Herz

Wenn das Herz stolpert

12.05.1999
, 12:00
Vorhofflimmern zählt zu den häufigsten Herzrhythmusstörungen. Man nimmt an, daß rund sechs bis acht Prozent der älteren Menschen hiervon betroffen sind. Für das Leiden sind extrem schnelle, unkoordinierte Zuckungen der Herzvorhöfe charakteristisch.
ANZEIGE

Vorhofflimmern zählt zu den häufigsten Herzrhythmusstörungen. Man nimmt an, daß rund sechs bis acht Prozent der älteren Menschen hiervon betroffen sind. Für das Leiden sind extrem schnelle, unkoordinierte Zuckungen der Herzvorhöfe charakteristisch. Diese münden in eine unregelmäßige Schlagfrequenz der Hauptkammern, der Ventrikel des Herzens. Den holprigen, häufig jagenden Puls empfinden die meisten Kranken als unangenehm; oft klagen sie auch über starke Beschwerden, etwa Schwindelgefühle, Herzklopfen und Atemnot bei körperlicher Belastung. Unmittelbar lebensbedrohlich ist das Vorhofflimmern gleichwohl nicht. Es begünstigt jedoch die Entstehung von Blutgerinnseln und fördert damit die Entstehung von Gefäßverschlüssen, die einen Schlaganfall auslösen können. Die Patienten müssen daher teilweise gerinnungshemmende Medikamente einnehmen.

ANZEIGE

Bei der Behandlung des Vorhofflimmerns befindet sich der Arzt vielfach in einem Dilemma. Durch einen Elektroschock läßt sich der normale Herzrhythmus zwar vielfach wiederherstellen; der Erfolg der Maßnahme hält allerdings oft nur kurze Zeit an. Aus diesem Grund greift man häufiger auf das Medikament Amiodaron zurück. Wie mehrere Untersuchungen ergeben haben, vermag das Arzneimittel den Herztakt bei rund 60 Prozent der Kranken zu stabilisieren. Da das Präparat aber teilweise erhebliche Nebenwirkungen hervorruft, kommt es nicht für alle Patienten gleichermaßen in Betracht. Eine weitere Behandlungsmöglichkeit besteht darin, lediglich die Symptome zu mildern. Erreichen läßt sich dies erfahrungsgemäß mit Medikamenten, die den Herzrhythmus beruhigen, etwa bestimmten Kalziumantagonisten.

Von welcher Behandlungsstrategie die Kranken am meisten profitieren, haben Karl-Heinz Kuck vom Krankenhaus St. Georg in Hamburg und Stefan Hohnloser von der Universitätsklinik Frankfurt am Main in der "Pharmacological Intervention in Atrial Fibrillation"-Studie (PIAF) untersucht. Es wurden 252 Patienten mit anhaltendem Vorhofflimmern beobachtet. Eine Hälfte erhielt den Kalziumantagonisten Diltiazem, die andere Hälfte Amiodaron. Ließ sich der Herztakt mit diesen Mitteln nicht normalisieren oder erlitten die Patienten einen Rückfall, wurden zusätzlich Elektroschocks angewandt.

Wie die Kardiologen auf dem Kongreß der Herz- und Kreislaufforscher in Mannheim berichteten, gingen die Beschwerden im Verlauf eines Jahres bei beiden Gruppen gleich stark zurück. Das Ergebnis war insofern überraschend, als die mit Diltiazem behandelten Patienten weiterhin an Vorhofflimmern litten. Bei den Kranken, die Amiodaron eingenommen hatten, ließ sich der normale Herztakt indes wiederherstellen. Die körperliche Leistungsfähigkeit nahm zu. Allerdings mußten diese Patienten drei- bis viermal so oft stationär behandelt werden - größtenteils, um sich erneut einer Elektroschockbehandlung zu unterziehen. Unerwünschte Nebenwirkungen veranlaßten außerdem rund 25 Prozenz der Patienten, auf das Medikament zu verzichten. Bei den Kranken, die Diltiazem eingenommen hatten, waren es nur 14 Prozent.

ANZEIGE

Die Ergebnisse der PIAF-Studie lassen den Schluß zu, daß das Bestreben, den Herzrhythmus bei Vorhofflimmern in jedem Fall zu normalisieren, den Patienten nicht unbedingt hilft. Eine Verbesserung der Beschwerden läßt sich offenbar auch auf einfachere Weise mit Mitteln erreichen, die den beschleunigten Herztakt verlangsamen.

NvL.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.1999, Nr. 109 / Seite N1
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE