Unterwegs zur ISS

19 Stunden dauert die Aufholjagd

Von Manfred Lindinger
30.05.2020
, 21:47
Der Start der Dragon-Kapsel mit den beiden amerikanischen Astronauten Behnken und Hurley an Bord ist im zweiten Anlauf geglückt. 19 Stunden später soll die Crew am Sonntag die Internationale Raumstation ISS erreichen.

Erstmals nach neun Jahren sind wieder Astronauten von Cape Canaveral in Florida mit einer amerikanischen Rakete ins All gestartet. Mit zwei Tagen Verspätung hob die „Falcon9“ von SpaceX um 15.22 Ortszeit (21.22 Uhr, deutscher Zeit) von der Startrampe LC 39A auf dem Kennedy Space Center ab. Von dort aus war im Jahr 2011 das letzte amerikanische Space-Shuttle gestartet. Ursprünglich sollte die Falcon9 bereits am Mittwochabend starten. Wegen eines aufziehenden Unwetters musste die Mission neun Minuten vorher abgebrochen werden.

Verläuft der Flug der Crew-Dragon nun wie geplant, werden die beiden ehemaligen Testpiloten und erfahrenen Raumfahrer Robert Behnken (49) und Douglas Hurley (53) einen Tag später mit ihrer Kapsel an der ISS andocken. Sie sollen auf dem Außenposten rund einen Monat verbringen, bis sie mit der Dragon-Kapsel zur Erde zurückkehren. Während des Fluges zum Außenposten werden Behnken und Douglas umfangreiche Tests an Bord ausführen. Denn es ist der erste bemannte Flug einer Crew-Dragon-Kapsel überhaupt. Deshalb handelt es sich offiziell um keinen Versorgungsflug zur ISS, sondern um einen Testflug. Die Ergebnisse sind entscheidend dafür, dass das Unternehmen SpaceX die endgültige Zulassung für den regulären Beförderungsbetrieb für Astronauten zwischen Erde und Raumstation erhält.

Zwei Minuten und 44 Sekunden nach dem Start der Falcon9 zündete die zweite Raketenstufe. Die zuvor abgekoppelte Unterstufe vollführte einige Flugmanöver und landete 9 Minuten und 22 Sekunden später unbeschadet vertikal auf einer Plattform im Atlantik. Die Raketenstufe kann nach einer Reparatur für den nächsten Start einer Falcon-Trägerrakete wiederverwendet werden. Recyclebare Unterstufen sind eine Besonderheit von SpaceX-Raketen.

Crew-Dragon nimmt Kurs auf ISS

Währenddessen brachte die Oberstufe Behnken und Hurley in die nächsthöhere Umlaufbahn. Zwölf Minuten nach dem Start trennte sich schließlich die Raumkapsel von der ausgebrannten Oberstufe und führte die Reise weiter fort. Wenige Minuten später schwenkten die beiden Astronauten in die vorgesehene Umlaufbahn in 400 Kilometern Höhe ein, in der auch die Raumstation kreist.

19 Stunden wird die Aufholjagd dauern. Ist die ISS in Sichtweite, beginnt das Andockmanöver, das automatisch abläuft, aber auch von den Astronauten manuell gesteuert werden kann. Um 17.39 Uhr deutscher Zeit soll die Dragon-Kapsel am „Harmony“-Modul der ISS festmachen. Zwei Stunden später folgt der große Augenblick: Die Luken öffnen sich und Behnken und Hurley werden von den derzeitigen ISS-Besatzungsmitgliedern, dem Nasa-Astronauten Chris Cassidy sowie den beiden russischen Kosmonauten Anatoli Iwanischin und Iwan Wagner, feierlich begrüßt.

Zuletzt waren im Sommer 2011 Astronauten mit der Raumfähre „Atlantis“ zur ISS geflogen - an Bord war übrigens auch Hurley. Danach mottete die amerikanische Raumfahrtbehörde ihre Space-Shuttle-Flotte aus Kostengründen ein und war für Flüge zur ISS seither auf Russland angewiesen. Das war mit bis zu 80 Millionen Euro pro Flug in einer russischen Sojus-Kapsel nicht nur teuer, sondern kratzte auch mächtig am Ego.

Verläuft der Flug von Behnken und Hurley erfolgreich, soll es noch in diesem Jahr einen weiteren Start eines „Crew Dragon“ geben. Dieser wird dann gleich vier Astronauten zur ISS bringen.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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