Marsmissionen am Ziel

Wir sehen uns auf dem Roten Planeten

Von Ulf von Rauchhaupt
18.02.2021
, 19:02
Sicher verpackt: In dieser Illustration nähert sich der Nasa-Rover Perseverance bereits der Marsoberfläche.
China und die Arabischen Emirate haben beide ihre ersten Marssonden erfolgreich ans Ziel gebracht. Heute Abend folgen nun die Amerikaner. Der Rover „Perseverance“ wird voraussichtlich gegen 21.45 Uhr deutscher Zeit auf dem Roten Planeten landen.
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Andere Länder, andere Sitten. Das scheint auch für das Verhalten von Raumfahrtingenieuren zu gelten, denen gerade ein kritisches Manöver geglückt ist. Nun war im Mohammed Bin Rashid Space Center in Dubai kein wildes Umarmen der Umstehenden zu erwarten, als dort am Dienstagabend in der vergangenen Woche das Signal eintraf, welches das erfolgreiche Einschwenken der Sonde „Al-Amal“ (die Hoffnung) in die Umlaufbahn um den Mars meldete. Dergleichen verbat sich hier nicht nur aus Corona-Gründen, sondern auch weil ein gutes Drittel der Belegschaft weiblich war. Ein wahlloses Herzen unter Kolleginnen und Kollegen war selbst in diesem für die Nation besonderen Moment nichts, was in dem Golfstaat für schicklich gehalten worden wäre – auch wenn das zuständige Ministerium von einer 34 Jahre alten Informatikerin geleitet wird.

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Stattdessen wurde applaudiert und dann andächtig den Worten seiner flugs in den Kontrollraum geeilten Hoheit Scheich Muhammad Bin Rashid Al Maktoum gelauscht. Der Herrscher von Dubai und Vizepräsident der Vereinigten Arabischen Emirate hatte diese erste Mission eines islamischen Landes zum Roten Planeten vor sechs Jahren angeordnet, um damit den 50. Jahrestag des Zusammenschlusses der Emirate im Jahr 1971 zu begehen. Mit dem Blick auf ein Zeitalter nach dem Öl will er sein Land als zukünftige Technologienation einführen. Auch wenn die volle Funktionstüchtigkeit der Sonde sich erst in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten erweist, ist das Zeichen gesetzt – und das wurde am Dienstag auch gefeiert: Über die Fassade des Superwolkenkratzers Burj Khalifa im Zentrum Dubais ergoss sich eine monumentale Lasershow mit Marsthemen, und der englischsprachige Staatssender „Dubai One“ begleitete die Ankunft der Sonde mit einer zweistündigen Liveshow. Denn immerhin: Nach Russen, Amerikanern, Europäern und Indern sind die Emiratis nun die fünfte Macht, der es gelungen ist, eine Sonde in den Marsorbit zu bringen.

Mars-Vulkane bei Sonnenaufgang, aufgenommen von der arabischen Raumsonde „Al-Amal“
Mars-Vulkane bei Sonnenaufgang, aufgenommen von der arabischen Raumsonde „Al-Amal“ Bild: AP

Keine Party für die „Himmelsfrage“

Nummer sechs folgte bereits am Tag darauf, dem Mittwoch. Da zündete um 12:52 Uhr mitteleuropäischer Zeit das Haupttriebwerk der chinesischen Raumsonde „Tianwen-1“, und um 14 Uhr zeigte die Frequenzverschiebung ihres Funksignals an, dass auch die Mission aus dem Reich der Mitte in eine Marsumlaufbahn eingetreten war. Das war bereits elf Minuten zuvor geschehen, denn so lange brauchen Radiowellen für die 192 Millionen Kilometer, die den Mars gegenwärtig von der Erde trennen.

Aufgrund dieser Zeitdifferenz lassen sich Manöver von Marssonden nicht direkt von der Erde aus kontrollieren, sondern müssen vorab programmiert beziehungsweise autonom vom Bordcomputer gesteuert werden. Das ist eine der Schwierigkeiten, die Marsmissionen deutlich komplexer machen als solche im Erdorbit und die denen, die sie unternehmen, ein gewisses Maß an Raumfahrterfahrung und technischem Können abverlangen. Auch wenn die Chinesen 2018 mit der ersten jemals unternommenen Landung einer fahrbaren Sonde, eines sogenannten Rovers, auf der erdabgewandten Seite des Mondes einen wichtigen Erfolg verbuchen konnten, war ein Gelingen am Mars – wo bisher rund die Hälfte aller dorthin geschickten Sonden in der einen oder anderen Form gescheitert ist – keineswegs garantiert. Man sollte meinen, dass nun auch in Peking laut gejubelt wurde.

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Weit gefehlt. Tianwen – der Name bedeutet soviel wie „Himmelsfrage“ und spielt auf ein antikes chinesisches Gedicht an – war weder Gegenstand einer nationalen Party noch einer Liveshow. Die China National Space Administration veranstaltete auch keine Fernsehübertragung, nicht einmal eine Pressekonferenz. Man gab nur einige dünne Meldungen heraus sowie ein bereits am 5. Februar aufgenommenes Schwarzweißbild des Mars und bestätigte den Erfolg auch nur im Nachhinein. Dass die Sonde das Einschwenkmanöver geschafft hatte, konnte die Weltöffentlichkeit zuerst von Funkamateuren erfahren, die das Signal des Gefährts verfolgt und anhand des sogenannten Dopplereffekts aus Frequenzänderungen auf seine Manöver geschlossen hatten.

