond bereits 2008 durch den Fund von Wassermolekülen in Gesteinsproben der Apollo-Missionen nahegelegt und in den Folgejahren durch weitere Beobachtungen weiter untermauert worden war. Insbesondere der Moon Mineralogy Mapper der Nasa hatte 2018 bestätigt, dass die Mondpole Wassereis beherbergen.

Nun hat auch das Sofia-Observatorium, eine von der Nasa und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betriebene Boeing 747SP mit Infrarotteleskop an Bord, eine eindeutig auf Wasser hindeutende Absorptionslinie bei 6 Mikrometern nahe des weit im Süden liegenden Clavius-Kraters gefunden. Das Besondere: Während frühere Infrarotbeobachtungen bereits eine Absorptionslinie bei 3 Mikrometern finden konnten, die sowohl auf Wasser als auch auf Verbindungen von Hydroxyl (OH) zurückzuführen war, kann die von Sofia beobachtete Linie ausschließlich durch Wasser erklärt werden. Im Schnitt weise sie auf die Existenz von 200 Mikrogramm H₂O pro Gramm Mondgeröll hin, wird in „Nature Astronomy“ beschrieben. Es sei wahrscheinlich in Glas eingeschlossen und bei Einschlägen von Mikrometeoriten aus existierendem Mondmaterial entstanden.

Für das amerikanische Artemis-Programm, das 2024 den nächsten Menschen zum Mond schicken will, liefert die Entdeckung eine willkommene Gelegenheit zu ausgiebiger PR – daran lies die Nasa bei ihrer Pressekonferenz am Montag keinen Zweifel. Die Existenz von Wasser auf dem Mond werde dessen Erschließung im Zuge astronautischer Raumfahrt deutlich erleichtern. Die derartig Aufmerksamkeit heischende Geheimniskrämerei dürfte sich für die Verbreitung dieser Botschaft gelohnt haben. Dass dabei aber ausgerechnet das über viele Jahre in den Vereinigten Staaten massiv kritisierte deutsch-amerikanische Projekt Sofia als Werbeträger für die nächste amerikanische Mondmission gefeiert wurde, war dann fast überraschender als der Wasserfund selbst.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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