Rosetta Mission

Die positiven Seiten einer missglückten Landung

EIN KOMMENTAR Von Sibylle Anderl
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 14:07
Eine Landung, die anders verlief als geplant: Astronomen konnten rekonstruieren, welchen Weg die Landesonde Philae auf dem Kometen 67P zurückgelegt hat.
Ein Komet mit Felsen wie Milchschaum – wie uns die Rosetta-Mission lehren kann, auch aus Unfällen noch das Beste zu machen.

Dieses Jahr, so kann man bereits jetzt bilanzieren, wird in Erinnerung bleiben als das Jahr der gescheiterten Pläne. Was hatten wir uns nicht alles vorgenommen im Januar, als die Monate von 2020 noch frisch und vielversprechend vor uns lagen. Dann kam alles anders, und nach und nach verschob sich der größte Teil des Erhofften vom erwartungsvollen Futur in den frustrierenden Konjunktiv II der Vergangenheit. Der Umgang mit dieser Tatsache ist eine große Herausforderung, nicht zuletzt psychologisch.

Inspiration dafür, wie es gelingen kann, einen vermeintlich gescheiterten Plan nach der ersten Frustration doch noch in einen Erfolg zu drehen, kann man sich derzeit aus der Astrophysik holen. Im November 2014 hatte die Landeeinheit Philae der Rosetta-Mission der Esa auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko landen sollen. Die Verankerung der Sonde anhand von Harpunen funktionierte aber nicht, Philae fand keinen Halt, prallte ab, kollidierte mit einer Felskante, landete kurz ein zweites Mal, um dann schließlich in einer dunklen Mulde steckenzubleiben. Kein schönes Ende für eine kleine Sonde, der die Herzen der Freunde des Kosmos zugeflogen waren wie kaum einer Sonde zuvor.

Doch selbst diese Geschichte eines grauenvollen zweistündigen Oberflächencrashs kann man zur einmaligen wissenschaftlichen Chance umdeuten, wie aktuell in „Nature“ nachzulesen ist. Missionswissenschaftler, unter anderem aus Braunschweig, Berlin und Göttingen, konnten unter Rückgriff auf Daten der deutschen Magnetometer von Philae und Rosetta detailliert den Irrweg der Sonde rekonstruieren. Dabei zeigte sich, dass Philae rund zwei Minuten am zweiten Landeplatz verweilte und dort 25 Zentimeter tief in das Eis am Rand einer Spalte zwischen zwei Felsen einsank. Philae erzeugte auf diese Weise völlig ungeplant „eine einmalige Gelegenheit für das Studium eisiger Kometenfelsen“, wie der amerikanische Astronom Erik Asphaug in einem Begleitkommentar schreibt.

Kein rationaler Ingenieur hätte sich so ein Experiment ausgedacht, mit dem die Reaktion der Oberfläche auf den Zusammenstoß mit einem 100-Kilo-Gerät getestet werden konnte. Das Ergebnis ist durchaus charmant: Das aus Staub und Eis bestehende Material ist demnach fluffig wie Cappuccino-Schaum. Das hätten wir ohne Philaes Unfall so eindeutig wohl nie erfahren. Und so bleibt zumindest zu hoffen, dass wir in einigen Jahren auch dem einen oder anderen 2020er-Unfall ähnlich unerwartet Erfreuliches abgewinnen können.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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