Einen Tag später, am 10. Februar, erreichte auch die chinesische Marssonde „Tianwen-1“ ihr Ziel. Eine erste Aufnahme vom Mars aus dem Orbit.
Einen Tag später, am 10. Februar, erreichte auch die chinesische Marssonde „Tianwen-1“ ihr Ziel. Eine erste Aufnahme vom Mars aus dem Orbit. Bild: Reuters

Das Gegenteil von PR

Die praktisch nichtexistente Öffentlichkeitsarbeit der Chinesen hat Methode. Schon im vergangenen Juli hatte man den Starttermin der Mission nur vage angekündigt, und die internationale Marsforscher-Community musste Presseanfragen zu den wissenschaftlichen Zielen der Chinesen größtenteils mit Achselzucken beantworten, denn erst am 13. Juli 2020, zehn Tage vor dem Start, ließen Mitglieder des chinesischen Teams in Nature Astronomy ihre Fachkollegen auf gerade mal einer Druckseite wissen, was sie ungefähr vorhatten. Eine halbwegs detaillierte Beschreibung der Instrumente folgte in den Advances of Space Research erst am 13. November.

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Ganz anders die Emiratis, die lange vor dem ebenfalls im Juli erfolgten Start die stellvertretende Leiterin des Projekts öffentlichkeitswirksam zur Ministerin machten und eine pompöse Website ins Netz stellten – Tianwen-1 hat bis heute keine. Die Amerikaner aber zogen erst recht alle Register. Denn auch die Nasa hatte um die gleiche Zeit ihren neuen Marsrover „Perseverance“ auf den Weg gebracht und schon im Vorfeld begonnen, die digitalen Kanäle mit ausführlichen Pressekonferenzen und hochwertigen Animationen zu fluten. Der fast gleichzeitige Aufbruch erklärt sich durch eine für solche Reisen besonders günstige und nur jedes zweite Jahr eintretende Stellung der Erde zum Mars. Ursprünglich hätten im Juli 2020 sogar vier Missionen zum Roten Planeten aufbrechen sollen, doch der europäische „ExoMars-Rover“, der inzwischen den Namen „Rosalind Franklin“ trägt, wurde nicht rechtzeitig fertig und soll nun erst 2022 starten und 2023 landen.

Interesse an Utopia?

„Perseverance“ dagegen könnte schon heute Abend (18. Februrar) nach der erfolgreichen Landung losrollen. Der fünfte und komplexeste amerikanische Marsrover wird in einem nur 45 Kilometer weiten Krater landen, wo es ein fossiles Flussdelta gibt, Zeuge einer Zeit vor dreieinhalb Milliarden Jahren, als es auf dem Mars noch wärmer war und jener Krater voller Wasser stand. Wenn es damals auf dem Mars Leben gab, könnten hier Spuren davon zu finden sein.

Am Donnerstag, den 18. Februar, soll der amerikanische Rover „Perseverance“ auf dem Mars landen»
Am Donnerstag, den 18. Februar, soll der amerikanische Rover „Perseverance“ auf dem Mars landen» Bild: dpa

Da hat Tianwen-1 doch ein vergleichsweise weniger spannendes Ziel: Die riesige Tiefebene Utopia Planitia bietet vor allem eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Landung des Sondenteils gelingt, welches im April oder Mai von dem chinesischen Orbiter abgekoppelt und zur Oberfläche geschickt werden soll. Nicht zuletzt deswegen war Utopia bereits 1976 das Ziel einer der beiden ersten Landesonden der Amerikaner gewesen. Das ist aber wohl nicht der einzige Grund, warum sich die Publicitysucht der Chinesen so sehr in Grenzen hält. Mit dem erst 2016 beschlossenen Projekt Tianwen-1 versucht China als absoluter Neuling am Mars dort gleich drei Dinge auf einmal: Plazieren eines Orbiters, Landung und Betrieb eines dem Lander mitgegebenen Rovers – wofür die Nasa mehr als fünfzig Jahre lang Erfahrung sammeln konnte.

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Tianwen-1 ist daher ein sehr riskantes Experiment, mit dem man im Erfolgsfall der Welt erzählen kann, mit den Amerikanern gleichgezogen zu sein, im Falle eines Scheiterns aber womöglich keine nähere Aufklärung darüber geben müssen möchte, was genau schiefgelaufen ist. Die Emiratis­ dagegen, deren Stolz auf ihren M­arsorbiter in keiner Weise darunter leidet, dass man sich zu ihrem Bau mit drei amerikanischen Universitäten verbündet und zu ihrem Start einer japanischen Rakete bedient hatte, haben in ihrer Mars-Show am Dienstag immer wieder betont, dass die Erfolgschancen ja nur 50:50 stünden. Technologienation werden zu wollen ist offenbar ein ganzes Stück entspannter. als Supermacht sein zu müssen.

Quelle: FAS
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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